Noch mehr als Intelligenz? Komplexes Problemlösen im alltäglichen Leben

Wird komplexes Problemlösen in klassischen Intelligenztests gemessen?

Abbildung 3. Figurale Matrizenaufgabe © Nicolas Becker

Abbildung 3 zeigt eine sogenannte figurale MatrizenaufgabeDerartige Aufgaben sind in vielen Intelligenztests enthalten und stellen ein prototypisches Aufgabenformat dar. Die oberen neun Felder beinhalten das eigentliche Problem. Die Symbole in den Feldern folgen bestimmten Regeln. In diesem Fall werden die Pfeile über die Zeilen hinweg jeweils um 90° gegen den Uhrzeigersinn gedreht und die Kreise in den ersten beiden Zellen einer Zeile addieren sich in der dritten Zelle der Zeile. Das letzte Feld der Zeile ist leergelassen. Die Testperson muss entscheiden, welche der Antwortoptionen (A-E) sinnvoll ergänzt, das heißt entsprechend der Regeln, die in der Matrix gelten. In diesem Fall wäre dies die Antwortoption A. Gemäß Dörner (1989) stellt diese Aufgabe kein komplexes Problem dar. Bei der Lösung der Aufgabe gibt es lediglich ein einziges Ziel, nämlich die korrekte Antwortoption zu finden. Das Ziel wird von vorneherein transparent dargestellt. Die Aufgabe verändert sich während der Bearbeitung nicht, das heißt sie ist statisch und besitzt keine Eigendynamik. Ebenfalls ist die Aufgabe nicht mit anderen Aufgaben vernetzt, da jede Aufgabe einzeln bearbeitet wird und das Ergebnis der Lösung einer Aufgabe irrelevant für die anderen Aufgaben des Tests ist. Diese Betrachtung gilt nicht nur für figurale Matrizenaufgaben, sondern kann auf alle Aufgabentypen, die in klassischen Intelligenztests enthalten sind, in gleicher Form angewendet werden. Komplexes Problemlösen ist daher ein Aspekt, der in klassischen Intelligenztests nicht erfasst werden kann. Trotzdem zeigt sich, dass die Ergebnisse klassischer Intelligenztests für entscheidende Lebensbereiche (z. B. Gesundheit, Bildung, Berufserfolg) von hoher Bedeutung sind. Die Fähigkeiten, die in klassischen Intelligenztests erfasst werden, sind damit wichtig für den Erfolg im alltäglichen Leben, obwohl sich die Aufgaben, die darin gestellt werden, von den Anforderungen, die sich im alltäglichen Leben stellen, unterscheiden. Es stellt sich nun die Frage, welche Zusammenhänge zwischen komplexem Problemlösen und Intelligenz bestehen, das heißt ob komplexes Problemlöseszenarien das gleiche oder etwas anderes erfassen als Intelligenztests.

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen komplexem Problemlösen und Intelligenz?

Problemlösen ist Teil beinahe jeder Definition von Intelligenz (Sternberg, 1995) und so kann es nicht überraschen, dass der Zusammenhang zwischen Intelligenz und komplexem Problemlösen intensiv diskutiert und beforscht worden ist. Zwischen den eigentlichen Aufgabentypen besteht dem Prinzip nach ein deutlicher Unterschied. Dennoch wurden in der Regel mittlere bis starke Zusammenhänge zwischen dem Lösen komplexer Probleme und den Leistungen in Intelligenztests gefunden (Greiff et al., 2013; Wüstenberg, Greiff & Funke, 2012). Allgemeine Intelligenz scheint also, wie zu erwarten, eine bedeutende Rolle bei der Lösung komplexer Probleme zu spielen. Jedoch ist ein wichtiger Aspekt komplexen Problemlösens in klassischen Intelligenztests nicht enthalten, da dynamische Wechselwirkungen und der Erwerb zu Beginn nicht vorhandener Informationen nicht relevant sind (Raven, 2000). In der Forschung zu geistigen Fähigkeiten wird daher weiterhin zwischen Intelligenztests und komplexen Problemlöseaufgaben unterschieden. Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob komplexes Problemlösen einen Mehrwert gegenüber Intelligenz bei der Erklärung von Erfolg im alltäglichen Leben besitzt.

Besitzt komplexes Problemlösen einen Mehrwert gegenüber Intelligenz?

