Leid und Mitleid: Mediendarstellungen humanitärer Katastrophen und deren Wirkung

Moralische Reflexion: Hilfsbedürftigkeit und Wirksamkeit

Das reflexive System wird vornehmlich von zwei Faktoren beeinflusst: der Hilfsbedürftigkeit der Betroffenen und dem Ausmaß, in dem sich ZuschauerInnen in der Lage sehen zu helfen (Loewenstein & Small, 2007). Wie sehr ein leidender Mensch als hilfsbedürftig wahrgenommen wird, hängt dabei stark von der äußeren Erscheinung ab. So zeigen experimentelle Studien (Dijker, 2001), dass emotionale Reaktion und Hilfsbereitschaft unter anderem abhängig von Alter und Geschlecht der dargestellten Betroffenen sind. Die Darstellung sehr juDie mediale Darstellung humanitärer Katastrophen hat einen relevanten Einfluss auf die Spendenbereitschaft. Bild: 3dman_eu via Pixabay (Kostenloses Bild auf Pixabay - Dollar, Währung, Geldmittel, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).nger sowie älterer Opfer führte hierbei zu höherem Mitleid und zu mehr Spendenaufkommen. Auch riefen weibliche Opfer im Allgemeinen mehr Reaktionen hervor als männliche. Dies wird dadurch erklärt, dass vor allem sehr junge oder alte, weibliche Opfer als besonders verwundbar und hilfsbedürftig wahrgenommen werden.

In einer Reihe von Experimenten zum Spendenverhalten zeigten auch Zagefka, Noor, Brown, de Moura und Hopthrow (2001) die Bedeutung von subjektiv wahrgenommener Hilfsbedürftigkeit. Ihre ProbandInnen waren eher bereit, Opfer von Naturkatastrophen finanziell zu unterstützen als Opfer von „man-made“ Katastrophen, da erstere als unschuldiger und hilfsbedürftiger wahrgenommen wurden. Zugleich zeigten die Autoren, dass Opfer von Naturkatastrophen als aktiver und selbstständiger wahrgenommen wurden – eine weitere Erklärung für die größere Spendenbereitschaft. 

Zugleich spielt auch die Vorstellung der eigenen Wirksamkeit eine wichtige Rolle für unser reflexives moralisches System (Loewenstein & Small, 2007) und dadurch auch für unser Spendenverhalten (Wiepking & Bekkers, 2010). Man kann daher vermuten, dass die oben genannte „Bevorzugung“ der Opfer von Naturkatastrophen auch durch die subjektiv erfahrene Möglichkeit überhaupt helfen zu können, noch weiter verstärkt wird. Naturkatastrophen erscheinen häufig überschaubarer und externe Hilfe dadurch sinnvoller als dies bei Bürgerkriegen oder Flüchtlingskrisen der Fall ist.

Moralische Intuition: Eindringlichkeit und Nähe

Trotz der Relevanz des reflexiven Abwägens von Hilfsbedürftigkeit und Wirksamkeit wird dem intuitiven System innerhalb der Moralpsychologie eine immer stärkere Bedeutung zugemessen, wenn es darum geht, moralisches Handeln (z. B. Helfen) zu erklären (Haidt, 2001).

Eine der verbreitetsten Thesen zu unserer intuitiven Reaktionen auf medial vermitteltes Leid ist die Vorstellung einer emotionalen Abstumpfung als Folge eines gegenwärtigen Übermaßes an schockierenden und brutalen Bildern. So spricht Susan Moeller (1999) von einer Compassion Fatigue („Mitleidsermüdung“) in den USA, verursacht durch permanente und kontextlose Fernsehberichterstattung von immer neuen humanitären Katastrophen. Obgleich die Vorstellung eines allgemeinen gesellschaftlichen Rückgangs von Mitleid empirisch nicht belegt ist (siehe Cohen, 2001), erfreut sich die These der Mitleidsmüdigkeit inner- und außerhalb akademischer Kreise weiterhin erstaunlicher Beliebtheit.

Empirisch gut abgesichert dagegen ist der Zusammenhang zwischen der Eindringlichkeit von (Fernseh-)Bildern und ihrem Potenzial, Mitleid und Hilfsverhalten zu wecken. Hierbei spielt unter anderem die Anzahl der abgebildeten Opfer eine wichtige Rolle. Studien zum sogenannten Collapse of Compassion („Mitleidseinbruch“) zeigen, dass ZuschauerInnen grundsätzlich weniger stark auf abgebildete Gruppen Betroffener reagieren als auf Darstellungen von einzelnen Individuen. Mitleid wie auch Handlungsbereitschaft, nehmen ab, sobald die Anzahl der dargestellten Betroffenen zunimmt (Cameron & Payne, 2011). 

