Vom Kinderwunsch zum Wunschkind: Auf Umwegen zum Ziel… und dann?!
In der landläufigen Vorstellung ist der Weg zur Elternschaft recht klar: Dem Kinderwunsch folgt ein positiver Schwangerschaftstest und nach etwa neun Monaten liegt das Wunschkind glücklich in den elterlichen Armen. In der Realität erfordert eine Kinderwunschreise jedoch nicht selten längeres Warten und/oder medizinische Unterstützung. Wie beeinflussen solche Herausforderungen auf dem Weg zur Familiengründung später die Elternpaare und ihre Kinder?
Kinderwunsch und Kinderwunschschwierigkeiten sind ein großes Thema für viele
Was verbinden Sie spontan mit dem Begriff „Familienplanung“? Möglicherweise Verhütungsmethoden, oder das Abpassen des idealen Zeitpunkts für eigene Kinder? Schließlich steht schon im schulischen Aufklärungsunterricht vor allem das Vermeiden ungewollter Schwangerschaften und die selbstbestimmte Gründung einer Familie im Fokus.
Bild 1: Familienplanung bedeutet für viele Paare vor allem, nicht zum unpassenden Zeitpunkt schwanger zu werden.
Für mindestens jedes zehnte Paar im Alter zwischen 25 und 59 Jahren umfasst Familienplanung jedoch das genaue Gegenteil, nämlich den Umgang mit einem unerfüllten Kinderwunsch (BMfFSJ, 2023). In einer aktuellen Längsschnittstudie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) berichtete sogar jede dritte Frau in Deutschland von Fertilitätsproblemen (Milewski & Passet-Wittig, 2026). Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht man von unerfülltem Kinderwunsch, wenn bei einem heterosexuellen Paar nach über einem Jahr ungeschützten Geschlechtsverkehrs während der fruchtbaren Zeitfenster der Frau keine Schwangerschaft eintritt (Sterilität) oder Schwangerschaften in einer Fehl- beziehungsweise Frühgeburt enden (Infertilität; vgl. Springermedizin, 2018) .
Sterilität oder Infertilität hat vielfältige Ursachen wie Erkrankungen, Alterungsprozesse oder schädliche Umwelteinflüsse und mittlerweile gibt es auch diverse medizinische Behandlungsmöglichkeiten. So können beispielswiese weibliche Zyklusstörungen durch Hormongabe kontrolliert werden, oder die erfolgreiche Befruchtung der Eizelle kann labortechnisch unterstützt werden. Weiterhin kann für die Befruchtung eine Samenzellenspende in Anspruch genommen werden und außerhalb Deutschlands sind in manchen Ländern auch Eizellenspenden oder Leihmutterschaften möglich. Solche Kinderwunschbehandlungen werden medizinisch als assistierte Reproduktionstechnologien bezeichnet und erfolgten laut dem Deutschen Ärzteblatt (2024) in Deutschland allein im Jahr 2023 mehr als 131.000 Mal – Tendenz steigend.
