World wide harrassment? Ursachen und Konsequenzen sexueller Belästigung im Netz

Anonymität + Macht = Sexuelle Belästigung im Internet?

Soziale Machtgefüge spielen eine wichtige Rolle bei sexueller Belästigung, online wie offline (Barak, 2005; McLaughlin et al., 2012). Sexualisierte Gewalt hat also nicht nur etwas mit Sex zu tun. Sexuelle Belästigung kann häufig dazu dienen, neben Lustgefühlen auch Machtbedürfnisse der TäterInnen zu befriedigen (Barak, 2005). Die sexuelle Belästigung ist dabei nicht abhängig vom Verhalten der Betroffenen, sondern von den Machtbedürfnissen der TäterInnen. Beispielsweise wird eine besonders zurückhaltende und unterwürfige Frau nicht automatisch häufiger belästigt. Auch Frauen in Machtpositionen werden sexuell belästigt, denn sie werden als bedrohlich wahrgenommen und sollen mittels der Belästigung „an ihren Platz” verwiesen werden (McLaughlin et al., 2012). TäterInnen belästigen also auch, um Macht zu betonen und den eigenen Status bzw. den Status der eigenen Gruppe aufrecht zu erhalten.

Die TäterInnen von sexueller online-Belästigung sind den Betroffenen häufig nicht bekannt. In drei Viertel der Fälle geht die Belästigung von Unbekannten aus (Burke Winkelman et al., 2015). Die scheinbare Anonymität des Internets verleitet TäterInnen zudem dazu, eigene Machtwünsche offener auszuleben als in persönlichen Interaktionen außerhalb des virtuellen Raums. Da ein online-Gegenüber nicht aus „Fleisch und Blut” ist, nehmen TäterInnen potentielle Opfer eher als Objekt und nicht als Subjekt wahr – und es fällt leichter, ein Objekt zu belästigen (Barak, 2005). Dieses Verhalten kann sich jedoch ins offline-Leben übertragen: In einer Studie sollten Frauen und Männer Posts zu sexistischen Hashtags auf Twitter verfassen. Posteten sie anonym, verhielten sich die Versuchspersonen später auch im realen Leben sexistischer und feindseliger gegenüber Frauen. Dies war nicht der Fall, wenn die Personen beim Posten identifizierbar waren (Fox et al., 2015). Dazu kommt, dass anonyme TäterInnen schlechter zur Rechenschaft gezogen werden können. TäterInnen fühlen sich bei Akten sexueller Belästigung im Internet sicher und wissen, dass ihr Verhalten selten Konsequenzen hat (Fox et al., 2015). Das Internet schafft also durch dieBild 3: Versteckt im Netz – Anonymität verstärkt sexistische Verhaltensweisen.Bild 3: Versteckt im Netz – Anonymität verstärkt sexistische Verhaltensweisen. herrschende Anonymität einen Raum, der es begünstigt, dass jedeR (fast) ohne Konsequenzen alles ausdrücken kann (Barak, 2005) – einige Personen tun dies aber auch ganz offen unter ihrem eigenen Namen.

Was sind die Folgen von sexueller Belästigung im Netz?

Sexuelle online-Belästigungen sind persönliche Grenzverletzungen, die schwere Konsequenzen haben können. Viele Betroffene trauen sich erst gar nicht, sich die Belästigung und ihre Folgen einzugestehen oder sie gar anzuzeigen – sie wollen sich nicht der Scham und weiteren Stigmatisierungen aussetzen. Darüber hinaus sind passende Hilfsangebote nicht immer direkt verfügbar. Häufig wird den Betroffenen selbst die Schuld an sexueller Belästigung zugeschrieben, indem ihnen beispielsweise unterstellt wird, sie hätten ein solches Verhalten provoziert oder sich unvorsichtig verhalten. Das zeigt sich beispielsweise, wenn beim Sexting gesendete Bilder gegen den Willen der Person weiterverbreitet werden. Dies wird dann meist den betroffenen Mädchen und Frauen selbst angekreidet und nicht den TäterInnen (Döring, 2012). Mögliche Folgen für Betroffene können Mobbing sein, sowie bei Jugendlichen Angst vor dem Schulbesuch oder massive Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens (vgl. Van Ouytsel et al., 2019).

Von sexueller online-Belästigung betroffene Frauen haben teils mit schwerwiegenden psychischen Folgen zu kämpfen, die vielfältige Formen annehmen. Über ein Drittel der Frauen reagierte auf sexuelle Belästigungen im Netz mit Schock und fühlte sich hilflos, ein weiteres Drittel litt unter Ängsten. Um die eigene Sicherheit besorgt war zudem ein Viertel der Betroffenen (Burke Winkelman et al., 2015). Die Folgen von sexueller Belästigung im Internet können sich auch auf das persönliche offline-Leben der Betroffenen auswirken. Denn TäterInnen, die online belästigen, belästigen manchmal auch offline –16 Prozent der Frauen, die Burke Winkelmann und ihre KollegInnen (2015) befragten, mussten diese Erfahrung machen. Sie erlebten in Folge der online-Belästigung auch offline belästigendes Verhalten, von den gleichen, ihnen vorher oft unbekannten TäterInnen.

#metoo: Was kann man dagegen tun?

