„White Men Can’t Jump“ and „Girls Can’t Do Math“? Wenn Stereotype Motivation und Leistung bedrohen

Während es sich sowohl bei Frauen als auch bei Amerikanern/innen afrikanischer Abstammung um Gruppen handelt, die sich immer wieder mit Stereotypen auseinandersetzen müssen, konnte der Effekt von Stereotypenbedrohungen auch für Gruppen nachgewiesen werden, die normalerweise einen hohen gesellschaftlichen Status genießen. So zeigten z. B. euroamerikanische Männer plötzlich schlechtere Leistungen bei einer Golfspielübung, wenn ihnen glaubhaft versichert worden war, diese Übung könne die natürliche sportliche Begabung feststellen (Stone, Lynch, Sjomeling & Darley, 1999). Sogar die mathematischen Leistungen von Männern können beeinträchtigt werden, wenn man Amerikanern europäischer Abstammung eine Studie ankündigt, die angeblich herausfinden soll, warum asiatische Amerikaner überlegene mathematische Fähigkeiten besitzen (Aronson et al., 1999).

Wie kommt es zu diesen negativen Konsequenzen?

Wie die eben genannten Beispiele verdeutlichen, müssen Personen, die eine Stereotypenbedrohung erleben, nicht notwendigerweise selbst davon überzeugt sein, dass es ihnen in dem bedrohten Bereich an Begabung fehlt. Die meisten europäisch-amerikanischen Männer werden vor ihrer Studienteilnahme noch nie befürchtet haben, sie seien aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit mathematikunbegabt (Aronson, Quinn, Spencer, Swim & Stangor, 1998). Dennoch kann der Druck der Situation auch bei ihnen eine Stereotypenbedrohung erzeugen. In dem Moment, in dem ihnen das Stereotyp, Asiaten seien begabter, bewusst gemacht wird, können auch sie befürchten, in diesem Vergleich schlechter abzuschneiden und das Stereotyp damit zu bestätigen.

Stereotypenbedrohungen gefährden außerdem das positive Selbstbild der Betroffenen. Grundsätzlich sind wir alle bestrebt, ein positives Bild von uns selbst zu haben. Wir möchten uns selbst als gute moralische Person sehen, die auf verschiedene Anforderungen kompetent reagieren kann. Wird dieses positive Selbstbild bedroht, führt dies zu Sorge und innerer Unruhe (Aronson et al., 1998). Somit kann ähnlich wie Prüfungsangst auch das Erleben einer Stereotypenbedrohung zu einer körperlichen Stressreaktion führen. Die Betroffenen beobachten verstärkt, ob sie sich tatsächlich stereotyp verhalten und eine Vielzahl von negativen Gedanken und Gefühlen kann aufkommen. All dies macht es schwieriger, sich auf die Lösung der eigentlichen Aufgabe zu konzentrieren (Schmader, Johns & Forbes, 2008).

Wie gehen Menschen mit Stereotypenbedrohungen um?

Wie reagieren Menschen auf diese Bedrohung ihres positiven Selbstbildes? Wie kann ein afroamerikanischer Student damit umgehen, dass ihm ständig suggeriert wird, er könne in der Uni keine wirklich guten Noten erzielen? Wie kann eine junge Frau damit umgehen, dass ihr im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich nicht viel zugetraut wird und dass jede schlechte Note als Bestätigung für die niedrigere Leistungsfähigkeit von Frauen in diesem Bereich gesehen werden kann?
Eine Möglichkeit, dem negativen Stereotyp zu entkommen, besteht darin, sich aktiv vom Gruppenstereotyp zu distanzieren, in der Hoffnung dann selbst nicht mehr stereotyp bewertet zu werden. So gibt es Hinweise darauf, dass sich Mathematikstudentinnen bewusst unauffällig kleiden, um nicht als stereotype Frau wahrgenommen zu werden (Seymour & Hewitt, 1997). Werden afroamerikanische Studierende mit einer Stereotypenbedrohung konfrontiert, betonen diese, dass sie sich für Sport nicht interessieren. Auch sie hatten scheinbar das Bedürfnis, sich von Interessen, die ihrer Gruppe stereotyp zugeordnet werden, zu distanzieren (Steele & Aronson, 1995). Die so gewonnene Distanz kann, so die Annahme, die subjektiv empfundene Bedrohung durch das Stereotyp reduzieren.

