Noli me tangere! Unser peripersonaler Raum in den Corona-Zeiten

Momentan herrscht die Empfehlung, Abstand voneinander zu halten – mindestens 1,5 m. Für einige Personen scheint dies nicht weit genug zu sein, andere aber streben nach mehr Nähe. Warum ist das so? Wissenschaftliche Befunde zeigen, dass es einen engen Raum um jeden einzelnen Menschen herum gibt, den wir als unsere persönliche Zone wahrnehmen. Diese Zone nennt man den peripersonalen Raum. Seine Größe umfasst den Umkreis von ungefähr einer Armlänge. Dieser Raum ist faszinierend und erlaubt uns einen Einblick in unsere persönliche Wahrnehmung von Grenzen und Weite, von Raum und Zeit, von subjektivem Abstand und objektiver Distanz. In der Corona-Zeit scheint dies relevant wie selten.

Am liebsten hätte ich mich in einer riesigen Hamsterkugel versteckt. Straßen fühlen sich enger an, Menschenbegegnungen tun buchstäblich weh. Es ist, als würde ich jedes Mal, wenn jemand näherkommt, einen Elektroschock verabreicht bekommen… Nein, das ist kein Horrorfilm und ich bin nicht verrückt, ich wollte nur mal kurz einkaufen gehen…

Bild 1: Rido via ShutterstockBild 1: Rido via Shutterstock
So fühlt sich die Realität während der Corona-Pandemie für viele von uns an. Tagtägliche Handlungen wie Einkaufen gehen oder zur Arbeit fahren werden zu psychischen und physischen Herausforderungen, die nicht selten von Angst und Unsicherheit geprägt sind. Wann aber empfinden wir jemanden als zu nah, und wann als zu weit weg? Was ist unsere persönliche Grenze gegenüber Fremden, und ändert sich dies in der Zeit der Corona-Pandemie?

Wir alle tragen eine Art Hamsterkugel mit uns herum – wie der Anthropologe Edward T. Hall bereits im Jahr 1966 beschrieben hat. Diese Kugel heißt peripersonaler Raum (oder englisch peripersonal space). Der peripersonale Raum ist laut Definition unsere direkte Körperumgebung mit einem Umfang von mehr oder weniger einem Meter um den Oberkörper herum. In diesem Raum spielen sich eigene Handlungen wie Annäherung und Verteidigung ab (vgl. Holmes und Spence, 2004; Rizzolatti, Fadiga, Fogassi & Gallese, 1997).

Hier bin ich und da bist du – Die Maße des peripersonalen Raums

Es existieren mehrere Definitionen für den peripersonalen Raum, welche sich im Laufe der Zeit gewandelt haben. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass unterschiedliche psychologische Studien mit Versuchspersonen zu unterschiedlichen Abmaßen bezüglich des peripersonalen Raumes kamen. Die Unterschiede entstehen, weil der peripersonale Raum einer jeden Person vom subjektiven Empfinden und von der Situation selbst abhängt. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem Supermarkt. Es herrscht großer Betrieb und Sie möchten sich an den anderen anwesenden Personen in einem engen Gang vorbei bewegen. Einige Personen empfinden es insgesamt als beengend, sich fremden Menschen zu nähern. Die meisten Personen sind zudem besonders behutsam in der Nähe zu Fremden. Dies liegt daran, dass sich beim engen Vorbeigehen unsere peripersonalen Räume überschneiden. Neben persönlichen Vorlieben spielt auch das Umfeld eine Rolle. Sind negative Konsequenzen einer Annäherung zu erwarten – wie zum Beispiel die Ansteckung mit einer Krankheit – dann sind viele Personen vorsichtiger.

