„Einer für alle“ – Kann Verantwortung für ein Team die individuelle Anstrengung im Hochleistungssport steigern?

Eine Besonderheit dieser ersten Studie ist die Betrachtung von Halbfinaldaten. Schwimmstaffeln qualifizieren sich bei Olympia über die erzielte Halbfinalzeit für das Finale und nicht über die erreichte Halbfinalplatzierung. Diese Ausgangssituation bewirkt eine besonders hohe soziale Verantwortung der SchlussschwimmerInnen, da von ihrer Leistung die Qualifikation des Teams für den Finallauf abhängt. Anders ist dagegen die Situation in einem Finallauf. Hier ist oft bereits während des Rennens absehbar, ob Staffeln eine Medaille erreichen können oder nicht. Entsprechend sind einige Staffeln schon früh abgeschlagen, so dass späte Starter gar keinen Einfluss mehr auf die Medaillenchancen der Staffel haben. Gemäß unseren dargestellten Überlegungen sollten sich spätere Starter daher nur dann zusätzlich motiviert fühlen, wenn sie eine realistische Chance auf einen Medaillengewinn mit ihrer Staffel sehen.

Diese Überlegung prüften wir in einer zweiten Studie mit Daten aus den Finalläufen von Schwimmwettbewerben (Hüffmeier, Krumm, Kanthak & Hertel, in Druck). Weiterhin wollten wir untersuchen, ob unsere Befunde nicht einfach durch die unterschiedlichen Startprozeduren im Einzel- und Staffelwettkampf zu erklären sind. Die Ergebnisse der ersten Studie (Hüffmeier & Hertel, 2011) zeigten ja „lediglich“ schnellere Schwimmzeiten in der Staffel für solche SchwimmerInnen, die auch den Startsprung mit frühzeitiger Anlaufbewegung ausführen konnten (d. h., StaffelschwimmerInnen an Positionen 2 bis 4).

Für diese zweite Studie analysierten wir die Leistungen von FreistilschwimmerInnen in den Einzel- und Staffelwettbewerben über 100 Meter bei zahlreichen sportlichen Großereignissen (Olympische Spiele von 1996-2008, Weltmeisterschaften von 1998-2011 sowie Europameisterschaften von 2000-2010). Das Vorgehen entsprach weitestgehend dem unserer ersten Studie mit einem wichtigen Unterschied: Wir unterschieden bei unserer Untersuchung zwischen den Staffeln, die eine Medaillenchance gehabt hatten (Staffeln mit Endplatzierungen von 1-4), und Staffeln ohne Medaillenchance (Staffeln mit Endplatzierungen von 5-8). Lediglich für SchwimmerInnen aus chancenreichen Staffeln sollte die über die Startpositionen hinweg steigende soziale Verantwortung auch im Vergleich zum Einzelwettbewerb zu schnelleren Schwimmzeiten führen. Solche zunehmenden Leistungsgewinne sind nicht durch unterschiedliche Startprozeduren in Einzel- und Staffelwettkampf erklärbar, da die Startprozedur für die zweiten, dritten und vierten SchwimmerInnen identisch ist.

Entsprechend unserer Erwartung konnten wir in dieser zweiten Studie erneut zeigen, dass – vorausgesetzt die Staffeln hatten eine reelle Medaillenchance – die StaffelschwimmerInnen 2 bis 4 über die Staffel hinweg zunehmend schnellere Schwimmzeiten im Vergleich zum Einzelwettbewerb erbrachten. In Staffeln ohne Medaillenchancen schwammen dagegen die SchwimmerInnen aller Startpositionen ähnlich schnell wie im Einzeldurchgang. Diese Ergebnisse belegen erneut die positive Wirkung sozialer Verantwortung im Staffelverlauf, während die Alternativerklärung unterschiedlicher Startprozeduren nicht greift.

In unserer dritten Studie (Hüffmeier, Kanthak & Hertel, 2012) untersuchten wir mit Hilfe der Leistungen in Freistil- und Lagenstaffeln bei den Olympischen Spielen von 1996-2008 die Frage, welchen Einfluss spezifisches Feedback über die Leistungen der TeamkollegInnen auf die Motivation der Teammitglieder hat. Der zentrale Unterschied zwischen den beiden Staffeltypen besteht darin, dass in Freistilstaffeln typischerweise alle vier SchwimmerInnen im Kraulstil schwimmen, während die SchwimmerInnen in Lagenstaffeln je einen unterschiedlichen Schwimmstil in der Reihenfolge Rücken, Brust, Schmetterling und Kraul schwimmen. Unsere Ausgangsüberlegung war, dass SchwimmerInnen in Freistilstaffeln sehr genau einschätzen können, welche Anstrengung ihre TeamkollegInnen aufbringen, da sie einerseits einen geschulten Blick für die Anstrengung und Leistung anderer SchwimmerInnen im selben Schwimmstil haben und andererseits auch häufig gemeinsam trainieren. Demgegenüber ist die gegenseitige Einschätzung von SchwimmerInnen in Lagenstaffeln weniger klar, da sie ihre TeamkollegInnen in einem Schwimmstil beobachten, für den sie weniger Expertise haben. In Lagenstaffeln sollte im Vergleich zu Freistilstaffeln somit unklarer sein, wie stark die eigene Leistung zur Teamleistung beiträgt. Entsprechend nahmen wir an, dass motivierende Auswirkungen sozialer Verantwortung in Teams in Lagenstaffeln aufgrund der Unsicherheit über die Anstrengung und Leistung der TeamkollegInnen kaum oder gar nicht zu beobachten sein sollten. Die Auswertung der Daten bestätigte unsere Vermutung; in Freistilstaffeln zeigten SchwimmerInnen an Startposition 2 bis 4 schnellere Schwimmzeiten im Vergleich zum Einzelwettkampf. In den Lagenstaffeln dagegen schwammen alle SchwimmerInnen der Staffeln „lediglich“ vergleichbar schnell wie im Einzeldurchgang.

Fazit

Ausgehend von historischen Belegen sowie von neueren theoretischen Entwicklungen zu motivierenden Auswirkungen von Teamarbeit haben wir soziale Verantwortung als einen zentralen Auslöser von Motivationsgewinnen in Teams abgeleitet. Die Ergebnisse aus dem Schwimmsport demonstrieren eindrücklich, dass diese Auswirkungen nicht nur in relativ bedeutungsarmen Laborstudien auftreten, sondern dass soziale Verantwortung auch dann wirksam ist, wenn sich Personen bereits im oberen Grenzbereich ihrer Leistungsfähigkeit bewegen. Somit können wir die Titelfrage, ob es möglich ist, durch soziale Verantwortung die Leistung sogar im Hochleistungssport zu steigern, eindeutig mit „ja“ beantworten. Unsere Studien lassen vermuten, dass ähnliche Zugewinne an Motivation und Leistung auch in anderen Teamsportarten möglich sind. Besonders wahrscheinlich sind sie in ausdauer- oder kraftbetonten Sportarten (im Gegensatz zu primär koordinativ anspruchsvollen), in denen – wie in Schwimmstaffeln – die Teammitglieder ihre Leistung nacheinander erbringen müssen, wie beispielsweise in Staffeln in der Leichtathletik oder im Skilanglauf.

Literaturverzeichnis

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