Immer mehr Menschen hinterfragen den Wert von Erwerbsarbeit. Dies wird in der Arbeits- und Organisationspsychologie unter dem Begriff „Anti-Work“ beforscht. Doch woher kommt diese Haltung? Eine aktuelle Studie mit über 2200 schwedischen Beschäftigten zeigt: Anti-Work-Einstellungen sind keine reine Ideologie, sondern hängen eng mit konkreten Arbeitsbedingungen zusammen. Besonders Jobunsicherheit, eine schlechte Work-Life-Balance und als sinnlos empfundene Aufgaben scheinen den Unmut zu schüren.

Gefühlt hört man es überall: Die Arbeitsmotivation nimmt immer mehr ab, Beschäftigte sind nicht mehr so leistungsbereit wie früher. In der Arbeits- und Organisationspsychologie wird dieses Phänomen unter dem Begriff Anti-Work-Einstellungen (engl. anti-work attitudes) untersucht. Anti-Work-Einstellungen beschreiben eine grundsätzliche Ablehnung von Erwerbsarbeit als Quelle persönlichen oder gesellschaftlichen Werts (Alliger, 2022). Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob solche Einstellungen aus einer generellen ideologischen Überzeugung entstehen oder ob sie auch etwas mit den tatsächlichen Bedingungen am Arbeitsplatz zu tun haben. Genau dieser Frage ist ein Forschungsteam um Samantha Sinclair in einer aktuellen Studie nachgegangen.
Sinclair et al. (2026) befragten mehr als 2200 Beschäftigte in Schweden zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrer Einstellung gegenüber Arbeit im Allgemeinen. Als Grundlage ihrer Forschung nutzten sie das Job-Demands-Resources-Modell (Bakker et al., 2023). Dieses Modell nimmt an, dass Arbeitsanforderungen (job demands, z.B. Zeitdruck) zu Erschöpfung führen, während Ressourcen (job resources, bspw. soziale Unterstützung) das Arbeitsengagement fördern. In der Studie von Sinclair et al. (2026) untersuchten die Forschenden sowohl Arbeitsanforderungen, konkret Angst vor dem Verlust der eigenen Arbeit, unangemessene Arbeitsaufgaben und mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als auch Arbeitsressourcen wie soziale Unterstützung durch Kolleg:innen. Die zentrale Frage: Welche dieser Faktoren hängen am stärksten mit Anti-Work-Einstellungen zusammen?
Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: Wer Angst vor dem Verlust seiner Arbeit hat, wessen Privatleben durch die Arbeit stark beeinträchtigt wird oder wer regelmäßig Aufgaben übernehmen muss, die als unangemessen empfunden werden, berichtete eine stärkere ablehnende Haltung gegenüber Arbeit im Allgemeinen. Arbeitsressourcen wie ein gutes Verhältnis zu Kolleg:innen spielten dagegen überraschenderweise kaum eine schützende Rolle. Zudem zeigte sich, dass Frustration einen Teil des Zusammenhangs zwischen der Angst vor dem eigenen Arbeitsplatzverlust beziehungsweise der wahrgenommenen Qualität der Arbeit und Anti-Work-Einstellungen erklärt: Wer sich am Arbeitsplatz häufig frustriert fühlt, entwickelt eher eine kritische Haltung gegenüber Arbeit allgemein. Da die Studie jedoch nur zu einem einzigen Befragungszeitpunkt (querschnittlich) durchgeführt wurde, lässt sich über die Richtung dieser Zusammenhänge keine sichere Aussage treffen. Hierfür bräuchte es Studien mit mehreren Befragungszeitpunkten (längsschnittlich).
Die Studie liefert damit ein wichtiges Gegenargument zur verbreiteten Annahme, Anti-Work-Einstellungen seien vor allem ideologisch motiviert oder ein reines Generationenphänomen. Stattdessen deuten die Ergebnisse darauf hin, dass konkrete, veränderbare Arbeitsbedingungen eine zentrale Rolle spielen. Für Arbeitgebende könnte das bedeuten, transparente Beschäftigungspraktiken und stabile Verträge anzubieten sowie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu ermöglichen. Diese Maßnahmen könnten dazu beitragen, dass negative Einstellungen gegenüber Arbeit erst gar nicht entstehen. Wer künftig über Anti-Work-Einstellungen diskutiert, sollte also nicht nur über Ideologie sprechen, sondern auch über die ganz konkreten Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten.
Alliger, G. M. (2022). Anti-work: Psychological investigations into its truths, problems, and solutions. Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003164319
Bakker, A. B., Demerouti, E., & Sanz-Vergel, A. (2023). Job demands–resources theory: Ten years later. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 10(1), 25–53. https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-120920-053933
Sinclair, S., Nilsson, A., & Holm, K. (2026). When work feels wrong: The importance of job demands and resources for anti-work attitudes. Occupational Health Science, 10(3), 22. https://doi.org/10.1007/s41542-026-00267-0
Vesper, D. (2026, 20. Oktober). Wenn Arbeit sich falsch anfühlt: Was hinter der wachsenden Ablehnung von Erwerbsarbeit steckt. In-Mind. https://de.in-mind.org/blog/post/wenn-arbeit-sich-falsch-anfuehlt-was-hinter-der-wachsenden-ablehnung-von-erwerbsarbeit