Gibt es einen Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und politischen Orientierungen?

Studien zeigen, dass Menschen mit konservativeren politischen Einstellungen bei kognitiven Aufgaben im Durchschnitt oft schlechter abschneiden als Menschen mit weniger konservativen politischen Einstellungen. Wie lässt sich dieser Zusammenhang erklären? Es lohnt sich, genau hinzuschauen.

politics newspaperIn einer Übersichtsarbeit (Glossar: Metaanalyse) aus dem Jahr 2015 wurden die Ergebnisse von 67 Studien zusammengefasst, in welchen der Zusammenhang zwischen politischen Orientierungen und kognitiven Fähigkeiten untersucht wurde (Onraet et al., 2015). Bei einem Großteil dieser Studien zeigte sich, dass konservativere Einstellungen im Durchschnitt mit geringeren Leistungen bei kognitiven Aufgaben einhergehen. Ein häufig vertretener Erklärungsansatz für diese Ergebnisse besagt, dass typisch konservative Positionen für Menschen mit geringen kognitiven Fähigkeiten besonders attraktiv sind: Da Menschen mit geringen kognitiven Fähigkeiten von komplexen, nicht klar strukturierten und sich ständig wandelnden gesellschaftlichen Verhältnissen leicht überfordert sind, präferieren sie Positionen, die klare Hierarchien, homogene soziale Gruppen und die Beibehaltung bestehender Strukturen und Traditionen propagieren.

In einer eigenen Studie mit 308 Teilnehmenden aus den USA, deren Ergebnisse kürzlich erschienen sind (Burger, Pfattheicher & Jauch, 2020), fragten wir uns, ob es nicht auch eine andere Erklärung für den Zusammenhang zwischen der Leistung bei kognitiven Aufgaben und politischen Einstellungen geben könnte. Dabei gingen wir von folgender Überlegung aus: Leistungen bei kognitiven Aufgaben werden üblicherweise als Maße für kognitive Fähigkeiten herangezogen. Die Leistung einer Person bei einer solchen Aufgabe hängt aber natürlich nicht nur von ihren Fähigkeiten ab, sondern auch von ihrer Motivation, bei dieser Aufgabe gut abzuschneiden. Könnte es sein, dass konservative Menschen weniger stark motiviert sind, bei kognitiven Aufgaben gut abzuschneiden, als Menschen mit weniger konservativen Einstellungen?

Als Maß für die politische Orientierung erfassten wir in unserer Studie Autoritarismus, welcher die Haltung einer Person zu Konformität und Traditionen im Gegensatz zu Pluralismus und Individualität abbildet. Per Zufall wurde ein Teil der Personen einer Bedingung zugewiesen, in der es einen finanziellen Anreiz gab, Textaufgaben korrekt zu beantworten, während die restlichen Personen die Aufgabe ohne einen solchen finanziellen Anreiz bearbeiteten. Tatsächlich zeigte sich, dass ein finanzieller Anreiz bei Personen mit hohen Autoritarismus-Werten eine Leistungssteigerung bewirkte, während er bei Personen mit niedrigen Autoritarismus-Werten keinen Effekt hatte. Personen mit konservativeren Einstellungen waren also durchaus in der Lage, besser abzuschneiden, wenn sie dazu motiviert wurden. Unabhängig von diesem finanziellen Anreiz fanden wir aber auch einen generellen Trend, dass Personen mit hohen Autoritarismus-Werten schlechter abschnitten als Personen mit niedrigen Werten (auch wenn wir das Bildungsniveau der Personen statistisch kontrollierten).

Fazit: Es spricht viel dafür, dass ein Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und politischen Einstellungen besteht. Dabei sollte man aber zwei Dinge bedenken: Zum einen scheint der Zusammenhang zwar robust, aber gleichzeitig auch klein zu sein. So deuten die Ergebnisse von Onraet und Kollegen (2015) darauf hin, dass individuelle Unterschiede in kognitiven Leistungen mit etwa 4% der individuellen Unterschiede in politischen Orientierungen in Zusammenhang stehen. Zweitens erbringen Menschen mit konservativen Einstellungen vermutlich oft auch deshalb schlechtere Leistungen bei kognitiven Aufgaben, weil sie weniger motiviert sind, bei derartigen Aufgaben gut abzuschneiden. Möglichen Gründen für diese Motivationsunterschiede möchten wir in zukünftigen Studien näher auf den Grund gehen. 

Quellen:

Burger, A. M., Pfattheicher, S., & Jauch, M. (2020). The role of motivation in the association of political ideology with cognitive performance. Cognition, 195. Advance Online Publication.

Onraet, E., Van Hiel, A., Dhont, K., Hodson, G., Schittekatte, M., & De Pauw, S. (2015). The association of cognitive ability with right‐wing ideological attitudes and prejudice: A meta‐analytic review. European Journal of Personality, 29, 599-621.

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Priscilla Du Preez über Unsplash

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