Das schwarze Schaf unter uns – Warum Menschen negativ auf Nestbeschmutzer reagieren

Ein zweiter alternativer Erklärungsansatz wurde von Eidelmann & Biernat (2003) angeregt. Sie argumentieren, dass weniger die soziale Identität ausschlaggebend für den Black Sheep Effect ist, sondern vielmehr der Wunsch sich persönlich von einem schwarzen Schaf zu distanzieren. Evidenz für diese Annahme konnten Eidelmann und Biernat in einem einfachen Experiment zeigen. Sie gaben Versuchsteilnehmern zunächst einen Artikel über einen Biologielehrer, der in einem Wissenschaftsmagazin sehr negative Ansichten vertrat. Diese Person kam entweder aus Kansas, war also ein Mitglied der Eigengruppe der Versuchsteilnehmer (die Studie wurde an der University of Kansas durchgeführt), oder aus Colorado. Danach erhielten Versuchsteilnehmer zwei Möglichkeiten auf diesen Artikel und den Lehrer zu reagieren: Sie konnten entweder den Lehrer abwerten (die Black Sheep Effect-typische Reaktion) oder angeben, wie sehr sie sich von der eigenen Gruppe distanzieren wollen. Letzteres wird von Eidelmann und Biernat als Möglichkeit gesehen, nicht mit einem schwarzen Schaf in nähere Verbindung gebracht zu werden. Das Ergebnis hing letztlich von der Reihenfolge der Messungen ab: Wenn sich Versuchsteilnehmer zuerst von der Eigengruppe distanzieren konnten, so zeigte sich kein Black Sheep Effect in der Abwertung des schwarzen Schafs. Wenn Versuchsteilnehmer jedoch zunächst die Versuchsperson abwerten konnten, zeigte sich ein Black Sheep Effect, aber keine Distanzierung. Der Befund, dass sich diese beiden Strategien (Abwertung vs. Distanzierung) gegenseitig ersetzen können weist darauf hin, dass persönliches Distanzieren vom schwarzen Schaf eine wichtigere Rolle spielt, als das positive Gesamtbild der eigenen Gruppe zu schützen.

Ein weiterer Ansatz, der ebenfalls Prozesse zugrunde legt, die über Bedenken der eigenen sozialen Identität hinausgehen, wurde kürzlich von Reese, Steffens und Jonas (2011) vorgestellt. In einer Reihe von Studien konnten diese Autoren zeigen, dass nicht allein die Gruppenzugehörigkeit des schwarzen Schafs den Black Sheep Effect erklärt, sondern zugrundeliegende Informationsverarbeitungsstrategien. Basierend auf der Annahme, dass relevante Information tiefer (systematischer) verarbeitet wird als weniger relevante Information, gehen die Autoren davon aus, dass auch Informationen über Eigen- vs. Fremdgruppen unterschiedlich tief verarbeitet werden. Dieser Verarbeitungsunterschied wirke letztlich auf die Bewertung des Normabweichlers aus, die hier mittels verschiedener Fragebogenmaße erfasst wurde (z.B. wurden Versuchsteilnehmer gebeten anzugeben, wie sehr sie den Normabweichler bestrafen wollen würden, oder wie sympathisch sie die Person finden). Im Kontext Ostdeutscher vs. Westdeutscher Studierender konnte etwa gezeigt werden, dass je tiefer über Information über ein schwarzes Schaf aus der Eigengruppe nachgedacht wurde, desto stärker wurde das schwarze Schaf abgewertet. Dieser Befund wurde auch kausal getestet. In einem Experiment wurden Versuchspersonen mit einem schwarzen Schaf konfrontiert. Zur Ablenkung beschäftigte sich die eine Hälfte der Versuchspersonen parallel mit einer zweiten Aufgabe – hier mussten sie sich darauf konzentrieren, aus einem Stimmengewirr bestimmte Signale rauszuhören – sodass eine systematische Verarbeitung nicht möglich war. Die andere Hälfte der Versuchspersonen konnte sich hingegen ausschließlich mit dem schwarzen Schaf befassen. Wie erwartet zeigte sich, dass Versuchspersonen, denen eine systematische Verarbeitung möglich war, die Informationen tiefer verarbeiteten und das schwarze Schaf negativer bewerteten als die Personen, die sich mit einer parallelen Zweitaufgabe beschäftigen mussten.

Die in diesem Abschnitt dargelegten Befunde zeigen, dass der Black Sheep Effect kein ausschließlich motivationales Phänomen ist, das allein auf die Gruppenzugehörigkeit des Normabweichlers zurückgeht – so wie es nach der Theorie der sozialen Identität argumentiert wird. Vielmehr handelt es sich bei dem Black Sheep Effect um ein komplexes sozialpsychologisches Phänomen, dessen Erklärung der Berücksichtigung vielfältiger Faktoren bedarf. Für eine detaillierte Auseinandersetzung dieser vielen Einflussfaktoren sei auf die Meta-Analyse von Stratton und Kollegen verwiesen (Stratton et al., 2011).

Zusammenfassung

Bei dem sogenannten Black Sheep Effect handelt es sich aus sozialpsychologischer Sicht um ein Phänomen, bei dem die meisten Menschen sagen würden „na, das ist doch klar – ich lass mir doch nicht mein Nest beschmutzen“. Ein genauerer Blick auf dieses Phänomen der Eigengruppenabwertung zeigt jedoch, dass dieser Effekt alles andere als trivial ist. Nach der Theorie der Sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1979) neigen Menschen in der Regel dazu, Angehörige aus der eigenen Gruppe im Vergleich zu Mitgliedern anderer Gruppen zu bevorzugen. Dennoch zeigt sich der Black Sheep Effect, also eine relative Abwertung normabweichender Eigengruppenmitglieder, was darauf hinweist, dass Menschen auch andere Formen der Eigengruppenfavorisierung verfolgen. Nämlich, wie oben bereits angeführt, die Aufrechterhaltung einer positiven Gruppenidentität durch das Ausschließen derer, die die Gruppenidentität bedrohen. Neben dieser gruppenbasierten Erklärung kann die relative Abwertung aber auch dadurch erklärt werden, dass Individuen schlicht und einfach ihre Erwartungen an ein Gruppenmitglied nicht erfüllt sehen, sich persönlich von diesem schwarzen Schaf distanzieren wollen und ihre Reaktion davon abhängt, wie tief (d.h. systematisch) Information verarbeitet wird. Schließlich liegt den meisten Erklärungen des Black Sheep Effects die Idee zugrunde, dass es sich bei den „Normverstößen“ um Verhalten handeln muss, das für die Gruppenmitglieder in irgendeiner Form relevant ist.

Schlussfolgerung

Eigentlich ziehen wir Mitglieder der eigenen Gruppe denen anderer Gruppen vor – das dies nicht immer der Fall zeigt der Black Sheep Effect. Deshalb: Wann immer Sie feststellen, dass in Ihrem Umfeld oder in den Medien jemand mit einem Mitglied aus der eigenen Gruppe hart ins Gericht geht: Seien Sie kritisch, und hinterfragen Sie die Motivation, die dieser ablehnenden Haltung gegenüber dem schwarzen Schaf vorangeht. Denn häufig steckt nicht viel mehr dahinter, als dass die soziale Identität, und damit das bestrafende Individuum, geschützt werden soll.

Literaturverzeichnis

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