Der peripersonale Raum befindet sich zwischen einem halben Meter bis gut einem Meter um uns herum. Hall (1966) zum Beispiel fand heraus, dass man zwischen dem intimen (bis zu 45 cm), dem persönlichen (bis 120 cm), sozialen (bis 360 cm) und dem öffentlichen (unbegrenzten) Raum unterscheiden kann. Man kann sich diese Einteilung anhand von Beispielen vorstellen: Enge soziale Kontakte, wie beispielsweise neben Freunden zu sitzen, finden in einem intimeren Raum statt, wohingegen sich das Hände-Schütteln mit einer fremden Person im persönlichen, aber nicht im intimen Raum abspielt. Eine weitere Definition besagt, dass der peripersonale Raum ausschließlich innerhalb der Hand-Reichweite eines Menschen sei (Rizzolatti et al., 1997). Das bedeutet, dass nach dieser Definition die Handlung des Händeschüttelns eine Geste ist, die jeweils die Grenze des peripersonalen Raums der beiden Personen absteckt.

Holmes und Spence (2004) geben einen Forschungsüberblick über relevante Resultate aus der Neuropsychologie. Die Autoren schätzen, dass sich der menschliche peripersonale Raum ungefähr 70 cm um den Oberkörper herum erstreckt (bei Affen sind es nur 20 bis 40 cm). Diese Definition des peripersonalen Raums deckt sich ungefähr mit der Definition von Rizzolatti et al. (1997). Denn die genannten 70 cm sind ungefähr eine Armlänge eines ausgewachsenen Menschen.

Wofür brauchen wir einen peripersonalen Raum?

Psychologische Studien haben herausgefunden, dass die Grenzen des peripersonalen Raumes ziemlich flexibel sind. Dies bedeutet nicht, dass es keine Grenzen gibt – vielmehr passen sich die Grenzen des peripersonalen Raums der Situation an. Die wahrgenommene Distanz zu einem Objekt wird durch persönliche Faktoren beeinflusst. Eine Rolle hierbei spielt nach aktuellen Forschungserkenntnissen zum Beispiel die Aufmerksamkeit, die wir diesem Objekt schenken (Longo, Trippier, Vagnoni & Lourenco, 2015). Die Funktion des peripersonalen Raums lässt sich daher unterschiedlich benennen: Körperpuffer, Sicherheitszone oder auch Zone der Flucht (vgl. Hunley & Lourenco, 2018). De Vignemont und Iannetti (2014) schlagen ein Modell vor, in dem sie zwei Arten des peripersonalen Raums unterscheiden: eine für die Abwehr (protection of the body) und eine für zielgerichtetes Handeln (goal-directed action). Ob hinter diesen Funktionen ein einheitlicher oder zwei verschiedene neuronale Mechanismen stehen, ist noch umstritten. Bild 2: eamesBot via ShutterstockBild 2: eamesBot via Shutterstock

Ein weiteres Beispiel – neben der bereits genannten Aufmerksamkeit gegenüber eines Objekts – ist unsere innere Einstellung: Ob wir mit einem Objekt in der Umwelt interagieren möchten oder Angst haben, beeinflusst laut neuen Studien die Maße des peripersonalen Raums (Bufacchi & Iannetti, 2018). Diese Subjektivität ist zurzeit besonders interessant. Denn in der Zeit der Corona-Pandemie und durch die damit einhergehenden Maßnahmen verändert sich die Wahrnehmung der eigenen Umwelt gegebenenfalls. In den Zeiten der Corona-Pandemie beträgt der empfohlene Sicherheitsabstand zu anderen Menschen 1,5 bis 2 Meter. Diese Maße liegen nach aktuellen Definitionen außerhalb des peripersonalen Raums. Es könnte allerdings sein, dass die subjektive Einschätzung der Situation die Größe und Funktion des peripersonalen Raumes beeinflusst. Bevor wir weitere Studien hierzu betrachten, stellen wir zunächst kurz vor, was sich im Gehirn abspielt, wenn Menschen eine Bedrohung wahrnehmen.