Kinderwunschschwierigkeiten können vielfältig (psychisch) belasten
Ein langer unerfüllter Kinderwunsch sowie Kinderwunschbehandlungen sind also alles andere als selten. Sie können jedoch nicht nur körperlich, sondern auch psychisch stark belasten. Aus bisheriger psychologischer Forschung lässt sich die Entstehung von Stress- und Belastung durch Kinderwunschschwierigkeiten überblicksartig und systematisch in folgendem theoretischen Rahmen der Abbildung 1 zusammenfassen:
Wie in Abbildung 1 dargestellt, können je nach sozio-demographischem Hintergrund, konkretem Kinderwunschverlauf und Partnerschaftsmerkmalen im Zusammenspiel mit individuell verfügbaren Bewältigungsstrategien vielfältige Stress- und Belastungsfolgen auf vier verschiedenen Ebenen entstehen: Emotional können sich Gefühle wie Angst, Scham, Wut oder Trauer einstellen. Gedanklich sind beispielsweise Sorgen oder die Selbstabwertung aufgrund des empfundenen „Nicht-Funktionierens“ des eigenen Körpers und Überforderung bei anstehenden Kinderwunschentscheidungen mögliche Folgen. Im Verhalten zeigen sich potentiell sozialer Rückzug und die Vermeidung von Treffen mit Schwangeren oder Babys, aber auch erhöhter Aktionismus (z. B. bei der Kinderwunschbehandlung). Auch physiologisch-körperlich können sich Belastungs- und Stressfolgen zeigen – unter anderem in erhöhtem Puls und Blutdruck, vermehrter Ausschüttung von Stresshormonen und Schlafproblemen. Die verschiedenen Stress- und Belastungsauswirkungen lassen sich anschließend durch Befragung der Betroffenen selbst oder ihrer Bezugspersonen, Beobachtungen in Alltagssituationen und schlussendlich auch per physiologischen Messungen sichtbar machen.
Im Modell wird allerdings ebenfalls ersichtlich, dass sich während Kinderwunschschwierigkeiten auch Bewältigungsstrategien entwickeln und nutzen lassen. Positiv gesehen haben Paare im Verlauf einer längeren Kinderwunschreise auch Möglichkeiten, sich intensiv mit ihren Vorstellungen über und Erwartungen an das Elternwerden auseinanderzusetzen und entsprechende Ressourcen aufzubauen. So wird der Start in die Elternschaft potentiell bewusster und aufgeklärter gestaltet, als wenn sich eine Schwangerschaft schnell oder sogar ungeplant ankündigt.
Die spannende und wichtige Frage für die Wissenschaft lautet also: Wie wirken sich ein längerer unerfüllter Kinderwunsch und Kinderwunschbehandlungen im Allgemeinen langfristig auf das Stress- und Belastungserleben von Familien aus? Oder konkreter: Hält das in Abbildung 1 angenommene erhöhte Stress- und Belastungserleben durch Kinderwunschschwierigkeiten auch nach der Geburt von Kindern weiter an? Dieser Artikel gibt einen Überblick, was dazu aus bisheriger Forschung bereits bekannt ist und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.
Hier muss allerdings direkt vorweggenommen werden, dass es aktuell nur vergleichsweise wenige Studien gibt, die sich mit den langfristigen psychischen Folgen von Kinderwunschschwierigkeiten in Familien beschäftigen. Allgemeine Aussagen dazu sind deshalb mit entsprechender Vorsicht zu genießen.
Bild 2: Der Kinderwunsch ist (endlich) erfüllt … aber wirkt der Weg dahin noch nach?
Umso wichtiger ist es, zumindest die verfügbaren Studien einmal zusammenzutragen und genauer zu betrachten. Im September 2025 konnten wir in wissenschaftlichen Datenbanken für psychologische Forschungsartikel 66 Studien finden, die sich mit dem Einfluss von längerem Kinderwunsch bzw. Kinderwunschbehandlungen auf das Stress- und Belastungserleben in Familien beschäftigen. Dreiundzwanzig von ihnen untersuchen den Einfluss auf die Eltern, 43 von ihnen fokussieren sich auf den Einfluss auf die Kinder. Alle diese Studien stellen jeweils Familien mit und ohne Kinderwunschschwierigkeiten gegenüber und suchen nach Unterschieden im Stress- und Belastungserleben. Außerdem berücksichtigen alle Studien ausschließlich Familien, bei denen sich der Wunsch nach einem biologisch eigenen Kind bereits erfüllte.
