Wer kennt es nicht: Man schiebt lästige Aufgaben vor sich her, bis sie sich kaum noch aufschieben lassen. Doch es gibt auch das Gegenteil: Präkrastination, statt Prokrastination. Menschen, die Aufgaben am liebsten sofort erledigen, selbst wenn das mehr Mühe kostet als nötig. Ein einfaches Experiment mit zwei Eimern, gefüllt mit Wasser, brachte dieses Verhalten erstmals systematisch ans Licht. Aktuelle Studien zeigen zudem, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und kognitive Fähigkeiten darüber entscheiden, wer besonders stark zum Präkrastinieren neigt.

Das Eimer-Experiment: Wie alles begann
Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie stehen am Anfang eines schmalen Gangs. Links und rechts stehen zwei Eimer Wasser, die Sie bis ans Ende des Gangs tragen sollen. Einer der beiden Eimer ist näher an Ihrem Startpunkt, muss dafür aber weiter getragen werden. Der andere ist weiter entfernt, der Weg zum Tragen wäre dafür kürzer. Für welchen Eimer würden Sie sich entscheiden? Genau diese Frage stellten Rosenbaum et al. (2014) in einer Reihe von Experimenten. Die Forschenden erwarteten, dass die Teilnehmenden den Eimer mit dem kürzeren Weg zum Tragen wählen würden, um körperlichen Aufwand zu sparen. Tatsächlich passierte das Gegenteil: Die Versuchspersonen griffen fast immer zu dem Eimer, der ihnen am nächsten stand – und trugen ihn dadurch über die längere Distanz. Selbst als die Forschenden Ablenkung, Handhaltung und Eimergewicht systematisch veränderten, blieb dieses Muster bestehen. Die Teilnehmenden nahmen die Aufgabe lieber sofort in Angriff, statt sie kurz aufzuschieben, um Kraft zu sparen. Rosenbaum und Kolleg:innen nannten dieses Verhalten Präkrastination: die Tendenz, Teilaufgaben so schnell wie möglich zu beginnen oder abzuschließen, auch auf Kosten von zusätzlichem Aufwand. Als Erklärung vermuten sie, dass ein offenes Ziel das Arbeitsgedächtnis belastet; wird die Teilaufgabe früh erledigt, sinkt diese Belastung, selbst wenn dafür mehr Energie investiert werden muss. Jener Ansatz, im späteren Forschungsverlauf als cognitive-load-reduction hypothesis (CLEAR-Hypothese) benannt, wurde durch Hinweise weiterführender Forschung (u. a. VonderHaar et al., 2019) gestützt.
Nicht einfach das Gegenteil des Aufschiebens
Naheliegend wäre die Annahme, Präkrastination sei einfach das Spiegelbild des Aufschiebens, also der Prokrastination. Genau das haben Gehrig et al. (2023) überprüft. In ihrer Studie zum Zusammenhang zwischen Präkrastination und Persönlichkeitsmerkmalen zeigte sich: Präkrastination lässt sich nicht einfach aus prokrastinativem Verhalten ableiten. Modelle, die Präkrastination als eigenständige Variable berücksichtigten, klärten deutlich mehr Varianz in den Persönlichkeitsmerkmalen auf als Modelle, die sich allein auf Prokrastination stützten. So verbesserte sich in einem statistischen Modell die Vorhersage der Persönlichkeitseigenschaft Gewissenhaftigkeit signifikant, sobald Präkrastination als zusätzlicher Faktor aufgenommen wurde. Präkrastination ist demnach ein eigenständiges Konstrukt, das unter anderem mit Gewissenhaftigkeit und einem ausgeprägten Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle zusammenhängt.
Wer neigt besonders zur Präkrastination?
Eine aktuelle Studie von Magiera et al. (2025) knüpft hier an und untersucht, welche Persönlichkeitsmerkmale und kognitiven Fähigkeiten das präkrastinierende Verhalten bei Studierenden vorhersagen (z. B. die Tendenz, Aufgaben unmittelbar zu erledigen, selbst wenn noch ausreichend Zeit bliebe, oder das Aufschieben von Aufgaben um jeden Preis zu vermeiden). In einer Stichprobe von 95 deutschen Studierenden zeigt sich, dass je gewissenhafter die Personen waren, desto stärker war die Neigung zu Präkrastination ausgeprägt (signifikant positiv). Bei fluider Intelligenz (also die Fähigkeit, neue Probleme logisch zu durchdenken) war der Zusammenhang genau umgekehrt (signifikant negativ): Je höher der Score im Test zur fluiden Intelligenz einer Person, desto niedriger wiederum das Ausmaß der Präkrastination. Wie sehr jemand zur Präkrastination neigt, hängt zu einem großen Teil, etwa zur Hälfte, mit der Ausprägung dieser beiden Eigenschaften zusammen.
Besonders spannend: Fluide Intelligenz vermittelte teilweise, warum gewissenhaftere Personen eher präkrastinieren, und erklärte zudem, warum Offenheit für neue Erfahrungen mit weniger Präkrastination einhergeht. So hing Offenheit für neue Erfahrungen positiv mit fluider Intelligenz zusammen, was wenig wundert, da eine Facette dieser Domäne der intellektuellen Neugier zugeschrieben wird. Fluide Intelligenz wiederum beeinflusste das Präkrastinationsverhalten negativ.
Fazit
Zusammengenommen zeichnen die drei Studien ein Bild von Präkrastination als eigenständigem, empirisch fassbarem Verhaltensmuster: Es geht nicht darum, Aufgaben aus Nachlässigkeit hinauszuzögern oder ihnen aus Tugend sofort nachzukommen, sondern um ein Zusammenspiel aus kognitiver Entlastung, Persönlichkeit und Denkvermögen. Wer beim nächsten Mal ungeduldig zur nächstbesten Aufgabe greift, obwohl der Umweg absehbar ist, folgt damit einem Muster, das die Psychologie erst seit wenigen Jahren systematisch versteht.
Gehrig, C., Münscher, J. C., & Herzberg, P. Y. (2023). How do we deal with our daily tasks? Precrastination and its relationship to personality and other constructs. Personality and Individual Differences, 201, 111927. https://doi.org/10.1016/j.paid.2022.111927
Magiera, P., Olbrecht, M., & Pilger, S. (2025). The role of personality and fluid intelligence in precrastination: A quantitative study of students in German higher education. Journal of Educational and Developmental Psychology, 15(2), 47–54. https://doi.org/10.5539/jedp.v15n2p47
Rosenbaum, D. A., Gong, L., & Potts, C. A. (2014). Pre-crastination: Hastening subgoal completion at the expense of extra physical effort. Psychological Science, 25(7), 1487–1496. https://doi.org/10.1177/0956797614532657
VonderHaar, R. L., McBride, D. M. & Rosenbaum, D. A. (2019). Task order choices in cognitive and perceptual-motor tasks: The cognitive-load-reduction (CLEAR) hypothesis. Attention Perception & Psychophysics, 81(7), 2517–2525. https://doi.org/10.3758/s13414-019-01754-z
Pilger, S., & Magiera, P. (2026, 27. Oktober). Warum wir uns manchmal unnötig beeilen: Das Phänomen der Präkrastination. In-Mind. https://de.in-mind.org/blog/post/warum-wir-uns-manchmal-unnoetig-beeilen-das-phaenomen-der-praekrastination