Alles nur Gendergaga oder funktioniert Gendern wirklich?

Gendern ist ein emotional aufgeladenes Thema, über das viel und hitzig diskutiert wird. Texte, in denen gegendert wird, seien schwieriger zu verstehen, unästhetischer – die Kritik am Gendern wird immer wieder deutlich. Dabei zeigt ein Überblick über Studien im Deutschen: Viele der häufigsten Kritikpunkte lassen sich wissenschaftlich nicht bestätigen.

Ein emotional aufgeheiztes Thema

Gendern wird hitzig diskutiert. Für einige ist das Gendern ein wichtiger Schritt für mehr Gleichberechtigung, vor allem für Frauen, aber auch nicht-binäre Personen. Nicht-binäre Personen meint dabei Menschen, die sich nicht als weiblich oder männlich identifizieren. Für andere ist Gendern ein unnötiger Eingriff in den Sprachgebrauch, der zum Beispiel Texte schwerer verständlich mache.

Häufig wird diese Diskussion jedoch auf Basis von intuitiven Annahmen geführt. Dabei gibt es schon seit Jahrzehnten Forschung zum Gendern in der deutschen Sprache. Und die Forschung nimmt sogar immer weiter zu! Es werden ganz unterschiedliche Fragestellungen untersucht: Macht das Gendern Texte schwerer verständlich? Oder werden beim Gendern Frauen und nicht-binäre Personen wirklich mehr „mitgedacht“ als beim generischen Maskulinum?

Was ist das generische Maskulinum? Und was ist Gendern?

Beim generischen Maskulinum wird in einem Text nur die grammatikalisch männliche Form benutzt, um über Menschen aller Geschlechter zu sprechen. Wenn ich Sie als lesende Personen anspreche, könnte ich zum Beispiel „Liebe Leser“ schreiben – und damit möchte ich natürlich nicht nur Männer, die diesen Text lesen, ansprechen!

Um deutlich zu machen, dass ich alle Lesenden ansprechen möchte, kann ich gendern. Gendern bedeutet beim Schreiben darauf zu achten, nicht nur die männliche Form zu verwenden, wenn nicht nur Männer gemeint sind. Ich könnte also sogenannte Doppelnennungen verwenden und explizit männliche und weibliche Lesende mit „Liebe Leserinnen und Leser“ ansprechen. Ich könnte es auch neutraler formulieren und „Liebe Lesende“ schreiben. Immer häufiger im deutschsprachigen Raum sind auch sogenannte Genderzeichen. Das sind Zeichen, die zeigen sollen, dass alle Menschen – egal, mit welchem Geschlecht sie sich identifizieren – gemeint sind. Beispiele können „Liebe Leser*innen“ oder „Liebe Leser:innen“ sein.

Häufige Argumente für und gegen das Gendern

Es gibt viele Argumente für und gegen das Gendern (siehe z. B. Ivanov et al., 2019). Besonders das Gendern mit Genderzeichen führt zu einer hitzigen Debatte. Personen, die für das Gendern sind, argumentieren, dass es wichtig sei, alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht in der Sprache explizit miteinzubeziehen. So würden auch Frauen und nicht-binäre Menschen sichtbarer und fühlten sich eher repräsentiert. Es wird auch argumentiert, dass das generische Maskulinum eine Art von Diskriminierung sei, da Männer als Norm dargestellt würden. Und alles, was nicht der Norm entspreche, sei abweichend.

Kritische Stimmen entgegnen, dass das generische Maskulinum nur grammatikalisch männlich sei. Die Absicht dabei sei, alle Personen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen; Frauen seien also „mitgemeint“ und Gendern sei daher nicht notwendig.

Darüber hinaus würde das Gendern Texte schwerer lesbar und weniger verständlich machen. Das könne dazu führen, dass man mehr Zeit braucht, um gegenderte Texte zu lesen. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass gegenderte Texte unästhetisch seien. Häufig wird auch angeführt, dass Gendern eher als Zeichen dafür genutzt wird, sich als fortschrittlich oder inklusiv darzustellen – ob dadurch aber tatsächlich mehr Gleichberechtigung erreicht wird, bleibt unklar.

Warum Gendern überhaupt ein (psychologisches) Forschungsthema ist

Beim Thema Gendern könnte der Eindruck entstehen, dass es sich eher um ein sprachwissenschaftliches Thema handelt. Schließlich geht es um Sprache und um die Art, wie wir miteinander und übereinander sprechen! Allerdings ist bekannt, dass Sprache unser Denken und unsere Wahrnehmung beeinflusst (z. B. Pae, 2022). Und die Psychologie als Wissenschaft beschäftigt sich damit, wie Menschen denken, fühlen und erleben.