Belastungserleben der Eltern: nicht Kinderwunschschwierigkeiten an sich, sondern die Umstände sind auf Dauer entscheidend
Beim Blick auf die Studien, welche explizit die Eltern untersuchten, finden sich insgesamt keine bedeutsamen, systematischen Unterschiede: Eltern mit und ohne Kinderwunschschwierigkeiten unterscheiden sich nicht bedeutsam in ihren Stress- und Belastungsangaben (z. B. Repokari et al., 2005). Vielmehr scheinen Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt, schwierige Familiensituationen, oder auch geringe finanzielle/soziale Ressourcen die empfundene Belastung der Eltern zu erhöhen. Das gilt unabhängig davon, ob vorab Kinderwunschschwierigkeiten vorlagen (z. B. Vilska et al., 2009).
Allerdings zeigen einzelne Studien, dass Komplikationen vor, während oder nach der Schwangerschaft diejenigen Eltern mehr belasteten, die vorher eine längere Kinderwunsch(behandlungs)zeit erlebten (z. B. Tendais & Figueiredo, 2016). Die Unterschiede sind jedoch gering und finden sich primär während der ersten Elternschaftsmonate. Damit ist bei Eltern nach längerem Kinderwunsch bzw. Kinderwunschbehandlungen kein generell und dauerhaft erhöhtes Stress- und Belastungslevel anzunehmen.
Die Aussagekraft der Studien ist jedoch dadurch eingeschränkt, dass der Großteil der Untersuchungen lediglich globale Stressmaße betrachtete. So wurden beispielsweise elterlicher, partnerschaftsbezogener oder anderer spezifischer Stress ebenso wie verschiedene Stressebenen (entsprechend der Auswirkungen in Abbildung 1) nicht getrennt voneinander untersucht. Auch liefern die Studien keine systematischen Informationen darüber, wie belastet oder gestresst sich die Eltern bereits vor ihrem Kinderwunsch erlebten. Die Untersuchungen basieren außerdem auf teilweise kleinen und nicht repräsentativen (also nicht für die Gesamtheit aller Familien typischen) Stichproben. Es ist demzufolge unklar, inwieweit die Ergebnisse verallgemeinerbar sind.
Eine weitere Besonderheit der Studien besteht darin, dass sie Eltern stets nur in Eltern mit längerem Kinderwunsch/Kinderwunschbehandlungen und Eltern ohne längeren Kinderwunsch/Kinderwunschbehandlungen gruppierten. Diese Zweiteilung ist möglicherweise zu stark vereinfacht. Denn dabei bleibt für beide Gruppen unberücksichtigt, wie lange im Einzelnen konkret ein Kinderwunsch vorlag, wie aktiv-umfassend dieser verfolgt wurde, wie intensiv und zentral der Kinderwunsch empfunden wurde, oder wie umfangreich sich während des Kinderwunschs mit dem Thema Familiengründung auseinandergesetzt wurde. Ebenso wurde die Anzahl bereits geborener und in der Familie lebender Kinder in den bisherigen Studien noch kaum berücksichtigt. Solche Faktoren – entsprechend der Einflussfaktoren in Abbildung 1 – können jedoch stark beeinflussen, wie der Kinderwunsch tatsächlich erlebt wird und sich auswirkt.
Belastungserleben der Kinder: auch hier kommt es eher auf die Umstände rund um den Kinderwunsch der Eltern an
Für die Perspektive der Kinder zeichnet die Forschungslage ein ähnliches Bild: Auch hier finden sich keine systematischen, relevanten Unterschiede im Stress- und Belastungserleben von Kindern, die nach längerem Kinderwunsch oder Kinderwunschbehandlungen auf die Welt kamen und Kindern, die spontan (also innerhalb von 12 Monaten Kinderwunsch und ohne medizinische Unterstützung) entstanden. Sowohl hinsichtlich psychischer Diagnosen, als auch hinsichtlich des von den Eltern berichteten Kindverhaltens finden sich keine bedeutsamen Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen.
