Wo ist bloß gerade meine Willenskraft geblieben? Das Kraftspeichermodell der Selbstkontrolle

Weitere Befunde zu verschiedenen Verhaltensbereichen

Im Laufe der letzten Jahre wurde das Kraftspeichermodell erfolgreich auf verschiedenste menschliche Verhaltensbereiche angewendet. So zeigte die leider verstorbene deutsche Forscherin Tanja Stucke von der Universität Gießen zusammen mit Roy Baumeister (2006), dass VersuchsteilnehmerInnen, deren Willenskraft kurz zuvor (teilweise) erschöpft worden war, aggressiver auf einen provozierenden Versuchsleiter reagierten als nicht-erschöpfte VersuchsteilnehmerInnen. Ohne ausreichende Willenskraft konnten die erschöpften VersuchsteilnehmerInnen ihre aggressiven Impulse anscheinend schlechter im Zaum halten. Weitere Hinweise dafür, dass momentan reduzierte Willenskraft zu unangemessenem Verhalten im zwischenmenschlichen Miteinander führen kann, fand Kathleen Vohs gemeinsam mit ihren Kollegen Roy Baumeister und Natalie Ciarocco (2005). Beispielsweise deuten die Befunde eines ihrer Experimente an, dass es Menschen mit erschöpfter Willenskraft weniger gut gelingt als nicht-erschöpften, den eigenen Rededrang zu beherrschen. Sollten Sie also irgendwann einmal gesagt bekommen, dass Sie heute ohne Punkt und Komma reden und niemanden zu Wort kommen lassen, wissen Sie nun, woran das liegen könnte. Ein anderes Forschungsprojekt von Kathleen Vohs, diesmal in Zusammenarbeit mit Ronald Faber (2007), erbrachte, dass im Zustand erschöpfter Willenskraft dem Impuls Geld auszugeben, weniger Widerstand entgegen gesetzt werden kann. Befindet man sich just in einem Einkaufszentrum, wenn dem Willen die Kraft ausgeht, kann das also richtig teuer werden.

Wilhelm Hofmann von der Universität Würzburg demonstrierte gemeinsam mit Wolfgang Rauch und Bertram Gawronski (2007) anhand eines Beispiels die Bedeutung des Kraftspeichermodells für das Gesundheitsverhalten. Dabei gingen sie noch etwas präziser vor als die Forscher in den gerade beschriebenen Experimenten, da sie auch berücksichtigten, wie stark der Impuls, den es willentlich zu unterdrücken galt, für die jeweilige Person in ihrer Studie überhaupt war. VersuchsteilnehmerInnen bekamen während der Untersuchung die Gelegenheit, leckere, aber bei höherem Konsum ungesunde, Schokokugeln zu essen. Die VersuchsteilnehmerInnen, deren Willenskraft vorher durch eine Selbstkontrollaufgabe erschöpft worden war, aßen erwartungsgemäß umso mehr Schokokugeln, je stärker ihr innerer Impuls war, solche Schokokugeln zu essen. Dieser Zusammenhang fand sich jedoch nicht bei den nicht-erschöpften VersuchsteilnehmerInnen; in dieser Gruppe aßen die TeilnehmerInnen mit stärkerem Essimpuls keine größere Menge Schokokugeln als diejenigen mit schwächerem Essimpuls. Bei reduzierter Willenskraft war das Essverhalten der VersuchsteilnehmerInnen also eher von ihren Impulsen geleitet als willentlich gesteuert. War die Willenskraft dagegen nicht durch eine vorangegangene Selbstkontrollaufgabe reduziert, gaben die VersuchsteilnehmerInnen ihren Essimpulsen, sofern vorhanden, wohl willentlich Contra. Zusätzlich maßen Hofmann und Kollegen, wie sehr die VersuchsteilnehmerInnen normalerweise bestrebt waren, ihr Essverhalten zu zügeln, um auf ihr Gewicht zu achten. Bei den VersuchsteilnehmerInnen mit erschöpfter Willenskraft zeigte sich, dass sie tendenziell umso mehr(!) Schokokugeln aßen, je stärker sie für gewöhnlich auf kontrolliertes Essverhalten Wert legten. Bei nicht-erschöpften VersuchsteilnehmerInnen fand sich dagegen der umgekehrte Zusammenhang – das heißt, dass diejenigen Personen weniger Schokokugeln aßen, die auch sonst das Ziel verfolgten, nicht zu viele Kalorien zu sich zu nehmen. Eine Interpretation dieser Befunde ist, dass es Selbstkontrolle und somit Willenskraft benötigt, Essimpulsen zu widerstehen und seinen Ernährungsstandards gerecht zu werden. Bei momentan verringerter Willenskraft übernehmen die Essimpulse das Kommando und beste Ernährungsabsichten können vorübergehend zusammenbrechen oder gar ins Gegenteil kippen. Ähnliche Befunde wie Hofmann und Kollegen fanden Friese, Hofmann und Wänke (2008) auch für einen anderen Bereich des Gesundheitsverhaltens, nämlich den Konsum von Alkohol.