„Sind mir also die Hände gebunden, wenn ich im Internet belästigt werde?“ Die Antwort lautet: Nein! Es gibt für verschiedene Zielgruppen spezifische Hilfsangebote, die niederschwellig Unterstützung aller Art anbieten, von psychologischer Beratung bis zu rechtlichem Beistand (z.B. für Frauen: https://www.hilfetelefon.de/; für Männer: https://www.maennerhilfetelefon.de/; für Jugendliche: https://www.juuuport.de/beratung). Mit immer besseren technischen Mitteln, neuen Rechtsreformen und steigender Aufmerksamkeit seitens der Strafverfolgung entstehen auch immer mehr Möglichkeiten Taten zu ahnden, die im Internet passieren. Trotzdem sind die aktuell bestehenden Strukturen und Gesetze oft mangelhaft, um Betroffene zu schützen und weitere Taten zu verhindern – hier muss noch viel passieren. Auch das Bewusstsein für die Gefahren, die von sexueller Belästigung im Netz ausgehen, ist noch mangelhaft, wie ein Bericht der Bundesregierung von 2021 zeigt (https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/ministerium/berichte-der-bundesregierung/dr...). Somit gibt es auch im Bereich der Prävention Nachholbedarf. Bestehende Angebote beziehen sich hauptsächlich auf Verhaltensänderungen von Kindern und Jugendlichen, hin zu sicherem digitalem Umgang. Es gibt auch Trainings und Workshops, um als ZeugIn sexueller Belästigung – online wie offline – zu lernen, wie man am besten einschreiten und weitere Taten verhindern kann (vgl. Bystander Effekt ). Diese Angebote sind jedoch vorwiegend im englischsprachigen Raum verbreitet. In Deutschland wird zwar auch an entsprechenden Programmen geforscht, jedoch sind diese bislang selten im beruflichen oder im online-Kontext zu finden.

Durch Debatten wie #metoo entstand Wissen über bestehende sexualisierte Gewalt online und offline. Dies hat Veränderungen angestoßen: Es entwickeln sich seitdem zahlreiche Räume, in denen Betroffene aller Geschlechter von dem Erlebten berichten können und unterstützt werden. Mit Hashtags wie #catcallsofgermany, #ankreiden und #whyididntreport zerren sie das Verhalten der TäterInnen an die Öffentlichkeit. Auf Social Media wehrt man sich gegen die TäterInnen, z.B. durch die Bild 4: „Mein Körper, meine Regeln“ – Betroffene wehren sich auf Sozialen Medien.Bild 4: „Mein Körper, meine Regeln“ – Betroffene wehren sich auf Sozialen Medien.Veröffentlichung von Screenshots der belästigenden Nachrichten. Personen, die sexuelle Belästigung erlebt haben, und AktivistInnen nutzen die entstehende mediale Aufmerksamkeit, um bessere Bedingungen für Betroffene sexualisierter Gewalt zu fordern und andere Betroffene zu unterstützen (Mendes et al., 2018).

Es bleibt zu hoffen, dass durch Social Media-Bewegungen wie #metoo sexuelle Belästigung im Netz weiter in den Fokus von Gesellschaft, Politik und Strafverfolgung gerückt wird. Denn mit wachsender Aufmerksamkeit entsteht größerer rechtlicher und politischer Handlungsbedarf. Nur so können zuständige Behörden Betroffenen von sexueller Belästigung in Zukunft noch adäquatere technische, soziale sowie rechtliche Unterstützung anbieten – denn gerade in dieser Hinsicht gibt es noch viele Hürden, die Betroffene überwinden müssen.

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Bild 1: Melanie Wasser via Unsplash https://unsplash.com/photos/j8a-TEakg78, Lizenz: https://unsplash.com/license.

Bild 2: Lum3n via Pexels (https://www.pexels.com/de-de/foto/me-too-printed-paper-wanddekoration-62... https://www.pexels.com/de-de/lizenz/).

Bild 3: Chris Yang via Unsplash (https://unsplash.com/photos/1tnS_BVy9Jk, Lizenz:https://unsplash.com/license).

Bild 4: olia danilevich via Pexels (https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-menschen-frau-schild-6591693/, Lizenz:https://www.pexels.com/de-de/lizenz/).

Literaturverzeichnis

Barak, A. (2005). Sexual harassment on the Internet. Social Science Computer Review, 23(1), 77-92. https://doi.org/10.1177/0894439304271540

Biber, J. K., Doverspike, D., Baznik, D., Cober, A., & Ritter, B. A. (2002). Sexual harassment in online communications: Effects of gender and discourse medium. CyberPsychology & Behavior, 5(1), 33-42. https://doi.org/10.1089/109493102753685863

Burke Winkelman, S., Oomen-Early, J., Walker, A. D., Chu, L., & Yick-Flanagan, A. (2015). Exploring cyber harassment among women who use social media. Universal Journal of Public Health, 3(5), 194-201. https://doi.org/10.13189/ujph.2015.030504

Duggan, M. (2014). Online harassment. https://www.pewresearch.org/internet/2014/10/22/online-harassment/

Döring, N. (2012). Erotischer Fotoaustausch unter Jugendlichen: Verbreitung, Funktionen und Folgen des Sexting. Zeitschrift für Sexualforschung, 25, 4-25. https://doi.org/https://doi.org/10.1055/s-0031-12839401

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