Zwar gibt es einzelne Studien, in denen Eltern nach längerem Kinderwunsch oder Kinderwunschbehandlungen tendenziell von mehr sozialen und emotionalen Schwierigkeiten bei ihren Kindern berichteten (z. B. Barbuscia et al., 2019). Diese Befunde beziehen sich allerdings wieder auf die frühen Monate und Jahre nach der Geburt und die Unterschiede verschwinden im Verlaufe der ersten Lebensjahre der Kinder. Dem entgegen finden sich in mehreren Studien Hinweise darauf, dass Kinder von Eltern mit Kinderwunschbehandlungen seelisch sogar davon profitierten, wenn ihre Eltern die erlebten Kinderwunschherausforderungen altersgerecht-transparent mit ihnen besprachen. Denn dies vermittelt den Kindern, dass sie sehr herbeigewünscht wurden und ist somit eine mögliche Bewältigungsstrategie und Ressource ähnlich wie im Modell in Abbildung 1.
Auch in Hinblick auf die Kinder scheinen folglich die familiären, sozialen und gesundheitlichen Faktoren in ihren Familien einen stärkeren Einfluss auf das Stress- und Belastungserleben zu haben als die spezifischen Kinderwunschschwierigkeiten ihrer Eltern.
Aus bisheriger Forschung resultieren ermutigende Befunde mit noch offenen Fragen
Was sind also die Kernaussagen bisheriger Forschungsergebnisse? Vor allem lautet die ermutigende Nachricht: Eine vorherige längere Kinderwunschreise und eventuelle Kinderwunschbehandlungen bedeuten offenbar nicht automatisch langfristig höhere Belastungen für Eltern und ihre Kinder. Die bisherigen Befunde deuten stattdessen darauf hin, dass das spätere Stress- und Belastungserleben der Eltern und ihrer Kinder eher von den Umständen während der Kinderwunschreise (beispielsweise vom konkreten Kinderwunschweg, der finanziellen und familiären Situation oder Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt) abhängt. Die im Modell aus Abbildung 1 aufgeführten allgemeinen Einflussfaktoren scheinen also langfristig gesehen bedeutsamer zu sein, als die spezifischen Einflüsse der konkreten Kinderwunschschwierigkeiten. Denn der Einfluss von längeren Kinderwunschphasen oder Kinderwunschbehandlungen ist spätestens nach den ersten Jahren der Elternschaft in Studiendaten nicht mehr zu finden.
Die Aussagekraft der bisherigen (wenigen) Befunde ist jedoch an manchen Stellen noch eingeschränkt. So ist zu beachten, dass die untersuchten Familien möglicherweise kein vollständiges und repräsentatives Abbild aller Familien darstellen: Einige Studien haben ausschließlich Familien untersucht, welche bereits in Familienberatungsstellen betreut wurden und die meisten Studien fanden im europäischen oder angloamerikanischen Raum mit Familien von verheirateten, heterosexuellen Paaren statt. Ebenfalls wurde der Kinderwunschweg meist nur wenig differenziert erfasst.
Unbedingt berücksichtigt werden sollte bei all den hier betrachteten Studien außerdem, dass sie sich größtenteils auf persönliche – und damit subjektive – Einschätzungen der untersuchten Personen stützen. In den meisten Fällen machten also die Eltern Angaben zu sich und/oder ihren Kindern. Dabei lässt sich nicht abschließend festhalten, inwieweit die Eltern tatsächliches Belastungserleben bei sich oder ihren Kindern auch offenlegten.
So fällt es Eltern nach langem Kinderwunsch und vielen Kinderwunschbehandlungen zum einen möglicherweise schwerer, Belastungen oder Schwierigkeiten in Bezug auf die Elternschaft ehrlich anzugeben. Schließlich ist ja ihr langer, inniger Wunsch nach einem Kind nun doch endlich in Erfüllung gegangen. Zum anderen sind persönliche Angaben immer vom eigenen Bewertungsstandpunkt und Vergleichsrahmen abhängig. Unter Umständen schätzen Eltern sich und ihre Kinder nach vorherigen Kinderwunschschwierigkeiten subjektiv als weniger belastet ein, weil sie Herausforderungen im Familienleben im Licht der Dankbarkeit für den doch noch erfüllten Kinderwunsch als weniger gravierend empfinden.