Ansätze für erfolgreiche Selbstkontrolle

Muraven und Kollegen (1998) wiesen bereits darauf hin, dass man nicht versuchen sollte, zu viele gute Absichten auf einmal umzusetzen, was positive Veränderungen der eigenen Lebensweise angeht. Dabei würden sich natürlich die Anforderungen an die Willenskraft vervielfachen, wodurch Momente erschöpfter Willenskraft häufiger werden würden. Dadurch würde wiederum die Wahrscheinlichkeit sinken, überhaupt eine positive Veränderung umsetzen zu können. Wenn Sie ihre Ernährung also löblicherweise auf gesund umstellen wollen, konzentrieren Sie am Besten erst einmal Ihre ganze Willenskraft auf dieses eine Vorhaben und nicht noch zusätzlich auf den Nikotinentzug oder Ähnliches. Irgendwann ist die neue Ernährungsweise zur Routine geworden und die Gier auf ungesunde Lebensmittel abgeflaut. Dann sind die Anforderungen an die Willenskraft nicht mehr so groß und die schwachen Momente etwas weniger gefährlich, so dass das nächste Vorhaben (z.B. mit dem Rauchen aufzuhören) mit ausreichender Kraft angegangen werden kann.

Ich halte fest: Für den angemessenen Umgang mit sich selbst und anderen benötigen Menschen Willenskraft, die aber leider nur in begrenztem Ausmaß vorhanden ist. Das Ausüben von Willenshandlungen (bzw. Selbstkontrolle) erschöpft Teile der begrenzt vorhandenen Willenskraft; deshalb scheitern nachfolgende Willenshandlungen mit höherer Wahrscheinlichkeit, da für sie momentan die Willenskraft fehlt. Weil Willenskraft so eine wichtige Rolle für sinnvolles Verhalten zu spielen scheint, haben sich Forscher natürlich auch damit auseinander gesetzt, wie man deren Erschöpfung vermeiden kann bzw. wie erschöpfte Willenskraft wiederhergestellt werden kann.

Mehrere Trainingsstudien deuten an, dass häufig und regelmäßig ausgeübte Selbstkontrolle den Willenskraftspeicher weniger anfällig für Erschöpfung werden lässt – das heißt, dass man ausdauernder Selbstkontrolle ausüben kann (einen Überblick über die diesbezüglichen Studien liefern Baumeister, Gailliot, DeWall und Oaten, 2006). Hier bietet sich der bildhafte Vergleich mit einem Muskel an (eine Metapher, die tatsächlich gerne von Baumeister und seinen Kollegen benutzt wird): Ein untrainierter Muskel verliert bei Anstrengungen schnell Kraft und wird dadurch erschöpft. Entsprechend erschöpft anstrengende Selbstkontrolle die Willenskraft. Wird ein Muskel aber regelmäßig beansprucht, passt er sich nach und nach den Anforderungen an, mit der Folge, dass er schließlich deutlich länger über Kraft verfügt. Genauso scheint es sich auch mit der Willenskraft zu verhalten. Eine selbstdisziplinierte Lebensweise lohnt sich also, denn sie stärkt die Willenskraft.

Das Rezept gegen einen bereits erschöpften Willenskraftspeicher ist denkbar einfach: Erholung. Diesbezüglich zeigten James Tyler und Kathleen Burns (2008), dass schon drei Minuten aktiver Entspannung kurz zuvor erschöpfte Willenskraft anscheinend wieder auffrischen können. Dieser Befund spricht für den effektiven Nutzen kurzer gezielter Entspannungsübungen, wie sie sich beispielsweise im autogenen Training finden. Gerade in Lebensphasen, die durch vermehrte Willensanstrengungen gekennzeichnet sind (z.B. bei einer Umstellung der Ernährungsweise), könnten derartige Entspannungsverfahren eine sinnvolle Strategie darstellen, um die nötige Willenskraft verfügbar zu halten.

Abschließend möchte ich gerne noch darauf hinweisen, dass die Befunde zum Kraftspeichermodell demonstrieren, dass keiner von uns durchgängig dieselbe Person ist. Genauso wie wir je nach den Gegebenheiten mal fröhlich und mal traurig, mal entspannt und mal aufgedreht sind, sind wir mal voller Willenskraft und mal willensschwach. Wenn also demnächst die Tafel Schokolade wieder einmal „stärker“ als Sie gewesen sein sollte, dürfen Sie mit Recht behaupten ‚Mir fehlte einfach gerade die Kraft zu widerstehen’. Aber nicht gleich die guten Ernährungsvorsätze komplett über Bord werfen! Nach kurzer Erholung können Sie ihre Absichten schon wenig später mit neuer Kraft weiterverfolgen.