Forschungsteams der Psychologie interessieren sich entsprechend auch dafür, was im Kopf von Menschen passiert, wenn sie Texte lesen, in denen (nicht) gegendert wird. Beim Lesen von Texten entstehen aus psychologischer Sicht mentale Bilder über das Gelesene (Schnotz, 2006).

Stellen Sie sich vor, Sie lesen folgenden Satz: „Der Arzt betrat den Operationssaal.“ Wen stellen Sie sich vor? Studien zeigen, dass die meisten Menschen hier spontan einen Mann vor ihrem inneren Auge sehen – obwohl es inzwischen mehr Ärztinnen als Ärzte gibt. Dabei ist es nicht unbedingt beabsichtigt, jemanden auszuschließen. Welche Bilder vor unserem geistigen Auge entstehen, ist meistens ein unbewusster Prozess. Sprache beeinflusst also unsere innere Vorstellung von dem, was wir lesen. Wenn in Texten also beispielsweise das generische Maskulinum verwendet und nur von „Ärzten“ und „Anwälten“ gesprochen wird, denken Menschen häufig eher an Männer.

Bild 2: Worte können beeinflussen woran wir denken.Bild 2: Worte können beeinflussen woran wir denken.

Gendern soll bewirken, dass Frauen und nicht-binäre Menschen öfter und aktiv mitgedacht werden. Ein Hauptziel ist also, dass nicht überwiegend an Männer, sondern an Menschen aller Geschlechter gleichermaßen gedacht wird. Hier setzt die psychologische Forschung an: Sie überprüft wissenschaftlich, ob Gendern tatsächlich dazu führt, dass Frauen und nicht-binäre Menschen stärker im Denken oder in der Wahrnehmung berücksichtigt werden. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass untersucht wird, wie Menschen sprachliche Formen wie das generische Maskulinum, Doppelnennungen oder Genderzeichen verstehen und welche „Bilder“ dabei in ihren Köpfen entstehen. Dabei ist es auch interessant zu untersuchen, ob gängige Kritikpunkte am Gendern wirklich wissenschaftlich belegt sind.

Was Studien für die deutsche Sprache zeigen

Ein systematisches Review hat untersucht, welche Effekte das Gendern in der deutschen Sprache hat (Cruz Neri & Siems-Muntoni, 2026). Ein systematisches Review ist eine Überblicksarbeit, bei der Forschende systematisch alle vorhandenen Studien zu einem Thema zusammensuchen und auswerten – ähnlich wie eine gründliche Literaturrecherche, nur nach strengen wissenschaftlichen Regeln. Konkret funktioniert das so: Die Forschenden geben bestimmte Suchbegriffe in wissenschaftliche Literaturdatenbanken ein – etwa vergleichbar mit einer sehr präzisen Google-Suche, die aber nur geprüfte Fachzeitschriften durchforstet. Alle Studien, die zur übergeordneten Fragestellung passen, werden dann ausgewertet und ihre Ergebnisse zusammengebracht. So entsteht ein umfassendes Bild des aktuellen Forschungsstands.

Das im April 2026 erschienene systematische Review hat die Frage untersucht, welche Effekte das Gendern in der deutschen Sprache hat. Dafür haben die Autorinnen 38 Schlüsselwörter in zwei große Literaturdatenbanken eingegeben. Aus insgesamt 6950 Treffern in den Literaturdatenbanken konnten die Forscherinnen 41 wissenschaftliche Artikel mit über 60 Experimenten zum Gendern im Deutschen finden. Die Ergebnisse dieser Experimente haben sie dann zusammengefasst.