Ein weiterer wichtiger Faktor, der intuitive Reaktionen auf medial vermitteltes Leid beeinflusst, ist das Maß, in dem der/die dargestellte Betroffene uns nah oder vertraut erscheint. Hierbei ist nicht nur die geografische, sondern vor allem auch die sozio-kulturelle und psychologische Nähe oder Ferne von entscheidender Bedeutung (Loewenstein & Small, 2007). Wichtig ist allerdings die Tatsache, dass die wahrgenommene Nähe keineswegs eine statische oder objektive sein muss, sondern stark davon abhängig ist, wieviel und was wir über den leidenden Anderen erfahren. So zeigen experimentelle Studien, dass das Maß, in dem wir uns selber in einem leidenden Anderen erkennen können, einen entscheidenden Einfluss auf unser Mitleid und unsere Hilfsbereitschaft hat (Cialdini et al., 1997). Dieses Erkennen-Können von Gemeinsamkeiten wird jedoch behindert, wenn Betroffene uns lediglich als fremd, hilflos, passiv und ohne Lebenszusammenhang oder Geschichte dargestellt werden. Martin Hoffman, einer der führenden Empathie- und Mitleidsforscher, betont daher: „Zu sehen, dass Menschen in anderen Kulturen ähnliche Sorgen haben und emotional genau wie wir auf wichtige Lebensereignisse reagieren, [...] sollte zu einem Gefühl der Verbundenheit und Empathie über Kulturen hinweg führen“ (Hoffmann, 2000, S. 294-295).

Zugleich zeigt jedoch eine noch unveröffentlichte niederländische experimentelle Studie, dass sich eben dieser Effekt auch umkehren kann. Um Publikumsreaktionen auf verschiedene Mediendarstellung menschlichen Leids zu erforschen, wurde einer repräsentativen Stichprobe von über 800 Niederländern zu diesem Zweck manipulierte Fernsehnachrichtenbeiträge zur humanitären Situation in einem Ostafrikanischen Flüchtlingslager vorgelegt. Dabei zeigte sich, dass Flüchtlingen deutlich weniger Empathie – und unter bestimmten Voraussetzungen auch weniger Hilfsbereitschaft – entgegengebracht wurde, wenn diese in der Berichterstattung als allzu aktiv und selbstbestimmt handelnd dargestellt wurden. Dies lässt vermuten, dass Opfer, die nicht ausschließlich als Opfer wahrgenommen werden, auch als weniger hilfsbedürftig erfahren werden und dadurch weniger Empathie und Handlungsbereitschaft auslösen.

Resümee

Es bleibt festzuhalten, dass es in erster Linie unerwartete, spektakuläre humanitäre Katastrophen in uns relativ nahen oder vertrauten Ländern sind, die das besondere Interesse westlicher Medien auf sich ziehen. So kann zum Beispiel das überragende Medieninteresse für den Tsunami in Südostasien 2004 auch teilweise dadurch erklärt werden, dass die betroffenen Regionen ein beliebtes Urlaubsziel westlicher Touristen waren – und diese daher auch als Opfer oder Augenzeugen Teil der Berichterstattung wurden. Die Faktoren Nähe und Vertrautheit in Kombination mit dem intensiven Medieninteresse spielten daher sicherlich auch eine entscheidende Rolle für die enorme Spendenbereitschaft der westlichen Medienöffentlichkeit.

Darüber hinaus wurden in diesem Beitrag problematische Besonderheiten medialer Darstellung fernen Leids deutlich: stark vereinfachte Darstellungen komplexer humanitärer Krisen; Darstellung der Betroffenen als passiv und hilflos; ein übermäßiger Anteil an Darstellungen von Kindern als Sinnbild des passiven Opfers. Zu der Frage, welche Faktoren die Wirkung dieser Darstellungen beeinflussen können, wurden vier relevante Elemente der Medienberichterstattung deutlich. Wie hilfsbedürftig Betroffene abgebildet werden; in welchem Maße die Berichterstattung den ZuschauerInnen vermittelt, effektiv helfen zu können; wie eindringlich Bilder der Opfer sind; und wie sehr Darstellungen ein Gefühl der Nähe und Vertrautheit herstellen. Darstellungen fernen Leids die sich dieser Mittel bedienen, können also mit stärkeren Publikumsreaktionen rechnen.

Zugleich zeigt sich hier jedoch auch ein Konflikt zwischen kurzfristigen individuellen Effekten und langfristigen sozialen Konsequenzen. So kann die Darstellung von leidenden Kindern zwar zu stärkerer emotionaler Reaktion und Spendenbereitschaft führen. Eine solche Reduzierung auf kindliche Opfer kann aber auch dazu beitragen, dass alle Menschen in krisengeschüttelten Regionen in der westlichen öffentlichen Wahrnehmung als vorwiegend passiv und hilfsbedürftig gesehen werden. In ähnlicher Weise führen humanitäre Krisen, die als reine „Natur“-katastrophen präsentiert werden, zwar zu höherer Spendenbereitschaft. Die auf diese Weise vereinfachte Berichterstattung von komplexen Krisen verstellt allerdings leicht den Blick auf politische, soziale und ökonomische Ursachen menschlichen Leids. Der richtige Umgang mit diesem Spannungsverhältnis stellt weiterhin wichtige Herausforderungen an sowohl den internationalen Journalismus als auch an humanitäre Organisationen.

Literatur

Bekkers, R. & Wiepking, P. (2010). A literature review of empirical studies of philanthropy: Eight mechanisms that drive charitable giving. Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly, 40, 924-973.

Bekkers, R. & Wiepking, P. (2011). Who gives? A literature review of predictors of charitable giving I – Religion, education, age and socialization. Voluntary Sector Review, 2, 337-365.

Belle, D. A. (2000). New York Times and network TV news coverage of foreign disaster: The significance of the insignificant variables. Journalism and Mass Communication Quarterly, 77, 50-70.