Sind wir denn alle zusammen Feiglinge? Warum niemand im Beisein anderer helfend eingreift

Wir schätzen die Situation nicht als Notsituation ein

Selbst wenn jemand eine Notsituation wahrnimmt, mag es vorkommen, dass er oder sie nicht eingreift. Es ist nötig, einen Vorfall bzw. eine Situation als Notsituation zu erkennen; der Mensch ist nämlich nicht immer in der Lage, eine Situation korrekt einzuschätzen. Wenn man sich zum Beispiel in einer Bar aufhält und ein seltsames Geräusch vernimmt, so ist es durchaus wahrscheinlich, dass man davon ausgeht, dass alles in bester Ordnung sei, wenn niemand auf dieses Geräusch reagiert. In diesem Fall verlässt man sich auf die Mitmenschen als Informationsquelle. Die Crux besteht darin, dass jedoch auch die Mitmenschen nicht genau einschätzen können, was tatsächlich vorgefallen ist. Da es sich bei einer Notsituation zumeist um einen plötzlich auftretenden und undurchschaubaren Vorfall handelt, neigen die bystanders typischerweise zur Erstarrung, während sie noch herauszufinden versuchen, was tatsächlich vorgefallen ist. Werfen sie einen Blick auf die übrigen Anwesenden, sehen sie, dass auch diese nicht gerade betroffen reagieren. Dieses Phänomen kennen wir als pluralistische Ignoranz (die Tatsache also, dass die Mehrheit der Leute, die Zeug/innen eines Vorfalls werden, nicht genau beurteilen kann, was eigentlich vorgefallen war). Die bystanders gehen davon aus, dass trotz eines Vorfalls bzw. einer Notsituation alles in Ordnung sei, wenn die übrigen Anwesenden keinerlei Betroffenheit erkennen lassen (Aronson & Akert, 2007). Dies mag auch im Café Moto der Fall gewesen sein, da niemand auf die Gewehrschüsse reagierte und die Anwesenden den Vorfall nicht als Notsituation einschätzten.

Wir fühlen uns nicht zuständig

Nicht jede Notsituation stellt sich für die Passanten als schwer einschätzbar dar. Es gibt durchaus Notsituationen, in denen die Passanten ganz genau wissen, dass etwas vorgefallen ist, wie die beiden Männer in der Bar, die Gewehrschüsse wahrgenommen hatten. Sie eilten jedoch nicht zu Hilfe, wohl weil sie sich nicht in der Verantwortung sahen. Diese Scheu zu helfen kann mit dem Begriff der Verantwortungsdiffusion erklärt werden, also dem Übertragen von Verantwortung von der Einzelperson auf sämtliche Anwesenden. Das Verantwortungsbewusstsein der oder des einzelnen Anwesenden nimmt in dem Maße ab, in dem die Zahl der Anwesenden zunimmt. Die Verantwortung ruht ganz allein auf den Schultern einer oder eines einzigen Anwesenden, sie reduziert sich automatisch mit der Anzahl der Anwesenden. Man kann davon ausgehen, dass die Anwesenden die Gesamtverantwortung unter sich aufteilen; somit verringert sich die Verantwortung, die auf eine Einzelperson entfällt. Somit ist es durchaus möglich, dass die Einzelperson nur eine geringe Verantwortung auf sich lasten und somit keine Veranlassung zum Eingreifen sieht (Aronson & Akert, 2007). Wenn sich jedoch eine Einzelperson einer Notsituation ausgesetzt sieht, so erkennt sie, dass sie die einzige Person ist, die dem Opfer zu helfen vermag; demzufolge greift sie unvermittelt ein. Sind jedoch mehrere Menschen anwesend, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass niemand dem Opfer zu Hilfe eilt. Dieses Phänomen kommt sowohl in dem Experiment mit dem epileptischen Anfall zum Tragen als auch im Café Moto: Die Einzelperson geht davon aus, dass einer der Anwesenden bereits helfend eingegriffen habe und dass somit auf ihr keine Verantwortung mehr laste.

Wie können wir die Leute dazu bringen, dass sie helfend eingreifen?

Auch wenn der Mensch nicht ohne Weiteres helfend eingreift, sofern weitere Menschen anwesend sind, gibt es trotzdem Fälle, in denen wir eingreifen. So ist es wahrscheinlicher, dass jemand eingreift, der bereits vom Bystander Effekt gehört hat. Studierende, denen der Bystander Effekt bekannt war, griffen mit größerer Wahrscheinlichkeit helfend ein als Studierende, die noch nie etwas von diesem Phänomen gehört hatten (Beaman, Barnes, Klentz & McQuirk, 1978). Im Folgenden sollen drei Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie der Bystander Effekt vermindert werden kann. Somit könnte jeder bzw. jedem von uns geholfen werden, die bzw. der sich einmal in einer Opferrolle wiederfindet und dringend Hilfe benötigt.