Tatsächlich konnten bereits einige Hirnareale identifiziert werden, die systematisch auf bedrohliche Reize reagieren (Vieira, Pierzchajlo & Mitchell, 2020). Beispiele sind bedrohlich wirkende Personen (z. B. ein Räuber) oder Tiere (ein bissiger Hund, giftige Spinnen). Die Bereiche im Gehirn sind: der prämotorische Kortex, das Mittelhirn (unter anderem zuständig für Bewegungsplanung), der Sulcus Intraparietalis und die Amygdala (das sogenannte Angstzentrum des Gehirns). Eine in nächster Nähe wahrgenommene Bedrohung löst also offenbar eine Art abwehrende Reaktion im Gehirn aus. Bild 3: Ollyy via ShutterstockBild 3: Ollyy via Shutterstock

Aktiv handeln und sich im peripersonalen Raum verteidigen

Das Gehirn reagiert auf bedrohliche Reize im peripersonalen Raum und leitet entsprechende Handlungen ein. Wenn eine Bedrohung auf uns zukommt (z. B. die Faust des Gegners im Boxkampf), dann schützen wir vor allem unser Gesicht. Wie funktioniert dieser Mechanismus?Bild 4: Kitzero via ShutterstockBild 4: Kitzero via Shutterstock

Sehr anschaulich wird der defensive Mechanismus beim sogenannten Hand-Blinzelreflex (hand-blink reflex, HBR), der durch die elektrische Stimulation des Mittelnervs am Handgelenk (sog. Nervus medianus) ausgelöst wird (Sambo, Forster, Williams & Iannetti, 2012). Befindet sich die Hand im peripersonalen Raum in unmittelbarer Gesichtsnähe, dann verstärkt sich der Reflex. Wir möchten unser Gesicht (sog. „ultra-near“ area) offenbar instinktiv schützen. Allerdings wird die Reaktion reduziert, wenn man zwischen dem Gesicht und der Hand ein Holzschild platziert. Dies bedeutet, dass der peripersonale Raum und die in diesem Raum stattfindenden Reaktionen flexibel sind und extern moduliert werden können (Sambo et al., 2012).

Vor diesem Argumentationshintergrund scheint es also durchaus sinnvoll, Plexiglas zwischen Kassierer in Supermärkten und deren Kunden zu montieren – um das Virus abzuhalten und um eine künstliche psychologische Distanz zwischen den Menschen zu schaffen.

Die Umstände verändern sich – Verändert sich der peripersonale Raum auch?

Einige von uns bemerken derzeit, dass sie andere Menschen meiden und ihnen aus dem Weg gehen. Andere Personen scheinen es sogar als sinnvoll zu erachten, gar nicht mehr vor die Tür zu gehen. Denn das Gehirn signalisiert aufgrund der herrschenden Pandemie gegebenenfalls unbewusst, dass andere Menschen zu nah kommen. Nichtsdestotrotz führen die aktuellen Bestimmungen, sich nicht zu sehr anzunähern, bei anderen Personen zu einer als unangenehm empfundenen Distanz. Gerade ältere Menschen oder Kinder würden – auch in der heutigen Zeit – gerne mehr Nähe zu anderen Personen haben: Der Wunsch nach Nähe ist stark, trotz Ansteckungsgefahr.

Die mögliche Angst vor bedrohlichen Objekten lässt sich durch wissenschaftliche Studien im Zusammenhang mit dem peripersonalen Raum erklären. Bufacchi (2017) hat zum Beispiel herausgefunden, dass sich nähernde bedrohliche Objekte den peripersonalen Raum erweitern und die Reaktionen modulieren. Die Mechanismen, die Verteidigung einzuleiten, geschehen also in bedrohlichen Situationen früher als sonst. Diese Annahme ist im Einklang damit, dass wahrgenommene Bedrohung offenbar schnellere Reaktionen auslöst als wahrgenommene Schönheit: In einer anderen Studie sollten Versuchspersonen auf eine taktile Stimulation auf der Hand reagieren, während sie Bilder von Schmetterlingen oder Spinnen sahen. Sie reagierten am schnellsten, wenn sie Bilder von Spinnen sahen, welche sich auf sie selbst zubewegten (de Haan, Smit, van der Stigchel & Dijkerman, 2016). Gleichzeitig ist die Wahrnehmung zum Negativen hin verzerrt: Eine Studie hat gezeigt, dass bedrohliche Objekte grundsätzlich näher zu sein scheinen als sie wirklich sind (Sambo & Iannetti, 2013).

AutorInnen

Facebook