Werden Kinder mit Migrationshintergrund durch Lehrkräfte benachteiligt?

Woher kommen solche negativen Erwartungen zur Leistungsentwicklung der SchülerInnen? Lassen sich die Erwartungen verändern, wenn die beurteilenden Personen zusätzliche Informationen über die bisherige Leistungsentwicklung erhalten? Diese Frage sollte ein weiteres Experiment (Klapproth & Fischer, 2020) beantworten. Im Land Berlin endet die Grundschulzeit regulär nach der 6. Klasse. Dort erstellen Lehrkräfte ihre Schullaufbahnempfehlung auf Grundlage sowohl der Zeugnisnoten des zweiten Halbjahres der Klasse 5 als auch der Zeugnisnoten des ersten Halbjahres der Klasse 6. Dadurch gewinnen sie auch einen Eindruck über die Entwicklung der zu empfehlenden SchülerInnen. Wenn SchülerInnen mit türkischem Migrationshintergrund eine geringere schulische Fähigkeit unterstellt wird, dann sollten sie auch eine schlechtere Prognose erhalten, wenn Versuchspersonen die Veränderung ihrer Schulnoten berücksichtigen. In dem Experiment von Klapproth und Fischer (2020) erhielten Grundschullehrkräfte zeugnisähnliche Vignetten von männlichen Schülern mit deutsch oder türkisch klingenden Vornamen. Darüber hinaus bekamen die Lehrkräfte zwei Zeugnisse statt nur einem. Tatsächlich zeigte sich auch hier, dass Schüler mit türkisch klingendem Namen im Durchschnitt seltener eine Gymnasialempfehlung erhielten als Schüler mit deutsch klingendem Namen. Allerdings trat dieser Unterschied nur dann auf, wenn die Schüler einen schlechten Notendurchschnitt hatten und ihre Leistungen sich verschlechterten. Zeigten die Schüler eher gute Leistungen im ersten Zeugnis und wiesen sie Verbesserungen im zweiten Zeugnis auf, änderte sich das Bild: Schüler mit türkisch klingendem Namen erhielten unter dieser Bedingung signifikant häufiger Gymnasialempfehlungen als Schüler mit deutsch klingendem Namen. Die Lehrkräfte schienen also Schüler mit türkisch klingendem Namen stärker anhand der Noten zu beurteilen, während die Noten bei den Schülern mit deutsch klingendem Namen oft eine geringere Rolle spielten. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass hier eher automatisierte Urteile getroffen werden, die zu einer Unterschätzung dieser Schüler führen, da die schlechteren Leistungen zu den negativen Stereotypen über Schüler mit Migrationshintergrund passten. Ob dies tatsächlich so ist, sollte eine weitere Studie (Tobisch & Dresel, 2017) beantworten.

Werden Schüler ohne Migrationshintergrund überschätzt?

Tobisch und Dresel (2017) verwendeten ebenfalls Schülerbeschreibungen in Form von Grundschulzeugnissen. Die Zeugnisse beschrieben drei männliche Grundschüler mit eher guten Leistungen. Durch die Vornamen der Schüler wurde sowohl der Migrationshintergrund (deutsch vs. türkisch) – und bei den Schülern ohne Migrationshintergrund – auch der soziale Status (niedrig vs. hoch) variiert (siehe auch Hoenig & Wenz, 2013). Insgesamt wurden also drei identische Schülerbeschreibungen erstellt, wobei ein Zeugnis mit dem Namen Murat (prototypisch für türkischen Migrationshintergrund und niedrigen sozialen Status), ein Zeugnis mit dem Namen Julius (kein Migrationshintergrund und hoher sozialer Status) und ein Zeugnis mit dem Namen Justin (kein Migrationshintergrund und niedriger sozialer Status) versehen wurde. Da türkische Vornamen meist mit einem niedrigen sozioökonomischen Status in Verbindung gebracht werden, wurde kein türkischer Vorname mit hohem Status in der Studie genutzt.

In dieser Studie sollten Grundschullehrkräfte nach dem Lesen der Schülerbeschreibung die schulischen Fähigkeiten, der Anstrengungsbereitschaft sowie der Eignung für das Gymnasium für jeweils einen der drei Schüler einschätzen. Außerdem gaben die Lehrkräfte ihre Leistungserwartung für die Fächer Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachunterricht an.

Die Ergebnisse dieser Studie waren folgende: Der Schüler mit türkischem Namen (Murat) wurde trotz gleicher Leistungen und Verhaltensweisen im Durchschnitt als weniger geeignet für den Gymnasialbesuch bewertet als die beiden anderen Schüler. Zudem wurden ihm im Mittel geringere schulische Fähigkeiten sowie weniger Anstrengungsbereitschaft zugeschrieben, und die Lehrkräfte erwarteten von ihm geringe Leistungen in den abgefragten Schulfächern. Bei den Schülern ohne Migrationshintergrund (Julius und Justin) zeigte sich ein Effekt des sozialen Status: Justin (niedriger sozialer Status) wurde durchschnittlich schlechter bewertet als Julius (hoher sozialer Status). Die Schülerbeschreibungen dieser Studie enthielten tendenziell gute Leistungen, was sich eher mit Stereotypen über Schüler ohne Migrationshintergrund und hohem Status im Vergleich zu Schülern mit türkischem Migrationshintergrund und niedrigem Status deckt.

