Erfolgreich Lernen: Effektive Lernstrategien frisch aus der kognitionspsychologischen Forschung

Verteile Deine Lernzeit!

Um den Lernstoff gut zu beherrschen, sollte er nicht nur einmal durchgearbeitet, sondern wiederholt gelernt werden. Die Frage ist nun, wann optimalerweise wiederholt gelernt werden soll. Im eingangs aufgeführten Beispiel ist eine bei Schülern und Schülerinnen sowie Studierenden gängige Praxis beschrieben: Ein oder zwei Tage vor der Prüfung wird der Lernstoff mehrmals hintereinander geballt gelernt – im Folgenden auch als „Pauken“ bezeichnet. Diese Strategie kann für eine bevorstehende Prüfung durchaus erfolgreich sein, jedoch wird das © Claus Küpper-TetzelErlernte genauso schnell wieder vergessen, wie es gepaukt wurde.
Eine weitaus nachhaltigere Strategie besteht darin, dieselbe Lernzeit auf mehrere Lernzeitpunkte zu verteilen. Dies bezeichnet man als „Verteiltes Lernen“. Dieses Phänomen ist schon recht alt, denn bereits Hermann Ebbinghaus beschrieb, dass „bei einer größeren Anzahl von Wiederholungen eine angemessene Verteilung derselben über einen gewissen Zeitraum bedeutend vorteilhafter ist als ihre Kumulierung auf eine bestimmte Zeit“ (Ebbinghaus, 1885, S. 122). So schneiden Personen in einem unmittelbar folgenden Abschlusstest zwar besser ab, wenn sie eine Textpassage zweimal gepaukt hatten, doch waren sie in einem zwei Tage späteren Test klar im Vorteil, wenn sie den Text nach einer Lernpause von einer Woche erneut gelesen hatten (Rawson & Kintsch, 2005). Bemerkenswert ist zudem, dass Personen in der Paukbedingung im späteren Test nicht einmal mehr besser waren als Personen, die den Text nur einmal gelesen hatten. Verteiltes Lernen eignet sich besonders, wenn man Langzeiterfolge erzielen möchte: So berichten Sobel, Cepeda und Kapler (2011) bei FünftklässlerInnen in einem fünf Wochen später stattfindenden Test eine 177 % bessere Leistung für Material, das die Schüler und Schülerinnen verteilt gelernt und nicht gepaukt hatten.

Eine Erklärung für diesen Effekt ist, dass Lernende durch das Wiederholen des Lernstoffs nach einer längeren Pause angeregt werden, sich an die vorherige Lerneinheit zu erinnern, was zu einer Verstärkung der Gedächtnisspur führt. Eine andere Erklärung hingegen geht davon aus, dass bei längeren Pausen zwischen Lernwiederholungen bessere Hinweisreize abgespeichert werden, die später während des Abschlusstests helfen, die richtige Antwort im Gedächtnis zu finden. Die genauen Mechanismen werden noch untersucht, aber in jedem Fall handelt es sich beim Verteilten Lernen um einen der robustesten Lerneffekte der Kognitionspsychologie. Der Vorteil des Verteilten Lernens findet sich in einer Vielzahl bildungsrelevanter Bereiche: Neben den positiven Effekten auf das Lernen von Vokabeln oder Textpassagen, findet man diese auch für das Erlernen mathematischer und naturwissenschaftlicher Konzepte (z. B. Vlach & Sandhofer, 2012) sowie motorischer Fertigkeiten, zum Beispiel beim Erlernen eines Musikinstruments (Simmons, 2012).
Welche Abstände zwischen Wiederholungen sind nun aber optimal? Das hängt in großem Maße davon ab, für wie lange man sich die Information merken möchte. Küpper-Tetzel, Erdfelder und Dickhäuser (2013) untersuchten Vokabellernen bei SechstklässlerInnen. Die Vokabeln wurden entweder gepaukt, einen Tag später wiederholt oder zehn Tage später wiederholt, wobei die Gesamtlernzeit in allen Gruppen identisch war. Es stellte sich heraus, dass in einem Abschlusstest, der eine Woche später stattfand, diejenigen Schüler und Schülerinnen am besten abschnitten, die die Vokabeln mit einer Lernpause von einem Tag wiederholt hatten – Pauken sowie eine lange Lernpause von zehn Tagen führten eine Woche später zu Leistungseinbußen. Wenn der Test jedoch einen Monat später stattfand, profitierten Lernende auch von einer zehntägigen Lernpause. Der in dieser Studie gefundene Effekt ist überaus bedeutend, da Lernende, die ihr Lernen optimal verteilten, im Durchschnitt 33 % mehr Vokabeln erinnerten im Vergleich zur Paukgruppe. Demnach sind für einen in Kürze bevorstehenden Test kurze Abstände zwischen Lernwiederholungen besser, während lange Pausen zwischen Wiederholungen vorteilhaft sind,  um Informationen für einen langen Zeitraum zu behalten.
Interessanterweise kann man auf Lernsitzungen, in denen ausschließlich Vergangenes wiederholt wird, verzichten, wenn auf lange Lernpausen geachtet wird. So zeigten Bahrick, Bahrick, Bahrick & Bahrick (1993), dass weniger Lernsitzungen in größeren Abständen denselben Effekt hatten wie häufigere Lernsitzungen, die in kurzen Abständen aufeinander folgten. Jedoch dürfen die Abstände zwischen den einzelnen Wiederholungen nicht so lang sein, dass der Lernstoff vollständig vergessen wird. Für einen nachhaltigen Lernerfolg bietet es sich daher an, den Stoff beispielsweise in immer länger werdenden Abständen zu wiederholen (Küpper-Tetzel, Kapler & Wiseheart, 2014).

