Einfach unvergesslich? Was können Gedächtnistrainings leisten?

Tausend Sachen, an die man denken will, und dann vergessen, wo man das Auto geparkt hat? Damit sowas nicht passiert, benötigen wir ein leistungsfähiges Arbeitsgedächtnis. Es ist unerlässlich im Alltag. Aber seine Leistungsfähigkeit ist begrenzt und nimmt mit dem Alter ab, wobei das Alter im Falle unseres Arbeitsgedächtnisses schon mit ca. 20-25 Jahren beginnt. Die Frage drängt sich auf: Können wir dieses Gedächtnis trainieren und einem Abfall auch im höheren Alter entgegenwirken? Die Ergebnisse der psychologischen Forschung geben ein eher ernüchterndes Bild und dennoch Grund zur Hoffnung.

Eine neue Trendsportart scheint Gehirnjogging zu sein. Das ist die Idee, unser Gedächtnis wie unsere Muskeln zu trainieren, um insgesamt fitter zu sein. Aber können wir überhaupt unser Gedächtnis in der Art trainieren? Können Menschen mit dem Training einiger weniger Gedächtnisaufgaben dafür sorgen, dass die gesamte Gedächtnisleistung gefördert wird und sie nicht nur in den trainierten Aufgaben besser werden?
Wenn hier von Gedächtnis gesprochen wird, ist das sogenannte Arbeitsgedächtnis gemeint. Das Arbeitsgedächtnis ermöglicht kurzzeitiges Speichern bei gleichzeitiger Verarbeitung anderer Information und blockiert dabei irrelevante Informationen. Es ist also nicht nur ein Speicher wie das Kurzzeitgedächtnis.
Der Unterschied wird durch folgendes Beispiel deutlich: Merken Sie sich die Ziffern 4, 7, 3, 1 und 9 und wiederholen Sie diese aus dem Gedächtnis. Subtrahieren Sie nun aber 4 von der letzten Ziffer und ersetzen Sie mit diesem Ergebnis die letzte Ziffer. Können Sie dann noch alle Ziffern wiedergeben? Solange Sie nur Informationen speichern, wird Ihr Kurzzeitgedächtnis belastet, wenn Sie aber zusätzlich andere Information verarbeiten, dann wird Ihr Arbeitsgedächtnis angesprochen.
Die Forschung hat gezeigt, dass nur die individuelle Leistung im Arbeits-, nicht aber im Kurzzeitgedächtnis mit einer Vielzahl von psychologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten in Verbindung steht. Zum Beispiel zeigte sich, dass Menschen mit einer hohen Arbeitsgedächtnisleistung tendenziell ein besseres Sprach- (Just & Carpenter, 1992) und Leseverständnis (Daneman & Merikle, 1996) aufweisen, erfolgreicher in der Schule (Alloway, Gathercole, Willis & Adams, 2004) und sogar intelligenter (Conway, Kane & Engle, 2003) sind.
Ein Training zur Steigerung der Merkleistung im Arbeitsgedächtnis wäre extrem wünschenswert. Da unser Arbeitsgedächtnis eine so große Rolle bei anderen psychologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten spielt (Lesen, Intelligenz etc.), müsste solch ein Gedächtnistraining nicht nur die Merkfähigkeit allein, sondern indirekt auch solche Fähigkeiten verbessern, die mit dem Arbeitsgedächtnis in Zusammenhang stehen.
Vermeintliche Gedächtnistrainings gibt es unzählige auf dem Markt. Man kann sie in Strategie- und Prozesstrainings unterteilen. Strategietrainings vermitteln Techniken oder Methoden, die zunächst erlernt werden müssen und dann in einer Situation, in der wir uns etwas merken wollen, ganz bewusst angewendet werden. Prozesstrainings kommen ohne solche Techniken aus. Sie beruhen auf der wiederholten Durchführung einer oder mehrerer Gedächtnisaufgabe(n) mit der Idee, den Prozess dadurch so zu trainieren, dass er ganz von allein in allen relevanten Situationen besser funktioniert.

Strategietrainings

Viele Strategietrainings sind Eselsbrücken und beruhen auf der Bildung von Assoziationen der Gedächtnisinhalte zueinander oder zu bereits gelernten Inhalten. Ein Beispiel wäre, sich die Planetenreihenfolge von der Sonne aus mit dem Satz „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel.“ einzuprägen. Dabei wird jeder Planet mit dem Anfangsbuchstaben eines Wortes in dem Satz assoziiert (Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun).