Idealerweise sollte das Stress- und Belastungserleben fortan – wie in dem mittlerweile gut bekannten Modell aus Abbildung 1 dargestellt – nicht allein durch Selbsteinschätzungen, sondern zusätzlich durch objektivere Indikatoren erfasst werden. Solche Indikatoren könnten physiologische Maße wie Pulsveränderungen, Blutdruck, die Konzentration des Stresshormons Adrenalin in Blut und Haar, Herzratenvariabilität oder Hautleitfähigkeit sein.
Zusammenfassend ist es also wichtig, dass zukünftige Untersuchungen ein breiteres, differenzierteres Bild von Familien mit Herausforderungen während des Kinderwunsches anstreben und die Auswirkungen des Kinderwunschweges mit all seinen verschiedenen Facetten, Hintergründen und Rahmenbedingungen individueller betrachten – das hier verwendete theoretische Modell aus Abbildung 1 kann dazu als Anregung dienen.
Bild 3: Was können wir aus der Forschung mitnehmen?
Die Forschungsbefunde können im Alltag entlasten und für Aufklärung sorgen
In der Praxis kann die aktuelle Befundlage Familien nach anfänglichen Kinderwunschschwierigkeiten mental entlasten. Denn wenn der Weg zum eigenen Kind bereits steinig war, verstärkt dies bei Paaren potentiell Zweifel, Versagensängste oder Unsicherheiten bezüglich der Elternrolle (siehe unter anderem Karaca et al., 2016). Die bisherige Studienlage kann dem entgegenwirken und Eltern entlasten. Denn es zeigt sich, dass Kinderwunschschwierigkeiten das anschließende Familienleben nicht per se bedeutsam erschweren.
Im Umkehrschluss machen die Forschungsdaten deutlich, dass Stress- und Belastungserleben in verschiedensten Familien und aus verschiedensten Gründen auftreten kann. Diese Erkenntnis erleichtert es Familien möglicherweise, Stressoren und Belastungskomponenten anzunehmen und offen zu thematisieren, ohne dies unmittelbar als persönliche Unzulänglichkeit, oder gar als „Versagen“ zu empfinden. Denn häufig verspüren Eltern generell sowohl durch sich selbst als auch durch ihr soziales Umfeld einen hohen Erwartungsdruck, Elternschaft sowie den Weg dorthin als uneingeschränktes Wunder, Glück und Geschenk zu erleben. Sorgen, Strapazen oder Unzufriedenheit gelten dabei schnell als unangebracht, unangemessen oder gar unerwünscht (Li et al., 2024).
Dies zeigt, dass es nicht nur für Paare unmittelbar vor oder nach der Familiengründung hilfreich ist, sich mit den fundierten Informationen und Kenntnissen rund um das Thema Kinderwunsch auseinanderzusetzen. Auch für deren gesamtes Umfeld ist dies wichtig. Denn bei der Familiengründung kann eine aufgeklärte, informierte und sensibilisierte Gesellschaft eine wichtige Ressource darstellen – ebenso wie ein unbedarftes, schlecht informiertes, oder verunsichertes soziales Umfeld als zusätzlicher Stressor wirken kann.
Bild 4: Familienleben ist bunt, mitunter turbulent und manchmal herausfordernd – aber Schwierigkeiten bei der Familiengründung müssen Familien nicht nachhaltig belasten.