Ein Vergleich der Noten aus den Schülerbeschreibungen mit den Erwartungen der Lehrkräfte an zukünftige Noten der Schüler zeigte, dass die befragten Lehrkräfte bei dem Schüler ohne Migrationshintergrund und hohem sozialen Status im Mittel deutlich bessere Leistungen erwarteten als diese bisher hatten. Dieses Ergebnis spricht für eine stereotypengeleitete bzw. automatisiertere Urteilsbildung bei Schülern ohne Migrationshintergrund, an die offenbar hohe Erwartungen geknüpft wurden. Im Gegensatz dazu orientierten sich die Leistungserwartungen der Lehrkräfte an Schüler mit Migrationshintergrund sehr genau an ihren tatsächlichen Leistungen. Dieser Befund deutet darauf hin, dass es sich hierbei um keine verzerrte bzw. stereotypengeleitete, sondern eher um eine akkurate bzw. kontrolliertere Urteilsbildung handelt. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel anzunehmen, dass sich herkunftsbedingte Unterschiede weniger durch negative Stereotype gegenüber Schülern mit Migrationshintergrund, sondern vielmehr durch positive Stereotype gegenüber Schülern ohne Migrationshintergrund erklären lassen.

Ob sich die akkurateren Urteile für Schüler mit Migrationshintergrund und die Überschätzung von Schülern ohne Migrationshintergrund (v. a. bei solchen mit hohem sozialem Status) tatsächlich durch unterschiedliche Urteilsbildungsprozesse erklären lassen, wurde in einer weiteren Studie untersucht (Tobisch & Dresel, in prep.). Dazu wurde der Pupillendurchmesser von Lehramtsstudierenden beim Lesen der bereits zuvor eingesetzten Schülerbeschreibungen mit einem sogenannten Eye-Tracker erfasst. Es wurde untersucht, ob sich der Durchmesser beim Lesen der Zeugnisse in Abhängigkeit der Schülerherkunft unterscheidet. Eine erweiterte Pupille kann dabei als Zeichen für eine Erregung des Nervensystems angesehen werden. Angenommen wird, dass dies v. a. bei einer vertieften Informationsverarbeitung der Fall ist. Die Studie zeigte, dass beim Lesen der Beschreibungen des Schülers mit Migrationshintergrund die Pupillen der Lehramtsstudieren erweitert waren, während sie beim Lesen der Beschreibung des Schülers ohne Migrationshintergrund und mit hohem sozialen Status enger waren. Bild 3. Experimentelle Eye-Tracking Sudie mit Lehramtsstudierenden. Bild 3. Experimentelle Eye-Tracking Sudie mit Lehramtsstudierenden. Die erweiterte Pupille beim Lesen der Zeugnisse von Kindern mit Migrationshintergrund deutet auf eine tiefere Informationsverarbeitung hin. Dies könnte daran liegen, dass Lehrkräfte bemüht sind, nicht stereotypengeleitet zu urteilen und sich die Zeugnisinformationen genauer ansehen und kontrollierter verarbeiten. Der engere Pupillendurchmesser beim Lesen des Zeugnisses des Schülers ohne Migrationshintergrund und mit hohem sozialen Status könnte ein Hinweis für eine eher oberflächlichere Informationsverarbeitung sein, die sich eher an Stereotypen orientiert und entsprechend automatisierter ist.

Diese Befunde stehen also im Einklang mit der Annahme, dass sich positive Urteilsverzerrungen bei der Beurteilung von Schülern ohne Migrationshintergrund und hohem sozioökonomischem Status durch positive Stereotype, die mit dieser Schülergruppe verknüpft sind, erklären lassen.

Zusammenfassende Diskussion

Die vier hier vorgestellten Studien bestätigen die Vermutung, dass soziale Stereotype gegenüber dem Migrationshintergrund von SchülerInnen Einfluss auf Lehrerurteile haben können. Schüler mit Migrationshintergrund werden im Vergleich zu Schülern ohne Migrationshintergrund (trotz gleicher Leistungen) durchschnittlich schlechter beurteilt. Die Studien zeigen aber auch, dass nicht ausschließlich die deutsche oder türkische Herkunft bedeutsam für verzerrte Lehrkrafturteile ist. Weitere soziale Merkmale, wie die Religionszugehörigkeit oder der sozioökonomische Status, scheinen ebenfalls relevant zu sein. Zudem verweisen die Studien darauf, dass ein (türkischer) Migrationshintergrund der SchülerInnen nicht automatisch zu negativ verzerrten Urteilen führt. Einerseits erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit für eine Gymnasialempfehlung bei Schülern mit türkischen Vornamen bei guten Leistungen und einer positiven Leistungsentwicklung. Andererseits zeigte sich bei guten Leistungen, dass Schüler mit türkischer Herkunft zudem meist akkurat eingeschätzt wurden. Dies könnte ein Hinweis dafür sein, dass Lehrkräfte die Informationen dieser Schüler oftmals sehr genau verarbeiten und womöglich bemüht sind, sie nicht negativ zu bewerten. Denkbar wäre aber auch, dass die guten Leistungen nicht zum stereotypen Bild eines Schülers mit Migrationshintergrund passen und sie daher überrascht sind und die Informationen genauer Lesen um zu prüfen ob der Schüler wirklich so gut ist. Allerdings gilt dies nur dann, wenn die Leistungen der Schüler (entgegen den gängigen negativen Stereotypen gegenüber dieser sozialen Gruppe) gut sind. Für Schüler ohne Migrationshintergrund, insbesondere mit hohem sozioökonomischem Status, verweisen die Befunde hingegen auf positive Stereotype, die zu positiv verzerrten Lehrkrafturteilen bzw. zu einer Überschätzung der Leistung des Schülers führen können. Daraus resultieren letztlich dennoch Unterschiede in der Leistungsbeurteilung, die mit den verbreiteten negativen Stereotypen gegenüber Personen mit Migrationshintergrund und niedrigem sozioökonomischem Status korrespondieren.

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