Wie effektiv Strategien sein können, zeigen die Leistungen von GedächtniskünstlerInnen, die in der Lage sind, sich eine Fülle von Inhalten in kürzester Zeit zu merken. Bei der Gedächtnisweltmeisterschaft 2010 schaffte es Simon Reinhard, sich die Reihenfolge eines gemischten Kartenstapels mit 52 Blatt in nur 21,90 Sekunden zu merken! Dafür benutzte er eine Mischung aus verschiedenen Strategien.
Eine davon ist die Methode der Orte (siehe Abbildung 1). Dabei erlernt man zunächst eine feste Abfolge von Orten, wie beispielsweise die Landmarken auf dem Weg zur Arbeit oder die RäuAbbildung 1. Beispiel für die Methode der Orte mit sechs Ankerpunkten (zusammengestellt mit Clip Arts von openclipart.org. Alle Clip Arts CC, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/)me in einem Palast. Die Merkstrategie besteht nun darin, die Orte nacheinander abzugehen und je einen Ort mit einem zu memorierenden Gedächtnisinhalt zu verknüpfen. Dazu denkt man sich eine besonders außergewöhnliche, humorvolle, gut zu visualisierende und bewegte Geschichte aus, die Ort und Gedächtnisinhalt verbindet. Für den Abruf geht man die Orte nacheinander im Geist ab und decodiert die Geschichte. Hat man erst einmal die Abfolge der Orte erlernt, können sie nun als Anker für alles Mögliche zum Beispiel Telefonnummern, Einkaufs- oder To-do-Listen immer wieder benutzt, quasi neu „beschrieben“ werden. Bei den RednerInnen in der Antike soll diese Technik genutzt worden sein, um den Aufbau ihrer Reden auswendig zu lernen.

Dennoch ist der Nutzen solcher Strategietrainings für die generelle Steigerung des Gedächtnisses begrenzt (Turley-Ames & Whitfield, 2003). Bereits 1981 konnten Psychologen feststellen (Chase & Ericsson, 1981), dass Personen nach mehreren hundert Trainingsstunden ihre Merkfähigkeit für Zahlenreihen von anfänglich sieben auf bis zu 80 Zahlen mit Hilfe von verschiedenen Strategien ausweiten konnten. Sie erreichten nach dem Training allerdings nur durchschnittliche Ergebnisse, wenn sie sich Wörter merken sollten. Sie konnten also ihre Merkstrategien nicht für anderes Material nutzbar machen.

Prozessbasierte Trainings

Ein anderer Ansatz zur Steigerung der Leistungsfähigkeit unseres Gehirns sind die prozessbasierten Trainings. Populäre Beispiele dafür sind Anwendungen in Spielekonsolen oder online verfügbare Angebote, die reißerische Namen tragen wie „Superhirn“ oder „Memory refresher“.

Adrian Owen von der Cambridge Universität in Großbritannien und seine KollegInnen haben mithilfe einer Fernsehsendung der BBC das Gehirnjoggingpotenzial solcher Aufgaben getestet (Owen et al., 2010). In der Sendung hatten die ForscherInnen zum Mitmachen aufgerufen. Über 11.000 Freiwillige waren bereit, über sechs Wochen hinweg mindestens dreimal pro Woche für 10 Minuten Aufgaben zu trainieren, die ihnen am Computer vorgegeben wurden. Die Trainingsaufgaben ähnelten denen kommerzieller Angebote, wie zum Beispiel „Dr. Kawashimas Gehirnjogging“ von Nintendo, die auftauchen, wenn man Stichworte wie Gehirnjogging oder Gedächtnistraining in seine Internetsuchmaschine eingibt. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmenden in den trainierten Aufgaben besser wurden, was als Übungseffekt bezeichnet wird. Hingegen wurde die Effizienz des Trainings anders beurteilt. Um eine umfassende Leistungssteigerung des Gehirns zu überprüfen, wurde vor und nach dem Training die Leistung in sogenannten Benchmark Tests erfasst (siehe Abbildung 3 für den typischen Aufbau einer Trainingsstudie). Die Tests beinhalteten Aufgaben, die zwar neu waren, den trainierten aber sehr ähnelten. Ein Anstieg in den Leistungen der Benchmark Tests von vor zu nach dem Training würde man auf die Wirkung des Trainings zurückführen und als Transfereffekt bezeichnen. Dieser konnte aber in der Studie von Owen und KollegInnen nicht festgestellt werden.
Unterhaltsame Merkaufgaben und Rätselspiele wie Sudoku und Kreuzworträtsel machen sicherlich Spaß. Je häufiger man sie bearbeitet, desto besser wird man. Das hat aber keinen Einfluss darauf, wie oft Sie Ihre Schlüssel oder die Namen der NachbarInnen vergessen.

Abbildung 3. Beispiel für den Aufbau einer Trainingsstudie

Dennoch gibt es Studien zu prozessbasierten Trainings, die einen Transfereffekt der trainierten Aufgabe(n) auf das Gedächtnis und assoziierte geistige Fähigkeiten zeigen. Eine mögliche Erklärung für diese Diskrepanz könnte die Art der Trainingsaufgaben sein, die im Fall der Studie von Owen und KollegInnen wenig mit dem zu tun hatte, was PsychologInnen unter Arbeitsgedächtnis verstehen. Bestenfalls wurde dort in einigen Aufgaben das Speichern von Informationen, also das Kurzzeitgedächtnis trainiert.

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