Fazit: Das Thema Kinderwunsch(schwierigkeiten) verdienen breite Aufmerksamkeit in Wissenschaft und Gesellschaft
In der Zusammenschau machen die dargestellten Befunde deutlich, dass Kinderwunschschwierigkeiten in den letzten zwei Jahrzehnten durchaus stärker in den Fokus von Wissenschaft und Gesellschaft gerückt sind, aber weiterhin Forschungs- und Kommunikationslücken bestehen. Herausforderungen während des Kinderwunsches sollten deshalb in Zukunft noch umfangreicher diskutiert und untersucht werden, um daraus nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Begleitung, Beratung und Unterstützung von Familien weitere Erkenntnisse zu gewinnen.
So gibt es mittlerweile erfreulicherweise neben zunehmender medialer und politischer Aufklärung zum allgemeinen Thema Kinderwunsch auch immer mehr spezifische Anlaufstellen für die psychologische Beratung bei Kinderwunschschwierigkeiten (zum Beispiel Kinderwunschberaterinnen und Kinderwunschberater). Beides kann von zukünftigen neuen Studienergebnissen profitieren und weiter gestärkt werden. Dies kommt schlussendlich nicht nur Familien mit unmittelbarem Kinderwunsch zugute, sondern trägt insgesamt zum Bewusstsein und Verständnis für das Thema Kinderwunsch in unserer Gesellschaft bei.
Und nicht zuletzt werden dadurch diejenigen Paare unterstützt, deren Kinderwunsch sich selbst nach langer Zeit und bestmöglicher medizinischer Unterstützung nicht erfüllt hat. Denn manche Paare entscheiden sich sehr bewusst dafür, ihren Kinderwunsch ab einem gewissen Punkt nicht oder auf anderen Wegen wie Adoption, Pflegschaft oder intensive berufliche Arbeit mit Kindern auszuleben. Aber nicht wenige Paare können ihren Kinderwunsch auch allein aus finanziellen Gründen nicht weiterverfolgen. Denn notwendige Kinderwunschbehandlungen kosten pro Behandlungszyklus drei- bis vierstellige Beträge und in Deutschland übernehmen die Krankenkassen diese Kosten nur bei verheirateten Paaren in festgelegten Grenzen. Wie lange und mit welchem Ausmaß an medizinischer Unterstützung ein Kinderwunsch weiterverfolgt wird, stellt Paare also vor eine höchst individuelle Entscheidung, die eine große Tragweite hat und nicht selten psychologischen Unterstützungsbedarf mit sich bringt.
Kurzum: Die bisherige Forschung verdeutlicht, wie individuell und vielgestaltig Kinderwunschwege sein können und dass sie Familien später genauso individuell und vielgestaltig beeinflussen können. Das Vorliegen einer längeren Kinderwunschdauer und/oder Kinderwunschbehandlungen scheint dabei nur ein Aspekt von mehreren zu sein und allein keinen relevanten Einfluss auf das Stress- und Belastungserleben in Familien zu haben.
Präventive Aufklärungs- und Informationsangebote sollten dafür gesamtgesellschaftlich und möglichst frühzeitig sensibilisieren. So werden schon Heranwachsende von Anfang an ermuntert, sich mit dem Thema Kinderwunsch unverfälscht auseinanderzusetzen und damit einhergehende Befürchtungen oder Hemmungen abzubauen. Das wird zusätzlich von den immer stärker in den sozialen Medien präsenten „KiWu-Mädels“ erleichtert. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, mehr über (eigene) Kinderwunschwege und deren Folgen aufzuklären, um diese Thematik stärker in den Fokus aller Gesellschaftsbereiche zu rücken. Expertinnen und Experten aus Forschung und Wissenschaft sollte sich dieser Entwicklung anschließen, indem sie durch gute Wissenschaftskommunikation den aktuellen Stand der Forschung in die breite Öffentlichkeit tragen. Denn der Kinderwunsch und seine verschiedenen Erscheinungsformen beschäftigen nicht nur Paare unmittelbar während ihrer aktiven Familiengründung, sondern ist generell ein zentrales, gesamtgesellschaftliches Lebensthema für uns alle.
Literaturverzeichnis
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Bildquellen
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