Zimbardo & Boyd. Die neue Psychologie der Zeit – und wie sie Ihr Leben verändern wird

Die Rezension basiert auf einem gebundenen Exemplar, ein preisgünstigeres Taschenbuch ist ebenfalls erhältlich

Als Vorabinformation sei gesagt, Philip Zimbardo ist der Kopf hinter dem berühmten Stanford Prison Experiment.

Wenn man ein Buch darüber schreibt, dass Menschen eine neue Beziehung zur Dimension Zeit aufbauen sollten, ihre Zeit mehr wertschätzen, dann muss man aufpassen, dass man keine Abschnitte einbaut, die als Zeitverschwendung wahrgenommen werden. Diese Vorgabe erfüllen die Autoren in den meisten Abschnitten des Buches auch. Beide Autoren präsentieren sich als Experten im Bereich der Forschung zu Effekten von Zeit, die sie seit mehreren Jahrzehnten untersuchen. Das Buch beginnt mit zwei Abschnitten, die als Einleitung dienen. Darauf folgen Abschnitte zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Zukunft und Vergangenheit werden hier dargestellt als nicht direkt erlebbare Erfahrungen. Beide Zeitabschnitte sind psychisch konstruierte Geisteszustände. Und so ist aus meiner Sicht auch einer der wichtigsten Punkte, wie Menschen mit der eigenen Vergangenheit umgehen der, dass wir uns bewusst machen können und sollten: Wir können die Vergangenheit nicht ändern, sehr wohl aber unsere Einstellung zu ihr. Zur Vergangenheit stellen Zimbardo und Boyd auch die sehr interessante Frage, ob denn objektive Erinnerungen immer wichtig (und auch notwendig) sind.

Einer der Kernpunkte von Zimbardo und Boyd lautet, dass es so etwas gibt wie Zeitorientierung: Diese kann sich nach Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft richten. Erfahrungen können negativ oder positiv sein. Dieser Aspekt bezieht sich selbstredend auf die Vergangenheit. Die Orientierung an der Gegenwart lässt sich vor allem in die Unterscheidung zwischen hedonistisch und fatalistisch einordnen, die Gegenwartsorientierung kann aber auch holistisch sein.

Generell wirkt die Darstellung der einzelnen Zeitorientierungen wie ein Plädoyer für eine Zukunftsorientierung. Allerdings werden auch (kurz) die negativen Seiten einer Zukunftsorientierung aufgezählt: So leiden zukunftsorientierte Menschen quasi chronisch an einem erhöhten Zeitdruck und einer massiven Einschränkung ihrer Freizeit. Dies umfasse schließlich auch Sex.

Anekdoten aus dem eigenen Leben wechseln sich ab mit Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Studien. Vielleicht erschließt sich Lesenden ohne weitere Vorbildung nicht direkt, warum in gewisser Breite Studien aus der Arbeitsgruppe um Elizabeth Loftus zum Augenzeugengedächtnis dargestellt werden. Da an diesen Beispielen allerdings das Phänomen aufgezeigt wird, dass unsere Erinnerungen an vergangene Ereignisse nicht immer objektiv akkurat sind, ist auch dieser Teil des Buches durchaus angebracht. Er leitet nämlich auch über zu der spannenden Frage, ob eine objektiv akkurate Erinnerung wichtig sei.

Was man für sich selber aus diesem Buch ziehen kann: Profisportlern hilft die bildliche Vorstellung eines perfekten Ablaufes ihrer Handlung vor der tatsächlichen Ausführung. Die Autoren sprechen von der „Macht der Impulsunterdrückung“. Auch wenn man kein Profisportler ist, so kann man sich eine anstehende Handlung in ihren Einzelschritten sehr konkret vorstellen, diese dann ausführen und im Nachhinein (hoffentlich) einen Erfolg verbuchen.

Das unvermeidliche Nörgeln: Das Lektorat dieses akademischen Verlags sollte zwischen dass und das unterscheiden können (Hinweis: Auf Seite 117 der gebundenen Ausgabe wäre ein guter Startpunkt zum Überdenken).

Vielleicht liegt es an mir, vielleicht auch weniger, wenn ich Sätze nicht auf Anhieb verstehe, die in der deutschen Ausgabe so stehen (wirklich!): „Weniger gebildete Menschen leben häufiger Wahrscheinlichkeit in der Gegenwart.“ (Seite 121)

Bei dem Bericht über die Ayahuasca-Teezeremonie mit halluzinogenem Tee aus der Sicht von John Boyd musste ich zunächst sehr lächeln, bis ich dann den Satz las: „Ich konnte fühlen, wie meine Lippen sich zu einem breiten Grinsen.“ (S. 136) Da steht im Original ein Punkt! Kein Verb! Kein Quatsch!

AutorInnen

Buchbewertung

overall
4 of 5
novelty
4 of 5
readability
3 of 5

Facebook