Wenn Kinder die Wut packt: Wie Kinder lernen mit ihren Emotionen umzugehen

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Emotionales Familienklima

Weiterhin wird angenommen, dass die Emotionsregulation auch durch allgemeinere Charakteristika des Familienlebens beeinflusst wird. Hierzu zählen unter anderem die Beziehungsqualität der einzelnen Familienmitglieder untereinander, das Ausmaß an ausgedrückten Emotionen und das allgemeine Erziehungsverhalten der Eltern – beispielsweise wie viel Zuneigung Eltern ihren Kindern zeigen und wie konsequent sie auf die Durchsetzung aufgestellter Regeln achten. Es konnte gefunden werden, dass eine besonders feinfühlige Erziehung, bei der Eltern auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und hohe, aber dennoch realistische Erwartungen an sie stellen, auf Seiten der Kinder mit einem breiteren Repertoire an angemessenen Strategien zur Emotionsregulation einhergeht (Kliewer, Fearnow & Miller, 1996), während ein feindseliges Erziehungsverhalten mit unangemessenen Strategien zusammenhing.

Strategien zur Regulation von Emotionen und ihr Zusammenhang mit psychischen Störungen

Doch was sind überhaupt angemessene und unangemessene Strategien zur Emotionsregulation und wie wird diese Unterscheidung begründet? Diese Einordnung wird häufig daran festgemacht, inwiefern Personen, die angeben, eine bestimmte Strategie besonders häufig zu nutzen, auch stärkere psychische Probleme berichten und Personen, die diese Strategie seltener nutzen, weniger psychische Probleme berichten. Tabelle 1 gibt eine Übersicht über typische Strategien zur Emotionsregulation und verdeutlicht, inwiefern diese eher als angemessen oder unangemessen angesehen werden können. Diese Einteilung wurde anhand einer Metaanalyse  vorgenommen, in der Aldao, Nolen-Hoeksema und Schweizer (2010) die Ergebnisse von insgesamt 116 Studien zu dieser Frage auswerteten. Die engen Zusammenhänge machen deutlich, dass Emotionsregulation eine wichtige Rolle für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen spielt. Auch wenn in der Tabelle nur Beispiele für den Umgang mit negativen Emotionen genannt werden, ist auch die Regulation von positiven Emotionen von großer Bedeutung. Hierbei ist es ein weit verbreiteter Trugschluss, dass es per se hilfreich ist, negative Emotionen abzuschwächen und positive Emotionen zu steigern. Beispielsweise kann es unangemessen sein, wenn sich ein Kind extrem freut, dass es im Sport gegen ein anderes Kind gewonnen hat, weil es dieses durch seine Reaktion traurig machen könnte. Eine mangelnde Regulation von positiven Emotionen kann auch dazu führen, dass potentielle Gefahren nicht schnell genug erkannt werden, und steht im Zusammenhang mit verschiedenen psychischen Störungen wie zum Beispiel manischen Episoden, die durch eine intensive, jedoch unbegründet gehobene Stimmung gekennzeichnet sind, welche häufig mit Realitätsverlust und Größenwahn einhergeht und dazu führt, dass betroffene Personen sich völlig verausgaben.

Tabelle 1. Hilfreiche und weniger hilfreiche Strategien zum Umgang mit Emotionen (Bild von Nantje Otterpohl)

In dem Modell von Morris (Abbildung 1) wird angenommen, dass familiäre Einflussfaktoren indirekt über die Emotionsregulation zur Entwicklung von psychischen Störungen führen. Ein zentraler Kritikpunkt an dieser Annahme ist allerdings, dass in der Vergangenheit zwar wiederholt Zusammenhänge zwischen diesen Konstrukten gefunden wurden, es sich bei den Ergebnissen aber größtenteils nur um Momentaufnahmen zu einem bestimmten Zeitpunkt handelte. Daher ermöglichen die Ergebnisse streng genommen keine Aussage darüber, um welche Ursache-Wirkung- Beziehung es sich hierbei handelt. Vielmehr kann man sich sicherlich auch fragen, ob diese Beziehung in Wirklichkeit nicht auch umgekehrt möglich wäre. Beschleicht Sie als Mutter oder Vater manchmal das Gefühl, dass nicht nur Sie Ihr Kind erziehen, sondern manchmal auch Ihr Kind Sie? Oder haben Sie rückblickend das Gefühl, dass Sie als Kind manchmal auch Ihre Eltern beeinflusst haben? Dieser Frage wurde in einer Studie nachgegangen, in der Familien zu einem im Hinblick auf Emotionen ganz besonderen Entwicklungsabschnitt befragt wurden: Dem Beginn der Pubertät.

Wenn Kinder älter werden - Wer erzieht hier eigentlich wen?

