Wie lernen Kinder, andere zu verstehen und wie können Eltern sie dabei unterstützen?

Im selben Zeitraum findet ein weiterer bedeutender Entwicklungsschritt statt, den viele ForscherInnen als den Moment betrachten, ab dem Kinder wirklich eine voll ausgereifte Theory of Mind besitzen. Ungefähr ab dem vierten Geburtstag beginnen Kinder zu verstehen, dass sie selbst und andere falsche Überzeugungen über den Zustand der Welt haben können. In einem Experiment von Wimmer und Perner (1983) wurde Kindern eine Geschichte von Maxi und seiner Schokolade erzählt. Maxi legt seine Schokolade in den grünen Küchenschrank. Während er draußen beim Spielen ist, nimmt seine Mutter die Schokolade heraus und legt sie in den blauen Küchenschrank. Später kommt Maxi zurück und will seine Schokolade essen. Die Kinder wurden dann gefragt, wo Maxi wohl seine Schokolade suchen wird. Kinder ab vier Jahren gaben die korrekte Antwort, dass Maxi im grünen Küchenschrank suchen wird, weil er der falschen Überzeugung ist, die Schokolade befände sich immer noch dort. Jüngere Kinder antworteten egozentrisch, nämlich im Sinne ihrer eigenen Sicht auf die Dinge und gaben folglich an, Maxi würde im blauen Schrank suchen. Dasselbe Ergebnis wurde in vielen verschiedenen Experimenten und Kulturen gefunden, so dass man heute mit großer Gewissheit sagen kann, dass Kinder ab einem Alter von 3-5 Jahren eine Theory of Mind besitzen, weil sie sich die Überzeugung des anderen vorstellen können, auch wenn sie wissen, dass sie falsch ist.

Wie gut können sich Kleinkinder in andere hineinversetzen?

Die Annahme, dass Kinder ab einem Alter von ungefähr 4 Jahren sich selbst und anderen falsche Überzeugungen zuschreiben können, wurde allerdings durch neuere Forschung in Frage gestellt. In verschiedenen Experimenten, die nicht-sprachliches Verhalten wie z. B. Blickbewegungsmuster untersuchten, konnte gezeigt werden, dass bereits Eineinhalb- bis Zweijährige scheinbar die falsche Überzeugung einer anderen Person erkennen können (Onishi & Baillargeon, 2005; Southgate et al., 2007). In jüngster Zeit scheiterten jedoch viele ForscherInnen bei dem Versuch, die Ergebnisse dieser Studien bei einer genauen Wiederholung des Experiments erneut zu finden. So bleibt es zum jetzigen Zeitpunkt unklar, ob bereits Kleinkinder die voll ausgereifte Fähigkeit zur Perspektivübernahme besitzen, oder ob sie diese Fähigkeit wie bisher angenommen erst mit ungefähr vier Jahren erwerben. In einem aktuellen Gemeinschaftsprojekt versuchen EntwicklungspsychologInnen verschiedener Länder diesem methodischen Problem auf den Grund zu gehen, in dem sie gemeinsam verbesserte Experimente entwickeln und Kinder auf der ganzen Welt damit untersuchen (Visser et al., 2021). Die Ergebnisse dieses Projekts sollen Klarheit in die widersprüchliche Befundlage bringen.

Der Einfluss der Eltern

Kinder erwerben die Fähigkeit zur Perspektivübernahme weitgehend unabhängig davon, mit welchen Voraussetzungen und unter welchen Bedingungen sie aufwachsen. Obwohl teilweise kulturelle Unterschiede beim Theory of Mind-Erwerb gefunden wurden, kann die bis hierher beschriebene Entwicklung der Perspektivübernahme als universell bezeichnet werden. Gibt es dennoch Faktoren, die die Theory of Mind-Entwicklung bei Kleinkindern beeinflussen? Hat insbesondere das Verhalten der Eltern Auswirkungen auf die oben beschriebene Entwicklung? Es liegt nahe, solche Effekte anzunehmen, denn so wie die sozial-kognitive Entwicklung einen Einfluss darauf hat, wie Kinder mit ihrer Umwelt in Kontakt treten, kann das Ausmaß und die Qualität sozialer Interaktion die Entwicklung sozialer Kognition beeinflussen. Und die soziale Umwelt von Kindern besteht in den ersten Lebensjahren üblicherweise hauptsächlich aus ihrer Familie.

