Sind wir denn alle zusammen Feiglinge? Warum niemand im Beisein anderer helfend eingreift

Dieser Beitrag wurde zunächst in englischer Sprache in der englischsprachigen Ausgabe (10/2013, Ausgabe 18) des In-Mind Magazins veröffentlicht.

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Gerät ein Mensch in eine Notlage, so ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ihm ein anderer Mensch hilft. Ist der Mensch also herzlos oder ist dieses Verhalten auf andere Faktoren zurückzuführen? In der Wissenschaft wird dieses Verhalten inzwischen mit dem sogenannten Bystander Effekt (der Mensch hält sich heraus, er kann sich nicht dazu durchringen einzugreifen) erklärt; zudem gibt es durchaus Möglichkeiten, diesen Effekt abzumildern.

Gerät ein Mensch in eine Notlage, so ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ihm ein anderer Mensch hilft. Bild: ptrabattoni via pixabay (https://pixabay.com/de/obdachlose-nächstenliebe-schlecht-212591/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Gerät ein Mensch in eine Notlage, so ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ihm ein anderer Mensch hilft. Bild: ptrabattoni via pixabay (https://pixabay.com/de/obdachlose-nächstenliebe-schlecht-212591/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Gerät ein Mensch in eine Notlage, so ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ihm ein anderer Mensch hilft. Ist der Mensch also herzlos oder ist dieses Verhalten auf andere Faktoren zurückzuführen? In der Wissenschaft wird dieses Verhalten inzwischen mit dem sogenannten Bystander Effekt (der Mensch hält sich heraus, er kann sich nicht dazu durchringen einzugreifen) erklärt; zudem gibt es durchaus Möglichkeiten, diesen Effekt abzumildern.

Im Café Moto im New Yorker Vorort Brooklyn war eines Montagabends viel los. Der Verkehr brauste vorbei und ständig kamen neue Gäste. Im Restaurant finden 35 Gäste Platz; an diesem Tag war es jedoch voller als sonst. Die Gäste waren gerade beim Abendessen in diesem antik eingerichteten Restaurant; Lammrippchen, Miesmuscheln und hausgemachter Kuchen fanden reißenden Absatz. Und immer wenn ein Zug vorbeirauschte, ging der Geräuschpegel nach oben.

Plötzlich passierte etwas Außergewöhnliches: Ein lauter Knall war im gesamten Restaurantbereich zu hören. Später erklärte die Bedienung, sie habe den Knall eines Feuerwerkskörpers vernommen, sie sei jedoch zu beschäftigt gewesen, um dem Ursprung des Knalls nachzugehen. Ein Mann, der an der Bar stand, wandte sich an den Bassisten neben ihm. „Das hörte sich ja nach Gewehrschüssen an.“ Der Bassist nickte zustimmend. Jedem war klar, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, allerdings reagierte niemand. Niemand stieß einen Schrei aus und niemand rannte zum Fenster. Im Augenwinkel machte jemand eine Beobachtung und sah jemanden vorbeihuschen, der sich das Bein hielt. Ms Dobson, die Woche für Woche im Restaurant Musik macht, nahm die Gitarre und begann wieder zu spielen. Sie konnte nicht glauben, was sie wenige Augenblicke später sehen sollte: Überall in den Straßen standen Krankenwagen, überall war Blaulicht zu sehen. Die Leute standen in Grüppchen zusammen, um zu sehen, was passiert war. Die Polizei sperrte die Gegend mit gelben Bändern ab. Die Polizisten fanden zwei Patronenhülsen, die aus einer neunDie Polizisten fanden zwei Patronenhülsen, die aus einer neun Millimeter-Pistole abgefeuert worden waren. Bild: SoDope via pixabay (https://pixabay.com/de/patrone-hülsen-waffe-geschoss-2813768/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Die Polizisten fanden zwei Patronenhülsen, die aus einer neun Millimeter-Pistole abgefeuert worden waren. Bild: SoDope via pixabay (https://pixabay.com/de/patrone-hülsen-waffe-geschoss-2813768/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de) Millimeter-Pistole abgefeuert worden waren.

Offensichtlich hatte das Ganze nichts mit Feuerwerkskörpern zu tun. Draußen vor der Bar war es unter den Reisenden, die eben mit dem Zug angekommen waren, zu einem Handgemenge gekommen, das außer Kontrolle geraten war. Unter den Reisenden hatte sich ein zehnjähriger Junge befunden, der zum Opfer wurde, da er sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hatte. Die Gäste in der Bar hatten Recht. Irgendetwas stimmte nicht. Ein Junge war niedergeschossen worden und niemand hatte eingegriffen.

Die meisten von uns finden es seltsam, dass keiner der Anwesenden eingriff. Dies ist jedoch keine Ausnahme, denn in den meisten Fällen werden Leute in Gegenwart ihrer Mitmenschen ausgeraubt, beschimpft oder gar ermordet. Können wir davon ausgehen, dass die Anwesenden unter einem Mangel an Empathie leiden, oder handelt es sich einfach um Feiglinge? Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um Leute wie Du und ich. Psycholog/innen haben herausgefunden, dass es für dieses Phänomen einen ganz anderen Grund gibt, nämlich den sogenannten Bystander Effekt.

