„Heute schon gerächt?“ Ursachen und Folgen von Rache

Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen bezüglich Rache.

Häufig implizieren gewisse Darstellungen von Rache, dass sich Frauen öfter und auf andere Art und Weise rächen als Männer. Eine empirische Unterfütterung dieser Annahme ist hingegen unseres Wissens nicht vorhanden. Der Eindruck, dass Frauen häufiger Rache üben als Männer, könnte dadurch bedingt sein, dass Frauen öfter von Situationen berichten, in denen sie Wut und daraus resultierend das Bedürfnis nach Rache empfunden haben. Dies gilt sowohl für Fälle, nach denen sie sich gerächt haben als auch für solche, nach denen sie keine Rache ausgeübt haben. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Männer (im Vergleich zu Frauen) je nach Situation Rache als unterschiedlich angemessen erachten (Gollwitzer, 2005).

Hinsichtlich Aggression bzw. Aggressivität, einem Konstrukt also, das nicht irrelevant für Rache ist, zeigen sich dagegen starke Geschlechterdifferenzen. Bereits Jungen sind aggressiver als Mädchen. Bei Männern ist es tendenziell wahrscheinlicher, dass sie eine wohlwollende Einstellung gegenüber Rache akzeptieren (Cota-McKinley, Woody & Bell, 2001). Allerdings fanden auch Cota-McKinley und Kollegen keine Hinweise dafür, dass das Ausüben von Rache geschlechtsspezifisch sei.

Grafiti von Chris Beckwith (https://www.flickr.com/photos/cliffbeckwith/3563325190/in/photolist-6qSYrd), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

5. Alternativen zur Ausführung von Rache.

Schlussendlich berauben sich die Rächenden durch ihre Tat eines moralischen Vorteils, denn nach einer Rachehandlung wäre prinzipiell aus moralischer Perspektive die andere Person wieder am Zug. Als Alternative zur Ausübung einer Rachehandlung könnte man zwar Rache schwören oder auch planen, würde aber nach Widerstehen eines ersten Impulses zur Ausführung des Aktes stets weiterhin über die Möglichkeit der Racheausübung verfügen.

Wenn man sich geschädigt fühlt, sollte man die durch die Kränkung ausgelösten Emotionen zunächst äußern. Dies kann gegenüber der schädigenden Person geschehen, aber auch gegenüber Freundinnen und Freunden. Wenn man befreundeten Personen die Situation schildert, die einen selber wütend gemacht und den Wunsch nach Rache hat aufkeimen lassen, kann daraus resultieren, dass diese Freunde einem klarmachen, wie sehr man selber vielleicht überreagiert oder die Situation der Kränkung falsch interpretiert hat. Insbesondere in solchen Fällen wäre eine nachfolgende Klärung mit der schädigenden Person selbst oder über eine Mediatorin oder einen Mediator möglich und sinnvoll. Wer die Aussprache mit der schädigenden Person nicht herbeiführen kann oder möchte, könnte die Perspektive wechseln und zunächst überlegen oder aufschreiben, welche Gründe die schädigende Person zu der entsprechenden Tat geführt haben könnten und ob man die Souveränität aufbringen kann, auf eine Gegenhandlung zu verzichten.

Sich sinnvoll zu wehren ist ein weiteres wirksames Konzept, das von herkömmlicher Rache abzugrenzen ist. Wer einer schädigenden Person eindeutig die Meinung sagt und klarmacht, dass ihr schädigendes Verhalten nicht toleriert wird, und notfalls bei entsprechend schwerwiegendem Angriff auf die Ehre, Eigentum oder Sicherheit der Person mit Einschalten einer übergeordneten Instanz (zum Beispiel der Polizei) droht, verlässt bereits früh eine mögliche Spirale der Schädigungen und kann so weiteren Schaden möglicherweise wirksam von sich und von anderen abwenden.

Als Fazit lässt sich also festhalten, dass eine zielgerichtete Rachehandlung (in Verbindung mit Einsicht beim Provokateur) die Verfügbarkeit aggressiver Gedanken reduziert (siehe Gollwitzer & Denzler, 2009). Mitunter kann die Ausführung einer Rachehandlung allerdings auch zu einer höheren Unzufriedenheit führen (siehe Carlsmith et al., 2008). Ob in einer spezifischen Situation eine Rachehandlung eine angemessene Reaktion auf erlebtes Unrecht ist, sollte in jedem Falle genau abgewogen werden. Rache kann also positive, aber eben auch negative Folgen haben, ganz nach den jeweils vorliegenden Rahmenbedingungen des einzelnen Falles. Eventuell dienen die hier vorgestellten Alternativen zur Ausführung einer Rachehandlung als Inspiration, wie man auf eine erste Provokation reagieren kann, ohne eine Kaskade aus kaum enden wollenden Racheakten loszutreten.

Literaturverzeichnis

  • Carlsmith, K. M., Wilson, T. D. & Gilbert, D. T. (2008). The paradoxical consequences of revenge. Journal of Personality and Social Psychology, 95, 1316-1324.
  • Christakis, N. A. & Fowler, J. H. (2009). Connected: The surprising power of our social networks and how they shape our lives. Little, Brown and Company.
  • Cota-McKinley, A. L., Woody, W. D., & Bell, P. A. (2001). Vengeance: Effects of gender, age, and religious background. Aggressive Behavior, 27, 343-350.
  • Denzler, M., Markel, P. & Förster, J. (2011). On the dark and bright sides to vengeance: Cognitive, behavioral and affective consequences of aggression. In-Mind Magazine, 12.
  • De Quervain, D. J.-F., Fischbacher, U., Treyer, V., Schellhammer, M, Schnyder, U., Buck, A. & Fehr, E (2004). The neural basis of altruistic punishment. Science, 305, 1254-1258.
  • Gollwitzer, M. (2005). Ist „gerächt“ gleich „gerecht“? Eine Analyse von Racheaktionen und rachebezogenen Reaktionen unter gerechtigkeitspsychologischen Aspekten. Berlin: wvb.
  • Gollwitzer, M. & Denzler, M. (2009). What makes revenge sweet: Seeing offenders suffer or delivering a message? Journal of Experimental Social Psychology, 45, 840-844.
  • Gollwitzer, M., Meder, M. & Schmitt, M. (2011). What gives victims satisfaction when they seek revenge? European Journal of Social Psychology, 41, 364-374.
  • Maes, J. (1994). Psychologische Überlegungen zu Rache (Berichte aus der Arbeitsgruppe „Verantwortung, Gerechtigkeit, Moral“ Nr. 76). Trier: Universität Trier.
  • Stuckless, N. & Goranson, R. (1992). The vengeance scale: Development of a measure of attitudes toward revenge. Journal of Social Behavior and Personality, 7, 25-42.

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