Otterpohl und Wild (2015) baten 1100 Kinder das Erziehungsverhalten ihrer Eltern, die eigene Emotionsregulation (Strategien zum Umgang mit Situationen, in denen sie wütend sind) sowie ihre psychische Belastung einzuschätzen. Zum Zeitpunkt der Befragung waren die Kinder durchschnittlich 12 Jahre alt. Ein Jahr später wurde die Befragung wiederholt. Durch diese Mehrfachbefragung konnte eine Aussage darüber getroffen werden, wie sich das Erziehungsverhalten, die Emotionsregulation und die psychische Belastung entwickelt haben und was dabei eher Ursache oder Wirkung ist. Die Befunde deuten darauf hin, dass es einen Einfluss in beide Richtungen zu geben scheint: Auch wenn Eltern in der schwierigen Phase der (beginnenden) Pubertät sicherlich häufig das Gefühl haben, dass ihr Kind "überhaupt nicht mehr auf sie hört", hat ihr Erziehungsverhalten nach wie vor einen bedeutenden Einfluss auf das Verhalten ihres Kindes. Die Ergebnisse sprechen aber auch dafür, dass das Erziehungsverhalten der Eltern in diesem Alter sehr stark durch die Emotionsregulation ihres Kindes beeinflusst wird. Gerade die Pubertät ist durch das Erleben intensiver Emotionen gekennzeichnet und sowohl für Jugendliche als auch für ihre Eltern mit vielen neuen Herausforderungen verbunden. Jugendliche müssen lernen, mit diesem weitläufig bekanntem "Gefühlschaos" umzugehen und Eltern scheinen ihr Erziehungsverhalten in dieser Zeit auf die Stärken und Schwächen ihres Kindes zuzuschneiden. Außerdem zeigte sich, dass die gegenseitige Einflussnahme in diesem Alter besonders bei Jungen bedeutsam ist, während sich die Emotionsregulation der Mädchen relativ unabhängig von den Eltern entwickelte. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass sich Mädchen in diesem Alter bereits stärker an anderen (z.B. ihrer Peergroup) orientieren als Jungen.

Zusammenfassung

Als Voraussetzung einer gesunden Entwicklung im Kindes- und Jugendalter stellt Emotionsregulation einen wichtigen Ansatzpunkt für die Vorbeugung und Behandlung von psychischen Störungen dar. Hierbei erscheinen direkte und indirekte Maßnahmen vielversprechend: Zum einen ist es wichtig, die Bedeutung emotionaler Kompetenzen in der präventiven bzw. therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu thematisieren und hierbei aktiv Emotionsregulationsstrategien einzuüben. Zum anderen verdeutlichen die Befunde zur Rolle des Elternhauses das Potential, über emotionsfokussierte Elterntrainings der Entwicklung psychischer Störungen bei Kindern vorzubeugen oder entgegenzuwirken. Bisher gibt es nur wenige Trainings, die spezifische Trainingselemente zur Förderung der kindlichen Emotionsregulation beinhalten. Eine Ausnahme bildet das in Australien entwickelte Elterntraining Tuning in to Kids (Havighurst, Wilson, Harley, Prior & Kehoe, 2010), welches aktuell für den deutschen Sprachraum evaluiert wird (Otterpohl et al., in Vorbereitung). Die bisherigen Forschungsergebnisse verdeutlichen aber auch, dass es nicht "die" Erziehung und "die" Emotionsregulation gibt, die bei jedem Kind und in jeder Situation gleich erfolgreich ist. Die Forschung steht damit in der Zukunft nicht nur vor der Aufgabe, praxistaugliche Trainingsprogramme zu entwickeln, sondern muss sich auch mit der Frage beschäftigen, unter welchen Bedingungen welche Programme für welches einzelne Kind wirksam sind.

Hinweis der Redaktion

Sie beobachten bei Ihrem Kind Schwierigkeiten in der emotionalen Entwicklung und sind sich unsicher abzuschätzen, ob diese einfach im Rahmen der gesunden Entwicklung von Kindern auftreten oder möglicherweise doch behandlungsbedürftig sind? Einen Überblick über Beratungsangebote, Möglichkeiten zur Diagnostik und ggfs. therapeutische Angebote in Ihrer Region finden Sie unter www.psychotherapeutensuche.de.

 

Literatur

Aldao, A., Nolen-Hoeksema, S. & Schweizer, S. (2010). Emotion-regulation strategies across psychopathology: A meta-analytic review. Clinical Psychology Review, 30, 217-237.

Bandura, A. (1977). Social learning theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.

Eisenberg, N., Fabes, R. A., Shepard, S. A., Guthrie, I. K., Murphy, B. C. & Reiser, M. (1999). Parental reactions to children's negative emotions: Longitudinal relations to quality of children's social functioning. Child Development, 70, 513-534.

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