Posteingang (10.098) – Lesen Sie die Signale, die Ihr Körper Ihnen sendet?

Eine neue Theorie von Anil Seth vermutet sogar, dass es eine Verbindung zwischen verminderter Interozeptionsfähigkeit und der Entwicklung psychotischer Störungen gibt, wie etwa der Schizophrenie oder der Manie Eine neue Theorie vermutet, dass es eine Verbindung zwischen verminderter Interozeptionsfähigkeit und der Entwicklung psychotischer Störungen gibt. Bild: geralt via pixabay (https://pixabay.com/de/frau-gesicht-mobbing-stress-scham-2696408/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Eine neue Theorie vermutet, dass es eine Verbindung zwischen verminderter Interozeptionsfähigkeit und der Entwicklung psychotischer Störungen gibt. Bild: geralt via pixabay (https://pixabay.com/de/frau-gesicht-mobbing-stress-scham-2696408/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)(Seth, 2013). Demnach könnten psychotische Patient/innen die Signale ihres Körpers nicht mehr lesen und verlören sich geradezu in ihren Gedanken, ohne ihren eigenen Körper noch spüren zu können. Als Evidenz führt Seth Berichte aus der klinischen Praxis an. So berichten Patient/innen oft, dass sie ihr Gefühl der körperlichen „Präsenz“ verloren hätten und sich nicht mehr als Teil ihres eigenen Körpers empfänden. Solche Berichte gelten als Warnsignal für psychotische Zustände. Ob verminderte Interozeptionsfähigkeit allerdings tatsächlich die Häufigkeit psychotischer Erkrankungen erhöht oder lediglich ein Symptom der Erkrankungen ist, ist noch Gegenstand aktueller Forschung.

Es ist also anzunehmen, dass Interozeption uns nicht nur erlaubt, unseren Alltag entsprechend den Bedürfnissen unseres Körpers zu gestalten und Risiken zu vermeiden. Interozeption könnte auch die Entwicklung von psychotischen Erkrankungen verhindern, bei denen die Vernachlässigung der körperlichen Wahrnehmung im Zentrum steht.

Höre hin! Dein Körper wird es dir danken.

Es scheint daher lohnenswert zu fragen, ob Interozeption trainierbar ist. Als sicher gilt, dass Interozeption positiv von Aufmerksamkeit beeinflusst wird. Konzentriert man sich etwa auf seinen eigenen Herzschlag werden Gehirnregionen aktiv, die mit Interozeption in Verbindung gebracht werden (Critchley et al., 2004; Kuehn et al. 2015). Auch die Betrachtung des eigenen Gesichts scheint solch eine Wirkung zu haben. Betrachteten Testpersonen ein Foto von sich selbst, während sie ihren eigenen Herzschlag zählten, erzielten sie bessere Ergebnisse beim Herzschlag-Zählen als Versuchspersonen, die währenddessen einen Gegenstand aus der Umwelt betrachteten (Ainley, Maister, Brokfeld, Farmer & Tsakiris, 2013). Es wird daher vermutet, dass Innenwahrnehmung immer dann gelingt, wenn die volle Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper gelenkt wird statt auf die Umwelt.

Zudem zeigt ein neuer Befund von Esther Kühn, dass die Signalweiterleitung innerhalb der Insula insbesondere dann positiv beeinflusst wird, wenn wir uns längere Zeit auf unseren Körper konzentrieren (Kuehn et al., 2015). In ihrer Studie wurden Versuchspersonen mit sehr guter und mit mittlerer Interozeptionsfähigkeit untersucht. Die Gehirnaktivität beider Gruppen wurde mittels fMRT gemeKönnten Yoga oder verwandte Übungen also unsere Interozeptionsfähigkeit positiv beeinflussen? Bild: lograstudio via pixabay (https://pixabay.com/de/yoga-übung-fitness-frau-gesundheit-3053488/; CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Könnten Yoga oder verwandte Übungen also unsere Interozeptionsfähigkeit positiv beeinflussen? Bild: lograstudio via pixabay (https://pixabay.com/de/yoga-übung-fitness-frau-gesundheit-3053488/; CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)ssen, während sie sich längere Zeit (über eine Minute) auf ihren eigenen Herzschlag konzentrierten. Es zeigte sich, dass die längere Konzentration auf den eigenen Körper die Signalweiterleitung innerhalb der Insula beeinflusste. Nur Proband/innen mit guter Interozeption zeigten solche Veränderungen. Interessanterweise lagen die veränderten Gehirnwellen im Niedrigfrequenzbereich. Solche langsamen Gehirnwellen ändern sich normalerweise, während wir schlafen oder uns längere Zeit mit etwas beschäftigen. Dies deutet auf die Wichtigkeit kontinuierlicher Körperwahrnehmung für verbesserte Innenwahrnehmung hin. Könnten Yoga oder verwandte Übungen also unsere Interozeptionsfähigkeit positiv beeinflussen? Könnte dies erklären, warum Meditationstraining der menschlichen Psyche gut tut? Dies sind Forschungsfragen, die zurzeit heiß diskutiert und wissenschaftlich untersucht werden.

