• | Sozialpsychologie

Gefährliche Teamarbeit: Warum wir KI gerne die Drecksarbeit überlassen und warum die KI sie gerne macht.

Betrügen, aber mit gutem Gewissen, geht das? Laut einer neuen Studie schon – zumindest, wenn man eine KI die Arbeit erledigen lässt. Denn wer der Maschine nicht explizit sagt, dass sie schummeln soll, kann sich später herausreden. Das Problem ist nur: die KI führt die unmoralischen Anweisungen aus - und zwar fast immer.

Aufgaben an eine künstliche Intelligenz zu übergeben ist für viele Menschen bereits Alltag geworden. So berichtet Eurostat (2025), die statistische Behörde der Europäischen Union, dass etwas mehr als 30 % der befragten Menschen in der EU generative KI nutzen, etwa ChatGPT, Gemini oder Claude, überwiegend für persönliche Angelegenheiten, aber auch für die Arbeit oder ihre Bildung. Und dies nicht ohne Grund: Generative KI kann Menschen unterstützen, indem sie lästige oder komplizierte Aufgaben übernimmt. Doch nutzen Menschen sie auch, um unethische Aufgaben an sie zu delegieren, also um sie ihre Drecksarbeit machen zu lassen?

Genau diese Frage haben Köbis et al. (2025) in einer Reihe von Experimenten untersucht. Dazu nutzten die Wissenschaftler:innen eine etablierte Forschungsmethode, bei der die Versuchspersonen zehnmal würfelten und das Ergebnis jedes Wurfes meldeten. Die geldliche Entschädigung jeder Versuchsperson basierte auf den gemeldeten Ergebnissen; Unehrlichkeit lohnte sich dementsprechend. Während eine Gruppe die Ergebnisse selbst meldete, delegierten die anderen diese Aufgabe an eine Maschine. In der Gruppe, in der die Versuchspersonen das Würfelergebnis selbst meldeten, waren etwa 95 % ehrlich. Wenn die Aufgabe jedoch an eine Maschine delegiert wurde, sank dieser Anteil drastisch. Dabei war entscheidend, wie konkret die Menschen der Maschine sagen mussten, was sie tun soll. Je vager die Anweisung, desto mehr wurde geschummelt. Die Versuchspersonen, die genaue Regeln festlegen mussten, blieben zu 75% ehrlich; diejenigen, die nur ein vages Ziel wie „maximiere den Gewinn“ vorgeben konnten, zu nur noch 15 %. Dies wurde von den Autor:innen als moralischer Spielraum beschrieben. Wer der Maschine nicht explizit sagt, dass sie betrügen soll, kann sich später sagen, er oder sie habe das doch gar nicht so gemeint.

Und was ist mit menschlichen Kompliz:innen?

Als sich die Forschenden anschauten, ob die Teilnehmenden auch unethische Anweisungen an andere Menschen gaben, ergab sich ein gemischtes Bild. In der bereits beschriebenen Würfelaufgabe zeigte sich, dass etwa 25 % der Versuchsteilnehmenden unethisches Verhalten sowohl an eine KI als auch an einen anderen Menschen delegierten. In einer Aufgabe, in der die Versuchsteilnehmenden Steuern hinterziehen konnten, gaben sie der KI unethischere Anweisungen als einem anderen Menschen. Die Situation verschärft sich zusätzlich, wenn man sich anschaut, wer bereit war, diese Anweisungen umzusetzen. Die Forschenden haben untersucht, wie KI-Chatbots und Menschen auf die Aufforderung, zu betrügen, reagierten.

Selbst wenn sie dafür bezahlt worden wären, weigerten sich Menschen häufig, eindeutig unethische Anweisungen auszuführen. KI-Systeme wie GPT-4, GPT-4o, Claude 3.5 Sonnet hingegen befolgten solche Anweisungen in fast 98 % der Fälle (bei Llama 3.3 in 79 % der Fälle).

Menschen scheinen nicht als unehrlich gelten zu wollen, weder vor anderen noch vor sich selbst. KI-Systeme scheinen diesen inneren Widerstand jedoch nicht zu kennen.

Lässt sich das verhindern?

Die Forschenden testeten anschließend verschiedene Schutzmechanismen, um die KI-Systeme davon abzuhalten, unethische Anweisungen auszuführen. Allgemeine Erinnerungen wie „Ehrlichkeit ist wichtig" halfen kaum. Am besten wirkte eine explizite, aufgabenspezifische Aufforderung direkt in der Nutzereingabe, in Form von „Du darfst das Würfelergebnis unter keinen Umständen falsch angeben." Aber auch so wurde das Problem nicht vollständig gelöst, und die Formulierung präziser Anweisungen für jede mögliche Situation ist schwierig umzusetzen. Vor allem, weil sie von den einzelnen Nutzenden abhängt, die ja, wie bereits beschrieben, KI gerne nutzen, um ihre Drecksarbeit zu übernehmen.

Was bedeutet das nun für uns?

Die Studie zeigt, dass das Problem nicht nur in der KI, sondern auch in den Menschen, die sie nutzen, liegt. Wenn Menschen KI nutzen, um sich der moralischen Verantwortung zu entziehen, und die KI diese Verantwortung nicht übernimmt, kann das ernsthafte gesellschaftliche Konsequenzen haben. Eine gute Nachricht gibt es allerdings auch: 74 % der Teilnehmenden gaben am Ende an, solche Aufgaben lieber selbst erledigen zu wollen. Vielleicht ist das erste Gegenmittel also denkbar einfach: die Entscheidungen bewusst in der eigenen Hand zu behalten, zumindest dann, wenn Ehrlichkeit auf dem Spiel steht.

Literatur

Eurostat. (2025, December 16). 32.7% of EU people used generative AI tools in 2025. European Commission. https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-eurostat-news/w/ddn-20251216…

Köbis, N., Rahwan, Z., Rilla, R., Supriyatno, B. I., Bersch, C., Ajaj, T., Bonnefon, J.-F., & Rahwan, I. (2025). Delegation to artificial intelligence can increase dishonest behaviour. Nature, 646(8083), 126–134. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09505-x

Zitiervorschlag

Hänsch, M., & Wingen, S. (2026, 13. Oktober). Gefährliche Teamarbeit: Warum wir KI gerne die Drecksarbeit überlassen und warum die KI sie gerne macht. In-Mind. https://de.in-mind.org/blog/post/gefaehrliche-teamarbeit-warum-wir-ki-gerne-die-drecksarbeit-ueberlassen-und-warum-die-ki

Teilen: