Mehr als nur Worte: Warum wir beim Klimawandel mit der Einigkeit der Wissenschaft starten sollten

Was wäre, wenn eine einzelne kleine Botschaft in der Lage wäre, unseren Glauben an den Klimawandel zu stärken, unsere Handlungsbereitschaft zu erhöhen und sogar dazu beitragen könnte, das Lernen von Klimainformationen zu verbessern? Klingt zu schön, um wahr zu sein? Die psychologische Forschung zeigt: Es funktioniert.

Schon eine einzige „Konsensusbotschaft“ kann den Glauben an den Klimawandel und die Handlungsbereitschaft stärken. Sie lautet: „97% der Klimaexpert:innen sind überzeugt, dass der menschengemachte Klimawandel existiert“ (konservativ geschätzt, vgl. Lynas et al., 2021).

Warum Fakten oft abprallen und wie wir das umgehen 

Stellen wir uns die Klimaskeptiker Paul und Paula vor: Sie glauben, die Wissenschaft zum menschengemachten Klimawandel sei uneinig, und schätzen den Konsens auf gerade einmal 50%. Die direkte Aufforderung „Lebt klimafreundlicher!“ ließe sie womöglich sofort abblocken und könnte von ihnen als Angriff auf ihre Weltanschauung interpretiert werden (Steindl et al., 2015).

Genau hier wirkt der numerische Fakt (97%): Er kommt ohne moralischen Zeigefinger aus und regt Paul und Paula an, ihre Schätzung zu aktualisieren (beispielsweise von 50% auf 60%). Dahinter steckt mehr als bloßes Orientieren an einer einzigen Zahl ( Ankereffekt). Die Botschaft aktiviert eine psychologische Faustregel: „Konsens impliziert Korrektheit“. Diese geschlossene Einigkeit signalisiert Realität und Relevanz und kann selbst tiefsitzende Fehlwahrnehmungen korrigieren, etwa den Mythos der wissenschaftlichen Uneinigkeit, der über Jahre hinweg durch gezielte Lobbyarbeit und Desinformation in der Bevölkerung verankert wurde.

Dieser Prozess wird im „Gateway-Belief-Modell“ (van der Linden et al., 2015) als psychologische Kettenreaktion beschrieben: Der erkannte Konsens ist das Eingangstor (Gateway). Sobald Paul und Paula anerkennen, dass sich die Forschung weitgehend einig ist und sie diese Expert:inneneinigkeit als verlässliches Signal für die Realität werten, durchschreiten sie dieses Tor. Hierdurch erhöht sich ihre Bereitschaft ,tieferliegende Überzeugungen (beispielsweise über die Realität und Dringlichkeit des Klimawandels) anzupassen, wodurch sich wiederum ihre Bereitschaft, proaktiv zu handeln, verstärkt (Rode et al., 2025).

Vom Wollen zum Verstehen: Wenn Einigkeit das Lernen fördert

Überzeugungen allein reichen jedoch nicht; wir müssen auch die Fakten und komplexen Prozesse des Klimawandels verstehen. Unsere neue Studie (Göbel et al., 2026) prüfte daher, ob die Konsensusbotschaft das Lernen fördert.

Dazu sahen die Proband:innen ein fünfminütiges Video mit Fakten zum Klimawandel, etwa dass das Grönland-Eis heute schneller schmilzt als vor 40 Jahren. Vorab wurden sie drei Gruppen zugeteilt: Paul erhielt die echte 97%-Botschaft, Paula eine Expert:innenuneinigkeit andeutende 55%-Botschaft und die Kontrollgruppe gar keine Nachricht. Ein Wissenstest vor und nach dem Video maß den genauen Wissenszuwachs.

Es zeigte sich ein vielversprechendes Ergebnis: Paul lernte mehr aus dem Video als Personen aus der Kontrollgruppe durch die vermutete Kettenreaktion: Die 97%-Botschaft korrigierte seine Einschätzung der wissenschaftlichen Einigkeit nach oben, was wiederum seine Informationsaufnahme verbesserte.

Das Risiko von Zweifeln (und wie man sie auflöst)

Bei Paula blieb das „Gateway“ durch die verunsichernde 55%-Botschaft theoretisch verschlossen: Wenn selbst Experten uneins wirken, fehlt Laien die Grundlage dafür, das Thema als dringlich zu erachten. Doch blockierte dieser Zweifel am Konsens zusätzlich auch ihr Lernen? Um das detailliert zu erfassen, baten wir alle Versuchspersonen sowohl vor als auch nach dem Video um ihre Einschätzung: Auf wie viel Prozent schätzen Sie die Einigkeit unter Klimaforschenden?  Hinzu kam der zuvor erwähnte Wissenstest vor und nach dem Informationsvideo.

Glücklicherweise blockierten Paulas Zweifel ihr Lernen nicht. Sie lernte so viel wie die Kontrollgruppe. Allerdings sank ihre Schätzung der wissenschaftlichen Einigkeit nach dem Video drastisch ab. Dieser Schaden ist jedoch revidierbar: Nach einer Aufklärung über die tatsächlichen 97% stieg Paulas Einschätzung wieder auf Pauls Niveau. Der wahre Konsens korrigiert Zweifel somit wirksam und macht Individuen für zukünftige Klimakommunikation empfänglicher.

Eine elegante Lösung für den Alltag

Was bedeutet das für uns? Als hocheffiziente und aufwandsarme psychologische Intervention lässt sich die Konsensusbotschaft leicht in Medien und Alltag integrieren. So könnten Videoplattformen wie YouTube vor Klimavideos eine kurze Texttafel einblenden, um das Konsenswissen zu stärken und dadurch den Lerneffekt der Zuschauenden gezielt zu steigern. Für den Alltag gilt: Streitet bei der nächsten Diskussion nicht sofort über Verbote, sondern startet mit der Einigkeit der Wissenschaft. 

Hinweis: Während dieser Ansatz in der breiten Bevölkerung sehr gut funktioniert, bleibt die Datenlage bei extremen Klimaleugnern gemischt. Eine ausführlichere Zusammenfassung des Forschungsartikels gibt es auf YouTube.

Literaturverzeichnis

Göbel, J. P., Buder, J., Ogiermann, M., Burkhardt, M., Forstner, A., Fischer, H., & Huff, M. (2026). Understanding the gateway: Unpacking the mechanisms, boundaries, and outcomes of climate consensus messaging. Journal of Environmental Psychology, 110, Article 102913. https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2026.102913

Lynas, M., Houlton, B. Z., & Perry, S. (2021). Greater than 99% consensus on human caused climate change in the peer-reviewed scientific literature. Environmental Research Letters, 16(11), 114005. https://doi.org/10.1088/1748-9326/ac2966

Rode, J. B., Remshard, M., Groot, L. J., & Van Der Linden, S. (2025). A meta-analytic structural equation analysis of the gateway belief model: Highlighting scientific consensus increases support for public action on climate change. Current Opinion in Behavioral Sciences, 63, Article 101521. https://doi.org/10.1016/j. cobeha.2025.101521

Steindl, C., Jonas, E., Sittenthaler, S., Traut-Mattausch, E., & Greenberg, J. (2015). Understanding psychological reactance. Zeitschrift Für Psychologie, 223(4), 205–214. https://doi.org/10.1027/2151-2604/a000222

van der Linden, S., Leiserowitz, A. A., Feinberg, G. D., & Maibach, E. W. (2015). The scientific consensus on climate change as a gateway belief: Experimental evidence. PLoS One, 10(2), Article e0118489. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0118489

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James Lee via unsplash

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