Es gibt drei Möglichkeiten, wie Eltern die Theory of Mind-Entwicklung ihres Kindes unterstützen können (Pavarini, de Hollanda Souza & Hawk, 2013): Erstens sollten Eltern sich vor Augen halten, dass hinter dem Verhalten ihrer Kinder Absichten, Wünschen und Überzeugungen stehen. Auf diese mentalen Zustände sollten sie feinfühlig und verlässlich eingehen. Zweitens sollten Eltern regelmäßig ihre eigenen Emotionen ihren Kindern gegenüber zeigen (negative Emotionen allerdings nicht zu Bild 3: Beim Vorlesen unterstützen Eltern ihre Kinder dabei Wünsche, Gefühle oder Überzeugungen anderer besser verstehen zu lernen.Bild 3: Beim Vorlesen unterstützen Eltern ihre Kinder dabei Wünsche, Gefühle oder Überzeugungen anderer besser verstehen zu lernen.häufig). Es hat sich nämlich gezeigt, dass Kinder dann besonders gut über Emotionen, deren Ursachen und Konsequenzen lernen, wenn Eltern dies vorleben. Drittens sollten Eltern von Anfang an mit ihren Kindern über mentale Zustände sprechen. Eine Längsschnittstudie fand heraus, dass Mütter häufig eine intuitiv an die Entwicklung ihrer Kinder angepasste Unterstützung bieten, indem sie vor allem über die mentalen Zustände sprechen, die im nächstbevorstehenden Entwicklungsschritt und Alter verstanden werden (Taumoepeau & Ruffman, 2008). So sprechen sie zuerst vermehrt über Wünsche und später vermehrt über Gedanken. Zu diesem sogenannten Mental State Talk gehört z. B. das Aussprechen von mutmaßlichen Absichten des Kindes oder das Benennen von Emotionen (z. B. „du bist wütend“). Zusätzlich sollten Bezüge zu den Gründen und Konsequenzen dieser mentalen Zustände hergestellt werden (z. B. „du bist wütend, weil du einen Turm aus den Holzklötzen bauen möchtest und es nicht klappt. Kein Problem, wir machen das gemeinsam.“). Darüber hinaus hat es sich als förderlich erwiesen, Kindern zu erklären, dass sich diese Zusammenhänge zwischen Menschen unterscheiden können (z. B. „Ich finde es nicht schlimm, wenn der Holzturm mal umfällt; ich finde das sogar ganz lustig.“). Streitsituationen bieten eine gute Gelegenheit, Kinder dazu anzuregen, über entgegengesetzte Interessen nachzudenken und andere Perspektiven einzunehmen. So lernen sie Verständnis für das Gegenüber zu entwickeln und möglicherweise eine Anpassung der eigenen Einstellung und des eigenen Verhaltens vorzunehmen. Drei- bis vierjährige Kinder, deren Eltern sie in Konfliktsituationen dazu aufforderten, darüber nachzudenken, wie sich das Gegenüber jetzt wohl fühlt, anstatt sie lediglich zu tadeln, schnitten in einer Studie besser in Theory of Mind-Aufgaben ab (Ruffman, Perner und Parkin, 1999). Eine andere Studie fand zudem, dass drei- bis vierjährige Kinder, deren Mütter mehr über mentale Zustände sprachen, als Zehnjährige weniger Verhaltensauffälligkeiten zeigten (Carr et al., 2018).

Fazit

Ab ungefähr dem vierten Geburtstag können Kinder die mentalen Zustände anderer verstehen. Sie scheinen alle nötigen Lernvoraussetzungen dafür von Geburt an mitzubringen. Durch die Interaktion mit ihrer sozialen Umwelt lernen sie dann Gedanken und Gefühle zu erklären, vorherzusagen und zu beeinflussen. Mit jedem Entwicklungsschritt erwerben Kinder neue Fähigkeiten, die für unser soziales Miteinander von entscheidender Bedeutung sind. Eltern unterstützen ihre Kinder hierbei in der Regel intuitiv und es braucht kein besonderes „Trainingsprogramm“, damit Kinder Perspektivübernahme lernen. Dennoch kann es sinnvoll sein, darauf zu achten, regelmäßig über mentale Zustände zu sprechen, ihre Ursachen und Konsequenzen zu verdeutlichen und bei Bedarf passende Reaktionen zu finden. Bezogen auf das Eingangsbeispiel bedeutet das, dass es durchaus hilfreich sein kann, sein Kind zur Perspektivübernahme anzuregen. Allerdings sollte dies nicht zu früh geschehen, sondern erst, wenn es auch wirklich dazu in der Lage ist.

Bildquellen

Bild 1:  Polesie Toys via pexels (https://www.pexels.com/de-de/foto/sommer-madchen-niedlich-kind-5997622/?... https://www.pexels.com/de-de/lizenz/)

Bild 2: CAleb Woods via unsplash (https://unsplash.com/photos/VZILDYoqn_U Lizenz: https://unsplash.com/license).

Bild 3:  Lina Kivaka via pexels (https://www.pexels.com/de-de/foto/person-die-ein-buch-liest-1741230/,Liz... https://www.pexels.com/de-de/lizenz/).

Literaturverzeichnis

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Carr, A., Slade, L., Yuill, N., Sullivan, S., & Ruffman, T. (2018). Minding the children: A longitudinal study of mental state talk, theory of mind, and behavioural adjustment from the age of 3 to 10. Social Development, 27(4), 826-840. doi: 10.1111/sode.12315

Flavell, J. H. (1974). The development of inferences about others. In T. Mischel (Ed.), Understanding other persons. Oxford, England: Blackwell & Mott.

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Onishi, K. H., & Baillargeon, R. (2005). Do 15-month-old infants understand false beliefs?. Science, 308(5719), 255-258.

Pavarini, G., de Hollanda Souza, D., & Hawk, C. K. (2013). Parental practices and theory of mind development. Journal of Child and Family Studies, 22(6), 844-853. doi: 10.1007/s10826-012-9643-8