Uns muss klar sein, was genau vorgeht

Es wäre nützlich, wenn das Opfer den Anwesenden die Dringlichkeit der Situation klarmachte, denn die Wahrscheinlichkeit des Eingreifens hängt unter anderem auch davon ab, ob den anwesenden Personen bzw. den Passierenden klar ist, was in einer bestimmten Situation vorgeht. Zum Beispiel greifen die Anwesenden eher ein, wenn sie wissen, dass ein Fremder eine Frau schlägt, als wenn sie davon ausgehen, dass es sich um den Ehemann handelt. Dies hängt damit zusammen, dass die Anwesenden dies als Privatangelegenheit abtun und diese Interpretation als Ausrede dafür geltend machen, nicht einzugreifen. Der Mensch neigt zu der Annahme, dass es sich bei dem Aggressor um den Ehemann handle und somit kein Anlass zum Eingreifen bestehe (Felson & Feld, 2009). Als weiteres Beispiel seien hier die beiden Jungen angeführt, die den zweieinhalbjährigen James Bulger in Anwesenheit von Menschen ermordeten, die durchaus hätten eingreifen können. Später erklärten die Anwesenden, dass sie den Ernst der Lage nicht erkannt hatten. Zudem hätten sie nicht eingegriffen, da sie der Annahme waren, die Jungen seien Geschwister. Die Tatsache, dass sie die drei Jungen als Mitglieder ein und derselben Familie betrachteten, mag dafür verantwortlich sein, dass die Anwesenden in ihrer Rolle als Außenseiter sich nicht zum Eingreifen veranlasst sahen. (Levine, 1999). Dies deckt sich mit einer weiteren Erkenntnis: Die Anwesenden sind eher geneigt einzugreifen, wenn das Opfer zur gleichen sozialen Gruppe wie sie gehört und nicht aus einer ganz anderen sozialen Gruppe stammt (Levine, Prosser & Evans, 2005). Egal aus welchem Grund jedoch in den genannten Beispielen nicht eingegriffen wurde, ein Passant oder eine Passantin hätte den Opfern vielleicht geholfen, falls die gesamte Situation klarer gewesen wäre. Dadurch hätten sich irrige Interpretationen auf Seiten der Passierenden vermeiden lassen können; und die Passierenden hätten letztlich mit größerer Wahrscheinlichkeit eingegriffen.

Wir müssen persönlich angesprochen werden

Des Weiteren wäre es ratsam, einen der Passierenden persönlich anzusprechen, wenn man Hilfe braucht. Man ist eher geneigt zu helfen, wenn ein Opfer einen persönlich anspricht (Shaffer, Rogel & Hendrick, 1975). Es ist ratsam, einen der Passierenden persönlich anzusprechen, wenn man Hilfe braucht. Bild: RegioTV via pixabay (https://pixabay.com/de/zeigen-hand-gestik-freigestellt-244359/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Es ist ratsam, einen der Passierenden persönlich anzusprechen, wenn man Hilfe braucht. Bild: RegioTV via pixabay (https://pixabay.com/de/zeigen-hand-gestik-freigestellt-244359/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Eine weitere Untersuchung bestätigt dieses Ergebnis. Zwei frei erfundene Personen baten die Teilnehmenden eines Chats um Hilfe: „Kann mir einer sagen, wie ich das Profil von jemand Bestimmtem aufrufen kann?“, oder indem sie einzelne Teilnehmende herausgriffen und diese mit Namen ansprachen. Sprachen sie jemanden persönlich an, so wurde die Wirkung, die durch die Anzahl der Passierenden zustande kommt, noch übertroffen. Diese Untersuchung mag zwar sehr simpel sein, sie zeigt jedoch in aller Deutlichkeit, dass das direkte Ansprechen von Passierenden die Leute wohl dazu bringt, Hilfe zu leisten. Wenn Sie sich also in einer Situation befinden, in der Sie sofort Hilfe benötigen, sind Sie gut beraten, zum Beispiel diese eine bestimmte Person mit dem königsblauen Poloshirt anzusprechen.

Wir brauchen eine Veranlagung helfend einzugreifen

Befindet man sich in einer Notlage, so stellt sich die Frage, welcher Passierende am ehesten zu Hilfe eilen wird. Huston, Ruggiero und Geis (1981) befragten 32 Personen, die in gefährlichen Fällen wie zum Beispiel bei tätlichen Übergriffen, bewaffneten Raubüberfällen und Banküberfällen geholfen hatten. Sie verglichen die Gruppe von „Eingreifern“ mit einer Gruppe von „Nicht-Eingreifern“. Die Eingreifer berichteten, dass sie in ihrem Leben – im Vergleich mit den Nicht-Eingreifern – schon mehr Notfälle und Situationen erlebt hätten, in denen sie selbst in der Rolle des Opfers waren. Als deutlichster Unterschied zwischen den beiden Gruppen kristallisierte sich heraus, dass sie bereits Erfahrung im Helfen hatten (Huston et al., 1981). Leute, die Erfahrung im Erste-Hilfe-Leisten, im Retten von Leben oder eine medizinische oder Polizeiausbildung hatten, waren eher bereit, in Notsituationen zu helfen. Dies galt auch in den Fällen, in denen die konkrete Ausbildung in der bewussten Notsituation nicht zur Anwendung gelangen konnte. Zum Beispiel waren die Leute, die eine Ausbildung als Sanitäter/in hatten, eher bereit, in Situationen zu helfen, die keinen medizinischen Notfall darstellten. Die Forschenden kamen zu der Schlussfolgerung, dass die Ausbildung die Eigenwahrnehmung der eingreifenden Person als jemand, der anderen zu helfen in der Lage ist, verstärkte. Die eingreifenden Personen wiesen im Vergleich zu den nicht eingreifenden Personen auch andere körperliche Charakteristika auf. Sie waren größer und auch ein paar Kilo schwerer als die nicht eingreifenden Personen. Dieser Studie zufolge wäre es also am geschicktesten, diejenigen Passierenden anzusprechen, die für den Einsatz in Notsituationen ausgebildet sind. Und wenn einem diese Informationen nicht verfügbar sind, wäre es das Beste, sich an den oder die größte/n und kräftigste/n Passierende/n zu wenden (Huston et al., 1981).

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