Mitgehangen – mitgefangen? Wie sich Suchtprobleme auf Angehörige auswirken

Im Rahmen des partizipativen Forschungsprojekts „AnNet-Angehörigennetzwerk“, setzten sich Angehörige von Suchterkrankten gemeinsam mit ForscherInnen der Universität Hildesheim unter anderem mit Unterstützungsbedarfen und –angeboten für Angehörige auseinander. Dabei stellte sich heraus, dass es im Alltag für Angehörige häufig schwierig ist, zeitnah und unkompliziert an Informationen und Hilfe zur Bewältigung ihrer Lebenssituation zu kommen. Weiterhin wurden Angebote als nicht ausreichend bekannt und die Vernetzung der Akteure untereinander als noch verbesserungswürdig angesehen (AnNet-Projekt, 2017). So berichten Angehörige von Menschen mit einem problematischen Substanzkonsum von einer geringeren Zufriedenheit mit der erhaltenen professionellen und privaten Unterstützung als pflegende Angehörige von Demenzerkrankten (Soellner & Hofheinz, in Vorbereitung). Dies kann einerseits auf einen tatsächlichen Mangel an Unterstützungsmöglichkeiten für Angehörige von Suchterkrankten hinweisen, anderseits aber auf darauf hindeuten, dass die gesellschaftliche Sicht auf Suchterkrankungen ein weiteres Hindernis für den Zugang zu Hilfsangeboten darstellt. Viele Angehörige empfinden es als sehr schwierig und schambesetzt mit anderen darüber zu sprechen, dass ihre Mutter, ihr Mann oder ihr Kind ein Problem mit Alkohol oder Drogen hat. Auch im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen scheint Sucht in der gesellschaftlichen Wahrnehmung einen Sonderstatus einzunehmen. So zeigen Studien, dass missbräuchlicher Substanzkonsum und Substanzabhängigkeit verglichen mit anderen psychischen Erkrankungen mit einer besonders großen Stigmatisierung einhergehen (Corrigan et al., 2005; Crisp, Gelder, Rix, Meltzer & Rowlands, 2000). Die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen beschränkt sich dabei nicht nur auf die betroffenen Personen selbst, sondern kann auch auf deren Familien übertragen werden (Larson & Corrigan, 2008). So kann beispielsweise der Kontakt mit Familienmitgliedern von psychisch Erkrankten vermieden oder den Familien eine Mitschuld an der Erkrankung zugeschrieben werden. Solche Stigmata kommen dabei nicht unbedingt nur von außen, sondern die Betroffenen können sich auch selbst negative Eigenschaften oder negatives Verhalten zuschreiben (sogenannte Selbst- Stigmatisierung, z. B. „Wäre ich nicht so streng gewesen oder hätte ich mehr Zeit für mein Kind gehabt, hätte es nicht mit den Drogen angefangen.“). Antizipierte oder tatsächlich erlebte Stigmatisierung durch andere oder sich selbst kann dann in Verbindung mit Gefühlen von Schuld und Scham zu einer Verringerung der Suche nach Hilfe und sozialer Unterstützung führen (Clement et al., 2015; Orford, Copello, Velleman & Templeton, 2010). Dies bedeutet beispielsweise, dass ein Elternpaar sich keine Hilfe in einer Suchtberatungsstelle sucht, weil es befürchtet eine Mitschuld an der Drogensucht des Kindes zugeschrieben zu bekommen. Gleichzeitig zeigen Studien, dass soziale Unterstützung für Angehörige von Suchterkrankten eine der zentralen Unterstützungsmöglichkeiten in ihrer Situation ist (Orford et al., 2010). So geht beispielsweise die Zufriedenheit mit der erhaltenen emotionalen Unterstützung bei Angehörigen von Menschen mit einer Suchtproblematik mit einer geringeren psychischen Belastung sowie einer besseren Lebensqualität einher (Soellner & Hofheinz, 2017).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Angehörige von Menschen mit Suchtproblematik ein erhöhtes Risiko für psychische und physische Belastungssymptome sowie entsprechende Folgeerkrankungen aufweisen. Der Zugang zu Unterstützungsmöglichkeiten wird durch verschiedene Barrieren erschwert, wobei insbesondere die nach wie vor bestehende Stigmatisierung von Suchterkrankten und deren Familien eine große Hürde darstellt. Hier können verschiedene Akteure dazu beitragen, dass es Angehörigen erleichtert wird, über ihre Lebenssituation und die damit verbundenen Probleme zu sprechen und angemessene Unterstützung – sowohl im professionellen Hilfesystem wie auch im Privaten – zu erhalten. Dafür ist einerseits eine stärkere Sensibilisierung für die Belastung von Angehörigen auf Seiten der (Haus)ärztinnen und –ärzte sowie professionell Helfenden notwendig, damit Angehörige überhaupt zeitnah entsprechende Unterstützungsangebote wahrnehmen können. Darüber hinaus sollten Suchtprobleme nicht länger als Tabuthema – ein Thema, welches den familiären Rahmen besser nicht verlässt- behandelt, sondern auch öffentlich diskutiert werden. Hier kommt den Medien eine bedeutende Rolle zu, aber auch im privaten Umfeld kann eine erhöhte Sensibilisierung und Offenheit dem Thema gegenüber dazu beitragen, Stigmatisierung entgegenzuwirken. Angehörige sollten darin bestärkt werden über ihre Problematik offen zu sprechen. So sollte sich kein Elternteil schämen müssen, mit anderen Eltern über die gefundenen Tütchen mit Cannabis zu sprechen und die Sorgen darüber zu teilen. Manch eine/ r wird erstaunt sein, wie viele der Anvertrauten ähnliche Geschichten zu erzählen haben. Darüber hinaus sollte auf Seiten der Versorgung die Finanzierung der Behandlung von Angehörigen unabhängig von der Mitbehandlung des Suchbetroffenen gesichert werden.Selbsthilfegruppen sind eine wichtige Unterstützungsmöglichkeit für Angehörige. Foto: wollyvonwolleroy via pixabay (https://pixabay.com/de/photos/st%C3%BChle-stuhlkreis-therapie-58475/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/). Selbsthilfegruppen sind eine wichtige Unterstützungsmöglichkeit für Angehörige. Foto: wollyvonwolleroy via pixabay (https://pixabay.com/de/photos/st%C3%BChle-stuhlkreis-therapie-58475/, Lizenz: https://pixabay.com/de/service/license/).

