Coronavirus Sars-CoV-2: Warum fürchten wir, was uns höchstwahrscheinlich nicht umbringt?

Coronavirus SARS-CoV-2 – das Virus beherrscht seit Anfang Januar die Medienberichterstattung, teilweise mit bedrohlichen und übertriebenen Schlagzeilen. Doch warum beschäftigt uns das Virus so sehr, obwohl es - zumindest nach heutigem Wissensstand - viel häufigere und tödlichere Krankheiten als Covid-19 gibt?

mona lisaNachdem wir Rinderwahn, SARS, Vogelgrippe, Schweinegrippe und EHEC überstanden haben, kommt nun die nächste Bedrohung in Gestalt des Coronavirus „SARS-CoV-2“ und der durch das Virus ausgelösten Krankheit „Covid-19“ auf uns zu. Die ersten Krankheitsfälle wurden im Dezember 2019 aus der Provinz Wuhan/China berichtet. Seitdem herrscht Ausnahmestimmung in der Medienlandschaft: Wir lesen bedrohliche Schlagzeilen wie „Leichensäcke und Sterbende“ (Axel Dorloff, 2020). Worst-Case-Szenarien erzeugen Aufmerksamkeit, schüren Ängste und erhöhen Auflagen, Einschaltquoten und Clickraten.

Warum fürchten wir uns vor einem Virus, das in Deutschland dem überwiegenden Teil der Infizierten nicht das Leben kostet? Es ist leicht, Angst vor sogenannten Schockrisiken (dread risks) auszulösen, also vor Situationen, in denen plötzlich viele Menschen auf einmal sterben könnten – wie bei der Vogelgrippe oder auch bei Flugzeugabstürzen. Wenn dagegen genauso viele oder mehr Menschen über das Jahr verteilt sterben, löst das kaum Angst aus – wie beim Autofahren, Rauchen und der Grippe. Diese kollektive Angst vor Schockrisiken läuft immer nach einem ähnlichem Muster ab: In den Medien wird über eine mögliche Katastrophe berichtet; ExpertInnen mutmaßen, dass viele Menschen sterben könnten; die Bevölkerung beginnt, sich Sorgen zu machen, und ruft nach dem Staat. Daraufhin reagiert dieser defensiv, oft mit übertriebenen Maßnahmen. Nach drei bis sechs Monaten hören die Medien auf, darüber zu berichten – und wir haben alles schnell vergessen.

Es gibt deutlich häufigere und tödlichere Krankheiten auf der Welt als Covid-19, gemäß aktuellem Wissenstand. Dennoch ist die Verunsicherung groß und wir fürchten uns vor dem Virus, da es unbekannt ist und - zumindest potenziell - viele Personen auf einmal gefährden kann.

Führen wir uns zum Vergleich vor Augen, wie viele Menschen von der saisonalen Grippe betroffen sind. Jedes Jahr sterben daran mehrere hunderttausend Menschen weltweit (Iuliano, Roguski, Chang et al. 2018). In der starken Grippewelle der Saison 2017/2018 waren es laut Schätzungen des Robert Koch-Instituts (2018) in Deutschland allein sogar 25.000 Menschen. Darüber wird vergleichsweise wenig berichtet. Genauso wenig wie darüber, dass in deutschen Krankenhäusern jährlich ca. 19.000 PatientInnen an vermeidbaren Behandlungsfehlern sterben (Wissenschaftliches Institut der AOK). Nur sterben diese über das Jahr verteilt und stellen daher kein Schockrisiko dar, das leicht Angst auslöst. 2016 waren geschätzt über 10% aller Autounfälle auf Handynutzung am Steuer zurückzuführen (Mobil in Deutschland e.V.). Das macht jeden Tag eine(n) Tote(n). In einer repräsentativen Umfrage von 2019 gaben jedoch 17% der von uns Befragten zu, bei mindestens jeder zehnten Autofahrt das Handy am Steuer zu benutzen (ERGO Risiko-Report 2019). Hier hätten die Menschen Einfluss auf ihr Schicksal und das ihrer Mitmenschen, aber die Angst – und das Verantwortungsbewusstsein – ist bei vielen nicht groß genug, um auf ihr Handy im Straßenverkehr zu verzichten.

Man könnte meinen, dass Medien besonders über jene Gefahren berichten, die vielen Menschen das Leben kosten, und weniger über andere. Das Gegenteil ist der Fall – selbst bei der New York Times und dem Guardian, wie eine Analyse aus 2016 zeigt: Beide berichten zwar viel über Krebs, jedoch kaum über Herzerkrankungen, die häufigste Todesursache (Our World in Data). Dagegen wird viel über Terrorismus und Mord berichtet, woran vergleichsweise wenige Menschen sterben. In den USA ist es beispielsweise wahrscheinlicher, von einem Kleinkind erschossen zu werden als von einer terrorisierenden Person. Diese verzerrte Berichterstattung ist ein Problem, denn die Menschen haben wenig persönliche Erfahrung mit seltenen Risiken und ziehen ihr Wissen aus den Medien.

Was können wir also besser machen? Wir alle müssen lernen, Ungewissheit auszuhalten und damit zu leben. Niemand weiß heute, wie sich das Coronavirus entwickeln wird. Wir können aber aus den Erfahrungen der Vergangenheit Rückschlüsse ziehen und unsere Aufmerksamkeit auf die Dinge richten, die tatsächlich viele Menschenleben kosten und die Situation hier verbessern. Die Medien sollten aufklären, anstatt Angst zu machen, und erklären, wie Schweinegrippe, Rinderwahn und ähnliche Vorfälle abgelaufen sind. Auf allen Seiten ist eine höhere Risikokompetenz gefordert.

Quellen:

Axel Dorloff (2020). Coronavirus in China - Leichensäcke und Sterbende. Tagesschau.de. Abgerufen von www.tagesschau.de/ausland/coronavirus-wuhan-blogger-101.html

ERGO Risiko-Report (2019). Über die Risikokompetenz und Eigenverantwortung der Deutschen. Abgerufen von https://www.risikoreport.de/assets/files/ergo-risiko-report-2019.pdf

Iuliano, A. D., Roguski, K. M., Chang, H. H., Muscatello, D. J., Palekar, R., Tempia, S., ... & Wu, P. (2018). Estimates of global seasonal influenza-associated respiratory mortality: a modelling study. The Lancet, 391(10127), 1285-1300.

Mobil in Deutschland e.V. (2020). Verkehrszählung: Jeder 14. Autofahrer ist ein „Smartphonesünder“. Abgerufen von https://www.mobil.org/verkehrszaehlung-jeder-14-autofahrer- ist-smartphonesuender/

Our World in Data (2020). Does the news reflect what we die from? Abgerufen von https://ourworldindata.org/does-the-news-reflect-what-we-die-from. Abgerufen am 06.02.2020

Robert Koch-Institut (2018). Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2017/18. Abgerufen von https://edoc.rki.de/handle/176904/5739.

Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO, 2020). Krankenhausreport 2014. Abgerufen von https://www.wido.de/fileadmin/Dateien/Dokumente/Publikationen_Produkte/B...

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Sumanley xulx via Pixabay

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