Praktische Tipps zu Lerntests und zum Verteilten Lernen

Die vorgestellten Strategien lassen sich in der Praxis sehr gut miteinander kombinieren, denn Verteiltes Lernen funktioniert am besten, wenn Lernende sich den Stoff während des Lernens aktiv erarbeiten und Lerntests fördern eben dies. Durch Lerntests können Lernende ihren Wissensstand evaluieren, um gezielt Lernstoff zu wiederholen, den sie noch nicht verstanden haben. Ohne einen Lerntest würden die Lernenden womöglich Bild von nikolayhg via pixabay (https://pixabay.com/en/university-lecture-campus-education-105709/), cc (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Lernzeit mit dem Wiederholen von Material „vergeuden“, das bereits beherrscht wird. Lernende sollten sich beim Bearbeiten des Lernstoffs eigene Fragen oder Fragen aus Lehrbüchern herausschreiben, die sie nach einer Lernpause erst aus dem Gedächtnis zu beantworten versuchen, bevor sie den Stoff wiederholt lesen.

Lehrende können sich durch häufige Lerntests einen besseren Überblick über die Themen verschaffen, die noch weiterer Erklärung bedürfen. Um kontinuierliches Lernen bei Schülern und Schülerinnen sowie Studierenden zu motivieren, bietet es sich an, solche Lerntests als festen Bestandteil einer Unterrichtsstunde einzuplanen. Verteiltes Lernen kann in den Unterricht zusätzlich integriert werden, indem Lerntests nicht nur Stoff der letzten Unterrichtseinheit abdecken, sondern auch älteren Stoff abfragen. Es ist zu erwarten, dass die positiven Lernergebnisse und das Erlebnis, Fortschritte zu machen, die anfänglichen Bedenken überwiegen, wenn Lernende über die positiven Aspekte von Lerntests informiert werden, einzelne Lerntests nur einen kleinen Teil der Note ausmachen und Lerntests innerhalb einer Schule in möglichst allen Fächern eingeführt werden.

Der Weg zum Lernerfolg...

...besteht darin, sein Wissen zu testen. Tests haben einen schlechten Beigeschmack, weil sie mit Leistungsdruck und Noten assoziiert werden, aber sie sind geniale Gedächtnisverstärker und damit eine der effektivsten Lernmethoden. Sobald Lerntests fester Bestandteil der Lehr- und Lernroutine werden und eine Verbesserung der Leistung sichtbar wird, wird die anfängliche Frustration verfliegen.Bild von Pexels via pixabay (https://pixabay.com/en/books-feet-legs-person-reading-1841116/), cc (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

...besteht darin, längere Lernpausen zwischen Wiederholungen desselben Lernstoffs zu machen. Pauken gibt einem zwar das Gefühl, alle Informationen sehr präsent zu haben, was aber nur für eine kurze Zeit anhält. Schon ein paar Tage später ist das Erlernte vergessen. Abstände zwischen Lernphasen helfen, Wissen für einen langen Zeitraum zu behalten.

…„wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“ (Xavier Naidoo, 2005, Dieser Weg). Die kognitionspsychologische Forschung zeigt jedoch eindeutig, dass er sich zu gehen lohnt, wenn langfristiges Lernen das Ziel ist.

Literaturverzeichnis

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