Der Mehrwert einer Erfassung komplexen Problemlösens zusätzlich zur Intelligenz wurde in verschiedenen Studien untersucht. Geprüft wurde dabei, ob Erfolg in verschiedenen Bereichen des alltäglichen Lebens besser erklärt bzw. vorhergesagt werden kann, wenn komplexes Problemlösen zusätzlich zur Intelligenz betrachtet wird. Obwohl Intelligenz bereits eine relativ gute Vorhersage erlaubt, konnte beispielsweise in Bezug auf Schulleistungen in mehreren Fächern (z. B. Wüstenberg et al., 2012), Indikatoren des Berufserfolgs wie Vorgesetztenurteilen (Danner et al., 2011) oder dem Abschneiden in einem berufsrelevanten Planspiel (Wagener, 2001), eine zusätzliche Bedeutung von komplexem Problemlösen nachgewiesen werden. Komplexes Problemlösen blieb auch bei gleichzeitiger Betrachtung von Intelligenz ein relevanter Prädiktor dieser unterschiedlichen Erfolgskriterien. Dieser inkrementelle Wert komplexen Problemlösens über Intelligenz hinaus variierte dabei je nach Studie und Erfolgskriterium, lag aber in der Regel zwischen 2 % und 10 %. In diesen Ergebnissen zeigt sich der theoretische und praktische Nutzen komplexer Problemlöseszenarien. Sie messen Aspekte geistiger Leistungen, die in den Ergebnissen klassischer Intelligenztests nicht enthalten sind. Beispielsweise lässt sich so auf theoretischer Ebene besser verstehen, welche kognitiven Voraussetzungen gute Leistungen in der Schule bedingen, was in der Folge auch gezielteren und individuelleren Unterricht ermöglicht.

Bei der Untersuchung und Vorhersage von Erfolg im alltäglichen Leben besitzt komplexes Problemlösen damit einen Mehrwert über Intelligenz hinaus. Allerdings ist die Forschung an komplexem Problemlösen noch weit davon entfernt, ein annähernd großes Spektrum an gesicherten Befunden vorweisen zu können, wie es sie für die Intelligenz gibt. Gerade was weniger akademische Aspekte des Lebens wie Beziehungs- oder Gesundheitsverhalten angeht, scheint es plausibel einen Mehrwert komplexen Problemlösens anzunehmen, entsprechende Studien stehen aber noch aus.

Fazit

Komplexes Problemlösen und Intelligenz sind Verwandte ersten oder zweiten Grades, aber keine eineiigen Zwillinge. Beide beziehen sich auf geistige Leistungen, jedoch wird in komplexen Problemlöseszenarien der Umgang mit Problemen erfasst, die sich durch Polytelie (d. h. dem Vorhandensein mehrerer, möglicherweise konfligierender Ziele), Vernetztheit, Intransparenz und Eigendynamik auszeichnen. In Intelligenztests werden weniger komplexe Probleme vorgegeben, die diese Eigenschaften nicht aufweisen, dennoch aber sehr schwer sein können. Aufgrund der inhaltlichen Ähnlichkeit von komplexem Problemlösen und Intelligenz weisen komplexe Problemlöseszenarien und Intelligenztests mittlere bis starke Zusammenhänge auf. Dennoch hat komplexes Problemlösen einen Mehrwert gegenüber dem bereits hohen Erklärungswert, den Intelligenz in Bezug auf den Erfolg im alltäglichen Leben liefert. Hierin besteht der praktische Nutzen von komplexem Problemlösen. Durch komplexe Problemlöseszenarien können geistige Leistungen erfasst werden, die über reine Testintelligenz hinausgehen (Wüstenberg, Stadler, Hautamäki & Greiff, 2014). Weiterhin haben komplexe Problemlöseszenarien einen klareren Bezug zu Problemen, die einem auch im alltäglichen Leben begegnen. Testsituationen können damit alltagsnäher gestaltet werden, was die Motivation der Testpersonen bei der Bearbeitung steigern kann. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass komplexes Problemlösen eine wichtige Ergänzung zur Intelligenz darstellt, die bei der Messung geistiger Leistungen berücksichtigt werden sollte.

 

Literaturverzeichnis

Brehmer, B. & Dörner, D. (1993). Experiments with computer-simulated microworlds: Escaping both the narrow straits of the laboratory and the deep blue sea of the field study. Computers in Human Behavior, 9, 171-184.

Danner, D., Hagemann, D., Holt, D. V., Hager, M., Schankin, A., Wüstenberg, S. & Funke, J. (2011). Measuring performance in a complex problem solving task: Reliability and validity of the Tailorshop simulation. Journal of Individual Differences, 32, 225-233.

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