Als Anlaufstellen für betroffene Angehörige bieten sich neben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), die lokalen Suchtberatungen (z. B. bei Caritas, Diakonie, AWO) und Elternkreise (Bundesverband der Elternkreise) sowie Selbsthilfegruppen für Angehörige (z. B. Freundeskreise, Blaues Kreuz, Guttempler, Kreuzbund, Al-Anon) an.

Literaturverzeichnis


AnNet-Projekt (Ed.). (2017). AnNet Arbeitsbuch. Ein Buch von Angehörigen für Angehörige, Praktiker und Entscheider. Hildesheim: UVH - Universitätsverlag Hildesheim.

Berndt, J., Bischof, A., Besser, B., Rumpf, H.-J., & Bischof, G. (2017). Belastungen und Perspektiven Angehöriger Suchtkranker: ein multi-modaler Ansatz (BEPAS). Retrieved from https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikat...

Clement, S., Schauman, O., Graham, T., Maggioni, F., Evans-Lacko, S., Bezborodovs, N., . . . Thornicroft, G. (2015). What is the impact of mental health-related stigma on help-seeking? A systematic review of quantitative and qualitative studies. Psychological Medicine, 45, 11–27. https://doi.org/10.1017/S0033291714000129

Corrigan, P. W., Lurie, B. D., Goldman, H. H., Slopen, N., Medasani, K., & Phelan, S. (2005). How adolescents perceive the stigma of mental illness and alcohol abuse. Psychiatric Services (Washington, D.C.), 56, 544–550. https://doi.org/10.1176/appi.ps.56.5.544

Crisp, A. H., Gelder, M. G., Rix, S., Meltzer, H. I., & Rowlands, O. J. (2000). Stigmatisation of people with mental illnesses. British Journal of Psychiatry, 177, 4–7. https://doi.org/10.1192/bjp.177.1.4

Gomes de Matos, E., Atzendorf, J., Kraus, L., & Piontek, D. (2016). Substanzkonsum in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland. SUCHT, 62, 271–281. https://doi.org/10.1024/0939-5911/a000445

Hofheinz, C., & Soellner, R. (2018). Belastungserleben Angehöriger von Suchterkrankten – Welche Rolle spielen Beziehungsstatus und Konsummittel? SUCHT, 64, 75–83. https://doi.org/10.102/0939-5911/a000531

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Orford, J., Copello, A., Velleman, R., & Templeton, L. (2010). Family members affected by a close relative's addiction: The stress-strain-coping-support model. Drugs: Education, Prevention and Policy, 17(sup1), 36–43. https://doi.org/10.3109/09687637.2010.514801

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Soellner, R., & Hofheinz, C. (2017). Resilienzfaktoren bei Angehörigen von Menschen mit problematischem Substanzkonsum. Suchttherapie, 18, 177–183. https://doi.org/10.1055/s-0043-118648

Soellner, R., & Hofheinz, C. (in Vorbereitung). Family members affected by a relative’s substance misuse or dementia – the role of social support.

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