Eine zweite Möglichkeit, dem Stereotyp zu entkommen, besteht darin, sich nicht von der Gruppe, sondern stattdessen aus den bedrohten Leistungsbereichen zurückzuziehen. Erhält man in einem bestimmten Bereich positive Rückmeldungen, so ist es attraktiv, sich mit diesem Bereich zu identifizieren (z. B. „Ich bin stolz darauf, gut in Mathematik zu sein“). Sieht man sich dagegen zeitlebens mit dem Stereotyp konfrontiert, die eigene Gruppe könne in einem bestimmten Bereich nicht erfolgreich sein, so ist es nicht gerade attraktiv, das eigene positive Selbstbild von diesem Bereich abhängig zu machen. Erfolge in diesem Bereich erscheinen dann unwahrscheinlich und wer dennoch danach strebt, wird sich immer wieder mit Stereotypenbedrohungen auseinandersetzen müssen. Um das positive Selbstbild zu schützen, hören die Betroffenen daher auf, sich mit den entsprechenden Leistungsbereichen zu identifizieren (z. B. „Mathematik spielt für mich und mein Leben keine Rolle“).

Die Langzeitstudie von Woodcock und Kollegen/innen (2012) konnte dementsprechend zeigen, dass sich afroamerikanische Studierende, die immer wieder Stereotypenbedrohungen erleben, langfristig immer weniger mit dem akademischen Bereich identifizieren. Junge Menschen ziehen sich also aus Leistungsbereichen zurück, nicht weil es ihnen tatsächlich an Begabung mangelt, sondern weil die Auseinandersetzung mit den bedrohten Bereichen für sie einen ständigen Kampf mit den Stereotypen und auch eine ständige Bedrohung ihres positiven Selbstbildes darstellt. Diese Ergebnisse passen zu den zuvor berichteten kurzfristigen Befunden von Davies und Kollegen/innen (2002), wonach sich junge stereotypenbedrohte Frauen weniger für z. B. MINT Berufe interessieren, die sich nur schwer mit dem stereotypen Bild einer Frau vereinbaren lassen.

Möglichkeiten zur Intervention

In Anbetracht der negativen Auswirkungen von Stereotypenbedrohungen stellt sich die Frage, wie diesen vorgebeugt werden kann. Wie gesehen, kann Stereotypenbedrohung dadurch erzeugt werden, dass in der Prüfungssituation noch einmal an das Stereotyp erinnert wird. Es reicht dabei aus, wenn die Betroffenen ihre Gruppenzugehörigkeit auf dem Testbogen angeben müssen (Steele & Aronson, 1995). Ein erster wichtiger Schritt wäre daher das Schaffen einer bedrohungsfreien Testsituation. Beispielsweise könnte man Studierende nur noch ihre Matrikelnummer und nicht mehr ihren Namen auf ihre Klausurbögen schreiben lassen. Das Geschlecht sowie auch die Herkunft der Prüflinge wären dann beim Korrigieren nicht mehr erkennbar.
Aber auch das bloße Wissen über die Auswirkungen der Stereotypenbedrohung kann bereits helfen. Wer das Phänomen kennt, kann aufkommende Prüfungsangst als Folge der Stereotypenbedrohung erkennen und hält sie nicht für ein Zeichen der eigenen Unfähigkeit (Johns, Schmader & Martens, 2005).

Da Stereotypenbedrohungen außerdem das positive Selbstbild angreifen, kann es helfen, dieses gezielt zu stärken, bevor sich die Betroffenen mit Stereotypenbedrohungen auseinandersetzen müssen. In einer Studie von Shapiro, Williams und Hambarchyan (2013) durften Versuchspersonen ihr Selbst bestätigen, indem sie einen Aufsatz über für sie zentrale Werte (z. B. Ehrlichkeit) schrieben, bevor ihnen ein Leistungstest aus einem bedrohten Bereich vorgelegt wurde. Erwartungsgemäß wirkte sich die Stereotypenbedrohung in diesem Fall nicht mehr so stark auf die Leistungen aus. Die Versuchsteilnehmer/innen hatten sich hier noch einmal versichern können, gute moralisch integre Menschen zu sein. Ihr allgemeines positives Selbstbild war damit abgesichert und eine mögliche schlechte Testleistung stellte keine schwerwiegende Bedrohung mehr dar (siehe auch Schüz & Schüz, 2011).

Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Wirkung positiver Rollenvorbilder, die das negative Stereotyp offenbar widerlegen. Präsentiert man afroamerikanischen Studierenden beispielsweise das Portrait eines erfolgreichen afroamerikanischen Akademikers, so kann auch dies die Auswirkungen einer Stereotypenbedrohung neutralisieren (Shapiro et al., 2013).

Female Astronauts - GPN-2004-00023.jpg von NASA via commons.wikimedia.org (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Female_Astronauts_-_GPN-2004-00023.jpg)

Steele (1997) betont außerdem die Wichtigkeit von optimistischen Lehrer-Schüler-Beziehungen. Beispielsweise können Schülerinnen bereits den Verdacht hegen, dass Lehrkräfte aufgrund der bekannten Stereotype im Fach Mathematik wahrscheinlich nicht viel von ihnen erwarten. Lehrkräfte können diesen Verdacht widerlegen, indem sie ihren Schülerinnen mit konstruktiv kritischem Feedback begegnen und immer wieder Möglichkeiten aufzeigen, wie diese ihre persönlichen Leistungen noch weiter verbessern können.

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