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„Die Scham muss die Seite wechseln“ – Was echte Entschuldigungen von Täterrhetorik unterscheidet

„Wenn ich jemanden verletzt haben sollte, entschuldige ich mich.“ Solche Formulierungen begegnen uns häufig in öffentlichen Entschuldigungen von Unternehmen, Politiker:innen, Prominenten oder anderen Personen des öffentlichen Lebens (Park & Choi, 2023; Wikström, 2018). Doch wie viel Verantwortung steckt tatsächlich in solchen Aussagen? Aus sprachpsychologischer Perspektive zeigt sich, dass scheinbar einsichtige Entschuldigungen oft subtile Strategien enthalten, mit denen Schuld relativiert oder Verantwortung abgeschwächt wird. Der Beitrag zeigt, woran sich echte Verantwortungsübernahme sprachlich erkennen lässt.

Hände

„Die Scham muss die Seite wechseln.“ Mit diesem Satz hat Gisèle Pelicot eine Debatte angestoßen, die weit über den Kontext sexualisierter Gewalt hinausreicht (Pelicot, 2026). Der Satz verweist auf ein grundlegendes gesellschaftliches Problem: Oft tragen Opfer die Last von Scham und Schuldgefühlen, während Täter Verantwortung sprachlich relativieren oder von sich weisen (Nigro et al., 2020; Wikström, 2018).

Besonders deutlich wird dies in öffentlichen Entschuldigungen von Politiker:innen, Prominenten oder anderen Personen des öffentlichen Lebens. Wer genauer hinschaut, erkennt, dass solche Entschuldigungen häufig weniger Verantwortung übernehmen als vielmehr Verantwortung abwehren (Kampf, 2009). Die Sprachpsychologie kann helfen, diese Mechanismen sichtbar zu machen. Ein klassisches Beispiel lautet:

„Wenn ich mit meiner Äußerung jemanden verletzt haben sollte, möchte ich mich hierfür entschuldigen.“

Auf den ersten Blick wirkt dieser Satz einsichtig. Tatsächlich enthält er jedoch mehrere sprachliche Strategien, die Verantwortung relativieren.

1. Das „Wenn“ stellt die Verletzung infrage

Der Satz beginnt mit „Wenn“. Damit wird die Verletzung nicht als Tatsache anerkannt, sondern als Möglichkeit dargestellt. Implizit schwingt mit: Vielleicht wurde gar niemand verletzt. Vielleicht waren Betroffene überempfindlich. Verstärkt wird dieser Effekt durch den Konjunktiv („verletzt haben sollte“), der die Verletzung zusätzlich auf Distanz hält.

Eine verantwortungsvolle Formulierung würde dagegen zunächst akzeptieren, dass Menschen verletzt wurden. Nicht die Frage, ob eine Verletzung stattgefunden hat, sondern der Umgang damit sollte im Mittelpunkt stehen.

2. Die „Äußerung“ trennt Worte von Absichten

Ein zweiter interessanter Punkt ist die Verwendung des Wortes „Äußerung“. Wer von einer Äußerung spricht, kann sich später darauf berufen, etwas „gar nicht so gemeint“ zu haben. Gerade in politischen Debatten lässt sich dieses Muster häufig beobachten: Nach einem Tabubruch folgt die Erklärung, die Aussage sei missverstanden worden.

Anders verhält es sich mit dem Begriff „Aussage“. Eine Aussage bezeichnet den inhaltlichen Sinn dessen, was gesagt wurde. Sie verweist stärker auf die Verantwortung der sprechenden Person für die Bedeutung ihrer Worte. Sprachphilosophische Arbeiten zeigen seit Langem, dass zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten zwar unterschieden werden kann, beide jedoch nicht beliebig voneinander getrennt werden dürfen (Rolf, 1994).

3. Sich entschuldigen oder um Verzeihung bitten?

Schließlich lohnt sich ein Blick auf den Ausdruck „sich entschuldigen“. Sprachlich betrachtet ist dieser überraschend ambivalent. Man kann ihn so verstehen, dass jemand bei anderen um Entschuldigung bittet. Man kann ihn aber auch als Selbstentlastung lesen – als Versuch, sich selbst von Schuld freizusprechen (McAlinden, 2022).

Eindeutiger ist die Formulierung „um Verzeihung bitten“. Hier bleibt die Entscheidung beim Gegenüber. Die verletzte Person entscheidet, ob sie die Bitte annimmt oder nicht. Verantwortung wird nicht zurückgenommen, sondern anerkannt.

Wie würde eine verantwortungsvolle Entschuldigung klingen?

Eine Formulierung wie „Ich bitte alle Menschen, die ich mit meiner Aussage verletzt habe, um Verzeihung.“ verzichtet auf die typischen Relativierungen. Die Verletzung wird anerkannt, die Verantwortung übernommen und die Entscheidung über Vergebung den Betroffenen überlassen.

Natürlich gibt es keine perfekte sprachliche Formel. Auch die glaubwürdigste Entschuldigung ersetzt keine tatsächliche Verhaltensänderung. Dennoch zeigt die Analyse, dass Sprache ein wichtiger Indikator dafür sein kann, ob jemand Verantwortung übernimmt oder ihr ausweicht. Auch empirische Studien weisen darauf hin, dass authentische Entschuldigungen mit ernst gemeinter Verantwortungsübernahme besser aufgenommen werden als gesichtswahrende Pseudo-Entschuldigungen.