Erkenntnisse zu gängigen Kritikpunkten am Gendern

Entgegen der häufigen Kritik zeigen Studien, dass gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum etwa gleich schwer (oder leicht) zu verstehen sind – egal, ob diese Texte von Teilnehmenden gelesen oder gehört werden. Das haben Forschungsteams auf verschiedene Weisen gezeigt. In Studien brauchen Menschen etwa die gleiche Zeit, um gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum zu lesen (z. B. Blake & Klimmt, 2008). Außerdem haben Forschungsteams Teilnehmende gebeten nach dem Lesen Fragen zum Inhalt zu beantworten – vergleichbar mit einem Leseverständnis-Test in der Schule. Auch hier zeigen sich keine bedeutsamen Unterschiede zwischen gegenderten Texten und Texten, die das generische Maskulinum verwenden (z. B. Pöschko & Prieler, 2018). Zusätzlich wurde die persönliche Einschätzung der Textverständlichkeit untersucht, in der Teilnehmende sagen, wie schwer sie es fanden, die Texte zu verstehen. Hier schätzten Studienteilnehmende gegenderte Texte in der Regel gleich verständlich ein wie Texte im generischen Maskulinum (z. B. Friedrich & Krenz, 2025). Die einzige Ausnahme scheint der Genderstern in der Einzahl (Beispiel: der*die Leser*in) zu sein. Das führen Forschungsteams unter anderem darauf zurück, dass der Genderstern in der Einzahl öfter in komplexen Sätzen vorkommt als der Genderstern in der Mehrzahl (Beispiel: die Leser*innen). Außerdem verursacht der Genderstern in der Einzahl häufiger grammatische Schwierigkeiten und wird deshalb oft als holprig wahrgenommen.

Ein weiterer häufiger Kritikpunkt ist, dass gegenderte Texte unästhetisch oder gar hässlich seien. Aber auch diese Annahme lässt sich für viele Menschen wissenschaftlich nicht belegen: Studienteilnehmende schätzen gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum ähnlich ästhetisch bzw. ansprechend ein (z. B. Pabst & Kollmayer, 2023). Eine Ausnahme scheint hier wieder der Genderstern in der Einzahl zu sein. Viele Studien weisen in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass Studienteilnehmende die Textqualität von gegenderten Texten ähnlich gut einschätzen wie die von Texten, die im generischen Maskulinum geschrieben waren (z. B. Braun et al., 2007). Hier könnte die Schrägstrich-Form (Beispiel: die Leser/-innen) eine Ausnahme darstellen.

Erkenntnisse zur Wirksamkeit des Genderns

Im Gegensatz dazu zeigen sich tatsächlich viele positive Effekte des Genderns. Eine sehr häufig untersuchte Frage ist, ob Frauen auch mitgedacht werden, wenn das generische Maskulinum verwendet wird. Studienergebnisse zeigen, dass beim generischen Maskulinum signifikant häufiger an Männer als an Frauen gedacht wird! Gendern hingegen scheint inklusive Geschlechterrepräsentationen zu fördern. Oder anders ausgedrückt: Wenn in Texten gegendert wird, denken Studienteilnehmende signifikant häufiger an Frauen (z. B. Brohmer et al., 2024).

Darüber hinaus finden sich auch positive Effekte des Genderns. Eine Studie konnte beispielsweise zeigen, dass junge Mädchen eine höhere berufliche Selbstwirksamkeit berichten, wenn Berufe mit Doppelnennungen genannt wurden (Lenhart & Heckel, 2025). Das heißt also, dass sie sich eher zutrauen, verschiedene Berufe ausüben zu können – und zwar auch Berufe, die als typisch männlich gelten (z. B. bei der Polizei oder Feuerwehr). Ähnlich schätzten sich Studentinnen für eine Fortbildungsmaßnahme eher als geeignet ein, wenn die Ausschreibungen explizit Frauen und Männer nannten, und gaben an, sich eher dafür zu bewerben zu wollen (Hentschel et al., 2018). Es konnte außerdem gezeigt werden, dass Frauen, die sich auf Arbeitsstellen mit hohem Status bewarben, eher als geeignet für diese Stellen angesehen wurden, wenn in den Stellenausschreibungen Doppelnennungen genutzt wurden (Horvath & Sczesny, 2015). An dieser Stelle ist auch – sehr wichtig! – festzuhalten: Während Frauen und Mädchen von gegenderten Texten profitieren können, fanden die Studien keine negativen Effekte für Männer und Jungen.

Bild 3: Mädchen und Frauen können vom Gendern profitieren.Bild 3: Mädchen und Frauen können vom Gendern profitieren.

Es gibt auch einige Fragen zum Gendern, die weiter untersucht werden müssen. Das zeigt sich anhand von inkonsistenten Effekten innerhalb von Studien oder auch über Studien hinweg. Oder einfacher ausgedrückt: Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. So ist zum Beispiel noch unklar, ob oder wie Gendern das Interesse an Textinhalten beeinflusst (z. B. Friedrich et al., 2021). Außerdem ist unklar, ob das Gendern in Stellenanzeigen Jobs attraktiver macht und Personen dazu bringt, sich eher darauf zu bewerben (z. B. Damelang & Rückel, 2021). Das liegt daran, dass es bisher noch recht wenig Forschung dazu gibt, sodass noch unklar ist, ob sich diese Ergebnisse auch in anderen Untersuchungen zeigen würden. Viele Studien wurden bislang auch nur mit Erwachsenen durchgeführt – bei ungefähr der Hälfte der Studien haben primär Studierenden an Universitäten teilgenommen. Studien mit Kindern und Jugendlichen sind im deutschsprachigen Raum bisher eher weniger durchgeführt worden.