Auch wenn noch viele Fragen ungeklärt sind: Die bereits bekannten Ergebnisse sollten uns im beruflichen Alltag zu denken geben. Denn hier steht meist unsere Umgebung im Vordergrund, nicht aber wir selbst. Unser Körper aber hat alltägliche und grundlegende Bedürfnisse: das Bedürfnis nach Schlaf, Bewegung, einem gesunden Mittagessen und genügend Ruhepausen. Vernachlässigen wir diese Bedürfnisse und ignorieren all die Signale, die unsere Insula tagtäglich empfängt, leben wir möglicherweise buchstäblich an unserem Körper vorbei. Die Körpersignale verbleiben sozusagen ungelesen in unserem neuronalen Posteingang. Dies kann unserem Körper schaden, aber auch unserer Psyche.Ignorieren wir all die Körpersignale, die unsere Insula tagtäglich empfängt, verbleiben sie sozusagen ungelesen in unserem neuronalen Posteingang. Bild: philippechazal via pixabay (https://pixabay.com/de/verwaltung-zeit-leben-posteingang-1137648/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Ignorieren wir all die Körpersignale, die unsere Insula tagtäglich empfängt, verbleiben sie sozusagen ungelesen in unserem neuronalen Posteingang. Bild: philippechazal via pixabay (https://pixabay.com/de/verwaltung-zeit-leben-posteingang-1137648/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Vielleicht lohnt es sich daher, doch hin und wieder mal genauer hinzuhören. Ich zumindest habe mir vorgenommen, das nächste Mal meinem knurrenden Magen ein wenig mehr Beachtung zu schenken – und zur Not auch mal einen dringenden Termin auf den nächsten Tag zu verschieben. Bei all dem Trubel, den unsere Arbeit tagtäglich verursacht, – unser Körper gehört nur uns und sollte uns ein bisschen Aufmerksamkeit Wert sein. Ihr Körper wird es Ihnen danken!

Literaturverzeichnis

Ainley, V., Maister, L., Brokfeld, J., Farmer, H. & Tsakiris, M. (2013). More of myself: manipulating interoceptive awareness by heightened attention to bodily and narrative aspects of the self. Consciousness and Cognition, 22, 1231-1238.

Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: the sense of the physiological conditions of the body. Nature Reviews Neuroscience, 3, 655-666.

Craig, A. D. (2009). How do you feel – now? The anterior insula and human awareness. Nature Reviews Neuroscience, 10, 59-70.

Critchley, H. D., Wiens, S., Rotshtein, P., Öhman, A. & Dolan, R. J. (2004). Neural system supporting interoceptive awareness. Nature Neuroscience, 7, 189-195.

Gasquoine, P.G. (2014). Contributions of the insula to cognition and emotion. Neuropsychological Reviews, 24, 77-87.

Dunn, B. D., Galton, H. C., Morgan, R., Evans, D., Oliver, C., Meyer, M., Cusack, R., Lawrence, A. D. & Dalgleish, T. (2010). Listening to your heart. How interoception shapes emotion experience and intuitive decision making. Psychological Science, 21, 1835-1844.

Kuehn, E., Mueller, K., Lohmann, G. & Schütz-Bosbach, S. (2015). Interoceptive awareness changes the posterior insula functional connectivity profile. Brain Structure and Function.

Schandry, R. (1981). Heartbeat perception and emotional experience. Psychophysiology, 18, 483-488.

Seth, A. K. (2013). Interoceptive inference, emotion, and the embodied self. Trends in Cognitive Sciences, 17, 565-573.

Sokol-Hessner, P., Hartley, C. A., Hamilton, J. R., Phelps, E. A. (2014). Interoceptive ability predicts aversion to losses. Cognition and Emotion.

 

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