Der Bystander Effekt

Der sogenannte Bystander Effekt hat mit der Tatsache zu tun, dass Menschen mit geringerer Wahrscheinlichkeit dazu neigen, in einer Notsituation zu helfen, wenn noch weitere Menschen zugegen sind. Eine klassische Studie beleuchtet und erklärt dieses Phänomen. Die Testpersonen wurden gebeten, in Einzelkabinen Platz zu nehmen, von wo aus sie mit anderen Testpersonen mittels eines Kommunikationssystems in Kontakt treten konnten. Genau genommen nahm nur eine einzige Testperson an diesem Versuch teil; anstatt der anderen Testpersonen waren lediglich Stimmen von Tonträgern zu hören; darunter war eine Person, die einen epileptischen Anfall erlitt. Die Forscher veränderten die Größe der jeweiligen Diskussionsgruppen: Einige Gruppen bestanden gerade mal aus dem Versuchsteilnehmer und dem „Opfer“, wohingegen andere Gruppen aus den beiden genannten plus einer weiteren Person bestanden (dem sogenannten bystander, dem Beobachter bzw. Passanten). Oder in den Gruppen gab es sogar vier bystanders (Darley & Latané, 1968)

Am Ende eines kurzen Gesprächs hörte der/die echte Versuchsteilnehmer/in durch das Kommunikationssystem, dass ein anderer Versuchsteilnehmer einen epileptischen Anfall erlitten hatte. In diesem Zusammenhang stellt sich folgende Frage: Greift der oder die echte Versuchsteilnehmer/in ein und ruft die Versuchsleitung herbei, oder bleibt er bzw. sie untätig sitzen? In der Versuchsgruppe ohne bystanders griffen 85 % der Testpersonen ein, in der Gruppe mit nur einem bystander waren es nur 62 %, und in der Gruppe mit vier bystanders schlugen gerade mal 31 % der Versuchspersonen Alarm. Darley und Latané (1968) kamen zu der Die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Einzelperson zu Hilfe eilt, nimmt ab, wenn noch weitere Personen anwesend sind. Bild: Pankgraf via pixabay (https://pixabay.com/de/waden-beine-menschen-anstehen-540519/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Einzelperson zu Hilfe eilt, nimmt ab, wenn noch weitere Personen anwesend sind. Bild: Pankgraf via pixabay (https://pixabay.com/de/waden-beine-menschen-anstehen-540519/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Schlussfolgerung, dass die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Einzelperson zu Hilfe eilt, abnimmt, wenn noch weitere Personen anwesend sind. Dies könnte auch der Grund dafür sein, dass im Café Moto niemand eingriff. Allerdings ist die Frage noch nicht beantwortet, warum die Zahl der bystanders die Hilfsbereitschaft der Leute beeinflusst.

Warum wir nicht eingreifen

Wir gehen gemeinhin von der Annahme aus, dass mangelnde Hilfsbereitschaft durch eine gewisse Apathie bzw. eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Opfer bedingt sei. Ganz im Gegenteil: Leute, die nicht eingreifen, sind gewöhnlich von dem Vorfall in stärkerem Maße betroffen als Leute, die aktiv eingreifen (Darley & Latané, 1968). Eine Person, die Zeuge eines Vorfalls wird, befindet sich in einer Konfliktsituation; dies gilt insbesondere dann, wenn es sich um eine gefährliche Situation handelt wie zum Beispiel die Schießerei draußen vor der Bar. Der Mensch hat für gewöhnlich rationale und irrationale Ängste hinsichtlich der Auswirkungen eines möglichen Einschreitens. Unter Umständen wird die Person, die einschreitet, ebenso verletzt (Milgram & Hollander, 1964). Andererseits hegen die meisten von uns ein angeborenes Bedürfnis, einem Opfer zu helfen. Was könnte jedoch unsere Bereitschaft zu helfen und unser Bestreben, ein/e wohlmeinende/r Mitbürger/in zu sein, einschränken? Im Folgenden werden drei Möglichkeiten aufgezeigt, warum wir nicht einschreiten, wenn wir einer Problemsituation gegenüberstehen. Wenn wir uns dieser Hemmungen bewusst sind, so kann es uns eher gelingen, in einer künftigen Problemsituation diese Hemmungen auszuschalten.

Wir erkennen die Problemsituation nicht

Natürlich muss man erkennen, dass jemand dringend Hilfe braucht. Hastet man durch eine belebte Straße, so wird man mit geringer Wahrscheinlichkeit erkennen, dass sich ein Mitmensch in einer Notsituation befindet. Etwas ganz Banales (nämlich in Eile zu sein) kann also dafür verantwortlich sein, dass jemand nur mit geringer Wahrscheinlichkeit helfend eingreift. In einer Studie, die dies zeigte, wurden die Versuchspersonen in zwei Gruppen eingeteilt: in eine Gruppe, die in Eile war, und in eine Gruppe, die es nicht eilig hatte. Auf ihrem Weg in ein anderes Gebäude kamen die Versuchspersonen an einem Mann vorbei, der im Eingang lag. Dieser Mann, ein Mitarbeiter des Versuchsleiters, hustete und stöhnte, als die Versuchspersonen an ihm vorbeigingen. 63 % der Versuchspersonen, die nicht in Eile waren, boten diesem Mann ihre Hilfe an. Von den Versuchspersonen, die jedoch einen dringenden Termin hatten, boten lediglich 10 % ihre Hilfe an. Zum Teil mag dies damit zusammenhängen, dass die Mehrheit der in Eile befindlichen Versuchspersonen das vermeintliche Opfer gar nicht wahrnahmen (Darley & Batson, 1973). Selbiges mag für die Kellnerin im Café Moto gelten, die mit dem Bedienen so beschäftigt war, dass sie von der Schießerei gar nichts mitbekam.

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