Zwischen Bedrohung und Chance: Über die Wahrnehmung und Kommunikation von Risiken

Informierte Entscheidungen: Wie kommuniziert man Risiken?

Und was, wenn ein Risiko nicht hohe Wellen, sondern gar keine schlägt? Wenn Warnungen von Experten ins Leere gehen, weil sich Personen nicht betroffen fühlen oder ein Risiko nicht ernst nehmen? Öffentliche Einrichtungen wie Bundes- und Gesundheitsämter werden immer wieder mit dieser Frage konfrontiert, und müssen Wege finden, um auf konkrete Gefahren aufmerksam zu machen und riskantes Verhalten zu verändern. Denn die größten Risiken für unsere Gesundheit sind immer noch die, die nur wir selbst beeinflussen können: Rauchen, Alkohol und Übergewicht. Aber wie überzeugt man Personen durch Präventionsmaßnahmen davon, dass sie sich gesünder ernähren, weniger rauchen und weniger trinken? Eine Methode, die häufig verwendet wird, sind sogenannte Furchtapelle. Die Grundidee ist hier, dass man Risikogruppen zunächst mir einer schockierenden bzw. furchtauslösenden Information (meist in Form von Bildern) konfrontiert und dann in einem zweiten Schritt aufzeigt, mit welchen Mitteln man als Betroffener die Angst beseitigen könnte. Präventative Kampagnen gegen Alkohol am Steuer beispielsweise setzen nicht nur auf schockierende Bilder oder Berichte von Betroffenen, sondern liefern häufig auch konkrete Handlungsvorschläge (beispielsweise, dass man vorher eine Person bestimmen soll, die nüchtern bleibt und fährt). Forschung zu der Wirkung von Furchtapellen hat gezeigt, dass die furchtauslösende Information nur dann wirkt, wenn sie stark genug ist, also genügend Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie sollte jedoch auch nicht zu stark sein: Bei extremen „Schockbildern“ kommt es häufig zu einer Abwehrhaltung, bei der die angesprochenen Personen die Bedrohung einfach leugnen oder sich einreden, dieses Problem beträfe nur andere Personen. Bei anderen Bedrohungen sind sich aber sogar Experten uneinig, ob eine tatsächlich Gefahr besteht. Gerade bei neueren Technologien wie der Gen- oder Nanotechnologie ist dies häufig der Fall, weil es einfach noch zu wenig wissenschaftliche Daten über potentielle Auswirkungen dieser Technologien gibt. Gesundheitsbehörden stehen dabei vor einem Dilemma: Reguliert man eine potentiell gefährliche Technologie nicht, setzt man unter Umständen die Gesundheit der Bevölkerung aufs Spiel; schränkt man die Verbreitung einer neuen Technologie jedoch zu stark ein, hemmt man eventuell den gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt. Um auf Nummer sicher zu gehen, wenden Behörden deshalb häufig das sogenannte Vorsorgeprinzip an. Dieses Prinzip besagt, dass bei Unsicherheit oder Unklarheit über ein Risiko alles unternommen werden sollte, was einer Verminderung oder Vermeidung des Risikos dient. Oder anders gesagt: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Im Falle des Mobilfunks haben sich aufgrund des Vorsorgeprinzips einige Länder dazu entschlossen, die Strahlungsgrenzwerte stärker zu regulieren und Mobilfunkantennen in empfindlichen Bereichen (wie Schulen oder Kindergärten) einzuschränken. Solche Vorsorgemaßnahmen bringen jedoch einen interessanten Nebeneffekt mit sich. Strengere Richtlinien und vorsorglich getroffene Maßnahmen führen nämlich überraschenderweise nicht dazu, dass Risiken als geringer eingeschätzt werden, da sie ja nun reguliert werden. Im Gegenteil: Vorsorgemaßnahmen wecken eher Bedenken, weil sie als Warnsignal interpretiert werden (Wiedemann & Schütz, 2005). Indirekt wird dabei angenommen, dass an einem Risiko schon „was dran sein wird“, wenn sogar die Behören so vorsichtig sind.

Was ist aber, wenn tatsächlich ein Notfall vorliegt, also für alle Beteiligten klar ist, dass eine reale Gefahr droht? Wenn ein Feuer ausbricht, giftige Dämpfe austreten, eine Katastrophe droht? Dann, so sind sich Risikoexperten einig, ist ein klare und einfache Sprache notwenig. Man weiß, dass in Notfällen die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen und zu behalten, um ca. 80% abnimmt. Daher hilft es in solchen Fällen, wenn konkrete Botschaften immer wieder wiederholt werden und nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich und mit visuellen Hilfsmitteln kommuniziert werden (Lundgren & McMakin, 2009). Bei Ausbruch eines Feuers sollten daher im Idealfall nicht nur ein verständlicher Fluchtplan, sondern auch akustische Rauchmelder und gut sichtbare Fluchtwegschilder verfügbar sein, um alle erdenklichen Kommunikationskanäle zu nutzen. Risikokommunikation verfolgt somit verschiedene Ziele: Während es bei Notfällen vor allem darum geht, konkrete und situationsangemessene Handlungsanweisungen zu geben, steht bei Themen wie Rauchen oder Alkohol am Steuer vor allem im Mittelpunkt, für bestimmte Risiken zu sensibilisieren. Hauptziel für jegliche Art von Risikokommunikation ist jedoch immer, dass Personen am Ende selbst über die Risiken urteilen können und befähigt werden, informierte und eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen.

Ansichtssache: Was heißt Risiko?

Deepwater Horizon, aber auch Tschernobyl oder der Klimawandel haben uns gezeigt: Risiko hat sich in der Moderne zu einem globalen Phänomen entwickelt. Risiken betreffen nicht nur mehr Einzelpersonen oder bestimmte Regionen, sondern die ganze Gesellschaft. Der Soziologe Ulrich Beck hat einmal die Gesellschaft der Gegenwart als Risikogesellschaft bezeichnet, und bemerkte, dass gesellschaftlicher Reichtum immer mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken einhergeht. Ein hoher Nutzen einer Technologie ist deshalb nicht denkbar ohne ein gewisses Restrisiko. Was jedoch gesellschaftlich und individuell als Risiko gesehen wird, ist selten objektiv fassbar. Risiko hat immer eine starke subjektive Komponente, was auch bei der Kommunikation von Risiken eine große Rolle spielt. Die menschliche Einschätzung von technologischen und natürlichen Risiken ist daher erst dann zu verstehen, wenn verschiedene Aspekte berücksichtigt werden. Dies sind zum einen qualitative Faktoren des Risikos, zum anderen aber auch Faktoren des Individuums und des sozialen Kontextes. Diese Aspekte helfen zu erklären, warum kleine Risiken oft große Wellen schlagen können, jedoch andererseits Menschen selbst bei bedrohlichen Gefahren gleichgültig reagieren können. Risiko, so kann man festhalten, entsteht immer erst im Auge des Betrachters.

Literaturverzeichnis

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  • Wiedemann, P. M., & Schütz, H. (2005). The precautionary principle and risk perception: Experimental studies in the EMF area. Environmental Health Perspectives, 113(4), 402-405.

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