In einer experimentellen Studie von Chung und Lee (2021) wurde Teilnehmenden eine von zwei öffentlichen Unternehmensentschuldigungen vorgelegt: entweder eine, in der das Unternehmen explizit eine Verantwortungsübernahme für ein Krisenevent oder Fehlverhalten ausdrückte, oder eine, in der es hingegen eher gesichtswahrend versuchte, Verantwortungsübernahme abzuwenden und die Sympathie von Rezipierenden zu gewinnen. Die Ergebnisse zeigten, dass Entschuldigungen mit Verantwortungsübernahme bei Rezipient:innen zu einer deutlichen Senkung von Ärger über das Fehlverhalten führten und das Vertrauen in das Unternehmen erhöhten.

Ähnliches zeigte sich auch in den Ergebnissen von insgesamt fünf Studien im Kontext der #MeToo-Debatte (Schumann & Dragotta, 2020). Hier lasen die Teilnehmenden unterschiedliche Statements von fiktiven Charakteren oder echten Prominenten zu sexistischem Verhalten oder verursachter sexualisierter Gewalt. Dabei zeigte sich, dass Entschuldigungen mit echter Verantwortungsübernahme eine deutlich bessere Wirkung hatten als ambivalente Entschuldigungen, die eine Verantwortungsverschiebung an die Opfer beinhalteten. Insbesondere Frauen straften Letztere stärker ab als Männer. Diese Tendenz wurde in einer Feldstudie von Allen et al. (2006) auch bei Opfern von Gewalt bestätigt. Einer der entscheidendsten Faktoren für Vergebung war, dass die Entschuldigung von Tätern als ernst gemeint und authentisch wahrgenommen wurde.

Ähnliche Überlegungen finden sich auch in rechtswissenschaftlichen Arbeiten (McAlinden, 2022) und im Bereich der Argumentationsintegrität, die die Übernahme von Verantwortung als zentrale Voraussetzung gelingender Kommunikation betrachten (Groeben & Christmann, 2005).

Pelicots Forderung, die Scham müsse die Seite wechseln, betrifft daher nicht nur Täter und Opfer sexualisierter Gewalt. Sie verweist auf eine allgemeinere gesellschaftliche Herausforderung: Verantwortung dort zu verorten, wo sie hingehört. Sprache allein kann dieses Problem nicht lösen. Sie kann jedoch sichtbar machen, ob Menschen bereit sind, Schuld anzuerkennen – oder ob sie weiterhin versuchen, ihr auszuweichen.

Literatur

Allan, A., Allan, M. M., Kaminer, D., & Stein, D. J. (2006). Exploration of the association between apology and forgiveness amongst victims of human rights violations. Behavioral Sciences & the Law, 24(1), 87–102. https://doi.org/10.1002/bsl.689

Groeben, N., & Christmann, U. (2005). Argumentationsintegrität als Zielidee im Rechtssystem? In K.-D. Lerch (Hrsg.), Recht verhandeln: Argumentieren, Begründen und Entscheiden im Diskurs des Rechts (S. 155–201). Walter de Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110927313.155

Kampf, Z. (2009). Public (non-)apologies: The discourse of minimizing responsibility. Journal of Pragmatics, 41(11), 2257–2270. https://doi.org/10.1016/j.pragma.2008.11.007

Nigro, G., Ross, E., Binns, T., & Kurtz, C. (2020). Apologies in the #MeToo moment. Psychology of Popular Media, 9(4), 403–411. https://doi.org/10.1037/ppm0000261

McAlinden, A. M. (2022). Apologies as ‘shame management’: the politics of remorse in the aftermath of historical institutional abuse. Legal Studies, 42(1), 137–158. https://doi.org/10.1017/lst.2021.39

Park, S., & Choi, J. A. (2023). Comparing public responses to apologies: examining crisis communication strategies using network analysis and topic modeling. Quality & Quantity, 57(4), 3603–3620. https://doi.org/10.1007/s11135-022-01488-5

Pelicot, G. (2026). Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln. Piper.

Rolf, E. (1994). Sagen und Meinen: Paul Grices Theorie der Konversations-Implikaturen. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schumann, K., & Dragotta, A. (2020). Is moral redemption possible? The effectiveness of public apologies for sexual misconduct. Journal of Experimental Social Psychology, 90, Article 104002. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2020.104002

Wikström, P. (2018, April). Nonpology unaccepted: Insincere apologies in social media discourse [Conference Paper]. Swedish Association of Applied Linguistics (ASLA) Symposium 2018, Karlstad, Sweden.
 

Bildnachweis
Zitiervorschlag

Schnepf, J., & Groeben, N. (2026, 17. Oktober). „Die Scham muss die Seite wechseln“ – Was echte Entschuldigungen von Täterrhetorik unterscheidet. In-Mind. https://de.in-mind.org/blog/post/die-scham-muss-die-seite-wechseln-was-echte-entschuldigungen-von-taeterrhetorik

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