Geteilte Werte, weniger Abneigung – Was positive Beispiele aus dem anderen politischen Lager bewirken können
Politische Abneigung gegenüber dem anderen Lager ist weit verbreitet und sie nimmt zu. Eine aktuelle Studie zeigt nun, wie dieser Trend gebremst werden könnte: Wer erfährt, dass sich Mitglieder der anderen politischen Partei moralisch verhalten, mag die andere Seite danach tatsächlich etwas mehr.
Politische Diskussionen können hitzig sein, gerade wenn sie mit Wählenden anderer Parteien geführt werden. Das kann bis zu Hassgefühlen gegenüber den Anderen führen. Diese Abneigung gegenüber der politischen Outgroup wird als affektive Polarisierung bezeichnet (Iyengar & Westwood, 2015). In den letzten Jahren hat diese Polarisierung stetig zugenommen und stellt zunehmend eine Herausforderung für Demokratien dar (Moran & Walther, 2026).
In ihrer aktuellen Studie haben Moran und Walther (2026) nun untersucht, wie man diese Abneigung reduzieren könnte. Die Idee dahinter: Wenn Menschen erfahren, dass Angehörige der politischen Outgroup sich moralisch verhalten, sollte das gemeinsame Werte hervorheben und die Abneigung gegenüber dieser Gruppe reduzieren. Um das zu testen, führten die Autor:innen drei Online-Experimente in den USA durch, in denen Teilnehmende Beschreibungen von Verhaltensweisen verschiedener Personen lasen, die entweder als Demokrat:innen oder als Republikaner:innen dargestellt wurden. Im ersten Experiment wurden einer politischen Gruppe moralische, der anderen unmoralische Verhaltensweisen zugeordnet. Eine moralische Verhaltensweise war beispielsweise das Spenden einer Niere an einen Arbeitskollegen. Ein Beispiel für ein unmoralisches Verhalten war das Inbrandsetzen des Gemeindehauses. Die ausgewählten Verhaltensweisen basierten auf Bewertungen dieser Verhaltensweisen als moralisch in der Studie von Mickelberg et al. (2022).
Im zweiten Experiment wurde statt der unmoralischen Verhaltensweisen eine neutrale Kontrollbedingung verwendet, um sicherzustellen, dass die Effekte tatsächlich auf das positive Bild der Outgroup zurückgehen und nicht auf die negative Darstellung der anderen Gruppe. Im dritten Experiment wurde schließlich geprüft, ob sich die Effekte auch auf die gesamte politische Outgroup übertragen und nicht nur auf die einzelnen beschriebenen Personen. Und genau das konnten die Autor:innen zeigen: Sowohl direkt im Anschluss als auch zwei Tage später berichteten die Teilnehmenden eine geringere Präferenz für ihre eigene Partei, wenn Personen der anderen Partei als moralisch dargestellt wurden. Diese Ergebnisse zeigten sich sowohl in Fragebögen als auch im Impliziten Assoziationstest, einem Verfahren, das anhand von Reaktionszeiten erfasst, wie automatisch positive oder negative Assoziationen mit einer Gruppe aktiviert werden.
Was bedeutet das nun für uns? Diese Studie liefert erste Ansätze dafür, wie die Abneigung gegenüber politisch Andersdenkenden reduziert werden könnte: Informationen über das moralische Verhalten der politischen Outgroup reduzieren die Präferenz für die eigene politische Ingroup. Mit diesem Ansatz bieten Moran und Walther (2026) einen Weg, affektive Polarisierung zu reduzieren, ohne dabei die eigene Gruppe negativ darzustellen. Entscheidend ist, dass die Outgroup moralisch dargestellt wird, die Ingroup muss dafür weder negativ noch unbedingt ebenfalls positiv gezeigt werden. Offen bleibt jedoch bisher, ob ein Effekt auch dann auftritt, wenn beide Gruppen als moralisch dargestellt werden.
Zudem liefern sie erste Hinweise darauf, dass diese Effekte stabil sein könnten, zumindest über 48 Stunden hinweg. Besonders bedeutsam ist das Ergebnis aus dem dritten Experiment: Die Veränderung bleibt nicht auf einzelne Personen beschränkt, sondern überträgt sich auf die gesamte politische Outgroup. Entsprechend empfehlen die Autor:innen, diesen Ansatz zu nutzen, um affektive Polarisierung zu reduzieren, beispielsweise in politischen Kampagnen oder in der Bildung. Ob sich diese Ergebnisse auch außerhalb des US-amerikanischen Kontexts und langfristig zeigen, bleibt eine spannende Frage für künftige Forschung. Insbesondere stellt sich die Frage, ob sich die Ergebnisse aus dem US-amerikanischen Zwei-Parteien-System auf Mehrparteiensysteme übertragen lassen. Während im US-System die Zuordnung zu In- und Outgroup eindeutig ist, ist diese Zuordnung in Mehrparteiensystemen weniger klar. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.
Literaturverzeichnis
Iyengar, S., & Westwood, S. J. (2015). Fear and loathing across party lines: New evidence on group polarization. American Journal of Political Science, 59(3), 690–707. https://doi.org/https://doi.org/10.1111/ajps.12152
Mickelberg, A., Walker, B., Ecker, U. K. H., Howe, P., Perfors, A., & Fay, N. (2022). Impression formation stimuli: A corpus of behavior statements rated on morality, competence, informativeness, and believability. PLOS ONE, 17(6), e0269393. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0269393
Moran, T., & Walther, E. (2026). Learning to like the enemy: Moral learning reduces affective polarization. Social Psychological and Personality Science, 17(3), 302–314. https://doi.org/10.1177/19485506251343667
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