Zusammenfassung der Studienergebnisse

Über das Gendern im Deutschen wissen wir also:

  • Personen brauchen ähnlich lange um gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum zu lesen.
  • Personen verstehen gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum ähnlich gut.
  • Personen schätzen gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum ähnlich schwierig bzw. leicht ein. Eine Ausnahme scheint der Genderstern in der Einzahl (Beispiel: der*die Leser*in) zu sein.
  • Personen schätzen gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum im Durchschnitt ästhetisch ähnlich ein. Eine Ausnahme scheinen Texte zu sein, die mit dem Genderstern in der Einzahl (Beispiel: der*die Leser*in) geschrieben sind.
  • Personen schätzen gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum ähnlich qualitativ hoch ein.
  • Beim Gendern werden Frauen mehr mitgedacht. Das gilt vor allem für den Genderstern.
  • Gendern kann die Selbstwirksamkeit von Mädchen und Frauen fördern. Negative Auswirkungen des Genderns für Jungen und Männer zeigen sich nicht.

Folgende Forschungsfragen sind aber zurzeit noch nicht ausreichend geklärt:

  • Wie beeinflusst das Gendern das Interesse von Textinhalten?
  • Sind Stellenanzeigen, in denen gegendert wird, attraktiver?
  • Inwiefern lassen sich die oben genannten Ergebnisse auch auf Kinder und Jugendliche übertragen?
  • Fördert das Gendern die mentale Repräsentation von nicht-binären Menschen?

Was lässt sich daraus ableiten?

Die Forschung zeigt also, dass viele der befürchteten negativen Effekte schwächer sind, als oft angenommen wird – oder sich gar nicht nachweisen lassen. Gegenderte Texte und Texte im generischen Maskulinum werden in den meisten Studien ähnlich gut verstanden und Studienteilnehmende brauchen auch ähnlich lange, um beide Textformen zu lesen. Das hat eine wichtige Konsequenz: Wenn gegenderte Texte nicht so schwer verständlich sind, wie oft behauptet wird, können wir uns stärker darauf konzentrieren, welche Wirkung unterschiedliche Sprachformen haben.

Gleichzeitig zeigt die Forschung etwas anderes sehr deutlich: Sprache beeinflusst, wen wir uns beim Lesen oder Hören vorstellen. Das generische Maskulinum führt fast immer dazu, dass mehr an Männer gedacht wird. Gendern kann diesen Effekt reduzieren und dazu beitragen, dass Frauen – und in ersten neueren Studien auch nicht-binäre Personen – nicht nur „mitgedacht“, sondern „mitgenannt“ werden. Gendern ist also eine sehr gute Möglichkeit, um alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen und mit einzubeziehen. Das ist vor allem in Kontexten wichtig, wo sich die Kommunikation an viele unterschiedliche Menschen richtet wie z. B. in der Bildung, im Berufsleben oder in den Medien. Da solche Situationen im Alltag häufig vorkommen, kann die Wahl der Sprache einen Einfluss darauf haben, wer sich angesprochen und mitgemeint fühlt.

Eine weitere Konsequenz lässt sich für die hitzige Gendern-Debatte selbst ableiten. Wenn sich viele der Kritikpunkte wissenschaftlich nicht bestätigen lassen, lässt sich der Fokus der Diskussion etwas verschieben: Wir müssen uns nicht mehr grundlegend fragen „Funktioniert Gendern?“ Viele Studien weisen darauf hin, dass es funktioniert, auch wenn noch einige Fragen offen sind. Vielmehr lautet die Frage dann „Welche Form von Sprache bringt unsere Gesellschaft voran?“ Das ist keine rein wissenschaftliche Frage, sondern auch eine gesellschaftliche und ethische. Und sie lässt sich am besten beantworten, wenn wir dabei auf wissenschaftliche Ergebnisse hören – statt ausschließlich auf Bauchgefühl oder politische Überzeugungen. Damit wissenschaftliche Befunde in solchen Debatten berücksichtigt werden können, müssen sie jedoch für die breite Öffentlichkeit zugänglich sein. Wissenschaftskommunikation und Bildung spielen dabei eine wichtige Rolle. Nur wenn Forschungsergebnisse verständlich vermittelt werden, können sie als Grundlage für informierte Diskussionen und Entscheidungen dienen.

Literaturverzeichnis

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