Editorial zur Themenausgabe: Mit Psychologie die Umwelt schützen? Beiträge der umweltpsychologischen Forschung zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Transformation

Klimawandel, Artensterben, Wasserknappheit, Feinstaub, Plastikmüll, Waldbrände, Pandemien – die Liste der globalen Herausforderungen ist lang und wird gefühlt länger. Auch in Ländern, die bisher glaubten, von globalen Veränderungen weniger stark betroffen zu sein, setzt sich das Bewusstsein durch, dass alle Menschen sie spüren oder spüren werden.

Da könnte man den Kopf in die mittlerweile sehr trockene Erde stecken und hoffen, dass schon alles gut gehen wird. Oder: aktiv werden und sich selbst, die Politik und Unternehmen wachrütteln und dafür sorgen, dass Veränderungen in Gang gebracht werden. Die Umweltschutzpsychologie setzt sich damit auseinander, unter welchen Bedingungen Menschen sich umweltgerecht verhalten – und unter welchen nicht.

Wir haben in dieser Themenausgabe des In-Mind Magazins Umweltpsycholog*innen dazu eingeladen, aktuelle Perspektiven aus der Umweltschutzpsychologie zu präsentieren. In sieben Artikeln werden unterschiedliche Bereiche beleuchtet. Auch wenn damit selbstverständlich nicht die ganze Bandbreite der Umweltpsychologie repräsentiert sein kann, möchten wir mit diesen Einblicken eine Grundlage zur Diskussion schaffen, welche Ansatzpunkte hilfreich und sinnvoll sind und welchen Beitrag die Psychologie zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Transformation leisten kann.

Zunächst werden konkrete, aktuell viel diskutierte umweltrelevante Verhaltensbereiche unter die Lupe genommen. Claudia Menzel und Lea Heidbreder stellen sich in ihrem Beitrag die Frage: „360° Plastik in Sicht! Wie kann uns eine Kurskorrektur beim Plastikkonsum gelingen?“ Sie beschreiben den Stand der Forschung darüber, wie Menschen das Risiko von Plastikmüll einschätzen, was sie davon abhält, weniger Plastik zu konsumieren und welche psychologisch fundierten Lösungsansätze zu einer Plastikreduktion beitragen könnten. Benjamin Buttlar und Eva Walther erklären in ihrem Beitrag „Das Fleischparadox: Warum es so schwerfällt, auf Fleisch zu verzichten“. Sie beleuchten Strategien, die Menschen nutzen, um ohne schlechtes Gewissen Fleisch essen zu können. Sie argumentieren, dass diese Strategien Menschen davon abhalten, ihren ernährungsbedingten ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Melanie Jaeger-Erben und Helen Landmann befassen sich in ihrem Beitrag mit der nachhaltigen Nutzung von Gebrauchsgegenständen: „Ist das noch gut oder kann das weg? Die Umweltpsychologie erklärt den Wegwerftrend“. Dabei thematisieren sie, warum Menschen das Bedürfnis nach neuen Dingen haben und unter welchen Umständen sie sorgsam mit Dingen umgehen und sie reparieren statt sie zu ersetzen. Diese drei Perspektiven auf individuelles Verhalten werden ergänzt von Helen Landmann und Anette Rohmann, die einen Blick auf kollektives Verhalten von Protestbewegungen werfen: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!– Warum engagieren sich Menschen gemeinsam für den Umweltschutz?“. Sie erklären Beweggründe, die Menschen beispielsweise zur Teilnahme an Demonstrationen wie Fridays for Future motivieren.

Im Anschluss wird kritisch diskutiert, welche grundlegenden Maßnahmen Umweltschutz und eine nachhaltige Gesellschaftstransformation vorantreiben könnten. Oliver Taube und Dorothea Taube beleuchten die Chancen und Grenzen einer Vorauswahl umweltfreundlicher Handlungsoptionen: Wie reagieren Menschen, wenn sie beispielsweise den Bezug von Ökostrom oder von Biolebensmitteln als Standardoption erhalten? Ihr Beitrag "Zum Bioregal gestupst: Kann durch Vorauswahl umweltfreundlicher Handlungsoptionen die Nachhaltigkeit von OttonormalverbraucherInnen gefördert werden?" setzt sich mit diesem Ansatz kritisch auseinander und stellt die Frage, ob eine gesamtgesellschaftliche Transformation individueller Lebensstile dadurch erreicht werden kann oder ob es tiefgreifenderer Bildungsangebote bedarf. Mario Herberz fragt sich: „Wie viel ist ein Kilogramm CO2? Wie psychologisch fundierte Kommunikation unser Verständnis von Umweltauswirkungen verbessern kann“. In seinem Beitrag erklärt er, warum es Menschen schwerfällt die Umweltauswirkungen ihrer Konsumentscheidungen zu bewerten. Außerdem macht er Vorschläge, wie diese Umweltauswirkungen besser verständlich kommuniziert werden könnten. Regina Kempen, Jan Pollex, Shirin Betzler und Alicja Schütze schließlich diskutieren, wie man Menschen Entscheidungen erleichtern könnte, bei denen viele verschiedene Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit eine Rolle spielen. In ihrem Beitrag „Nachhaltigkeit? – Das ist mir zu komplex!: Reduktion von Komplexität zur Unterstützung nachhaltiger Konsumentscheidungen“ erklären sie zunächst, was Entscheidungen komplex macht, und leiten dann praktische Empfehlungen ab, wie sich der Umgang mit dieser Komplexität verbessern lässt.

Die umweltpsychologische Forschung bietet also eine Vielzahl von Ideen zur Entwicklung einer nachhaltigeren Gesellschaft, deren Breite diese Ausgabe des In-Mind Magazins zumindest im Ansatz aufzeigt. So sind es viele kleine Verhaltensänderungen und Kommunikationsmaßnahmen, die in der Masse bereits Wirkung zeigen können. Die große Herausforderung besteht aus unserer Sicht nun darin, in Zukunft noch stärker mit anderen Wissenschaften zusammenzuarbeiten und die gesellschaftlichen Bedingungen (z. B. die politischen oder wirtschaftlichen Gegebenheiten) zu berücksichtigen, in denen Menschen leben.

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