Prokrastination: Morgen, morgen, nur nicht heute! Sagen alle faulen Leute.

Andere Autoren unterscheiden zwischen Verhaltensprokrastination (die Erregungs- und Vermeidungsprokrastination einschließt) und Entscheidungsprokrastination (vgl. Steel, 2010). Darüber hinaus kann Prokrastination auch als die messbare Diskrepanz zwischen der Intention der Person und ihrem tatsächlichen Verhalten bestimmt werden (Blunt & Pychyl, 1998). Den oben genannten Prokrastinationsarten können entsprechende Messinstrumente, mit denen Personen in der Regel ihr eigenes Verhalten einschätzen, zugeordnet werden. Ein bekanntes Messinstrument, mit dem Prokrastination als Persönlichkeitseigenschaft gemessen wird, wurde von Aitken im Jahr 1982 entwickelt (zitiert nach Ferrari, Johnson & McCown, 1995). Das Aitken Procrastination Inventory (API) erfasst die allgemeine Tendenz einer Person, in typischer Art und Weise auf unterschiedliche Situationen im akademischen Kontext zu reagieren. Bei Sichtung der empirischen Studien wird schnell deutlich, dass sich der größte Teil der Forschung auf die akademische Prokrastination (trait) im Sinne eines Persönlichkeitsmerkmals konzentriert, und hier vor allem die Vermeidungsprokrastination in den Blick nimmt. Für diesen Bereich sind auch die meisten Messinstrumente entwickelt worden.

Bedeutsame Personen- und Aufgabenmerkmale, die eng mit Prokrastination zusammenhängen

In vielen Studien konnten enge Zusammenhänge zwischen Prokrastination und verschiedenen Personen- und Aufgabenmerkmalen belegt werden. Eine umfassende Übersicht liefern die beiden Metaanalysen von van Eerde (2003) und Steel (2007). Insgesamt betrachtet ist die Anzahl der Personenmerkmale deutlich höher als die Anzahl der relevanten Aufgabenmerkmale. So tritt akademische Prokrastination häufig gemeinsam mit eher gering ausgeprägten Merkmalen wie Gewissenhaftigkeit, Selbstwirksamkeit, Selbstwertgefühl und selbstreguliertem Lernen auf und mit hoch ausgeprägter Prüfungsangst und Impulsivität. Neben den genannten Personenmerkmalen korrelieren aber auch langweilige, schwere und aversiv erlebte Aufgaben mit dem Aufschiebeverhalten der Person (vgl. Rustemeyer & Rausch, 2007; Steel, 2007; Wolters, 2003). Ob die einzelnen Merkmale Ursachen, Folge- bzw. Begleiterscheinungen des Aufschiebeverhaltens sind, lässt sich jedoch oftmals nicht eindeutig entscheiden, da es sich überwiegend um korrelative Zusammenhänge handelt, die keine Schlussfolgerungen über einen Ursache-Wirkungszusammenhang zulassen. 

Theoretische Überlegungen und Erklärungsansätze zum Aufschiebeverhalten

Eine Sichtung der theoretischen Ansätze zur Prokrastination zeigt, dass sich mit zunehmender Forschungsaktivität das Spektrum der Erklärungen kontinuierlich erweitert hat. Wird aufschiebendes Verhalten als Ergebnis von Persönlichkeitseigenschaften gesehen, liegt es nahe, auf ein etabliertes Persönlichkeitsmodell zurückzugreifen, wie das Big-Five-Modell. Hier wird Prokrastination in einen engen Zusammenhang mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen gebracht wie z.B. geringe Gewissenhaftigkeit, hohe Impulsivität, geringe Selbstkontrolle (vgl. Steel, 2007). Jedoch ist die Absicht, ein typisches Persönlichkeitsprofil eines Aufschiebers zu erstellen, anhand dessen Verhaltensprognosen für das einzelne Individuum gemacht werden können, grundsätzlich problematisch. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es den typischen Aufschieber nicht gibt, sondern verschiedene Prokrastinationstypen denkbar sind und in der Realität auftreten. Auch können die eigentlichen Ursachen des Aufschiebens (warum hat jemand z. B. eine gering ausgeprägte Gewissenhaftigkeit und wie beeinflusst sie das individuelle Verhalten) damit nicht ermittelt werden. Dazu bedarf es anderer Erklärungsansätze, z.B. aus dem Bereich der Motivations- und Volitionspsychologie.

Zu den motivationspsychologischen Modellen zählt das „Erwartung-mal-Wert-Modell“. Eccles (vgl. Eccles & Wigfield, 2002) konzipierte 1983 ihr Modell ursprünglich zur Vorhersage von Leistungshandeln, es kann aber gut auf Prokrastination angewendet werden (siehe auch das Modell der Nützlichkeitserwägung von Steel, 2007). Diese Modelle gehen davon aus, dass akademisches Aufschiebeverhalten in engem Zusammenhang mit leistungsmotiviertem Handeln steht. Je niedriger die Erwartungs- und Wertvariable einer Person ausgeprägt sind, desto stärker sollte sie zögern und aufschieben. In dem Modell von Eccles und Wigfield zählen zu den Erwartungsvariablen das Fähigkeitsselbstkonzept und die Erfolgserwartung. Die Fähigkeit, Prüfungen, Klausuren etc. nach einem strukturierten Zeitplan vorbereiten zu können, hängt eng mit der Erfolgserwartung der Person zusammen. Kurz gesagt, eine gute Organisation und ein strukturiertes Zeitmanagement sollten mit einer hohen Erwartung und folglich einer geringen Ausprägung der Prokrastination einhergehen (Rustemeyer & Rausch, 2007; Rustemeyer & Callies, 2013). Neben der Erwartung spielt der Wert (Freude, Spaß, Nützlichkeit), der einer Aufgabe oder Tätigkeit zugeschrieben wird, eine wichtige Rolle. Je weniger Wert eine Aufgabe in den Augen der Person hat, wenn also die Aufgabe langweilig, uninteressant, zu schwer oder angsterzeugend ist, desto schwieriger wird es, damit überhaupt zu beginnen und sie erfolgreich zu beenden. Untersuchungen zeigen (Callies, 2012; Rustemeyer & Rausch, 2007; Steel, 2007, 2011), dass Erwartungs- und Wertvariablen im signifikanten Zusammenhang mit Prokrastination stehen.

Weiter sehen viele Forscherinnen und Forscher die Ursache für aufschiebendes Verhalten in einem Defizit der Handlungs- bzw. Selbstregulation (u.a. Blunt & Pychyl, 2005; Ferrari, 2001; Schulz, 2007; Wolters, 2003). Beim Handlungsphasenmodell von Heinz Heckhausen, auf das sich viele Studien beziehen, wird davon ausgegangen, dass prinzipiell in jeder der insgesamt vier Handlungsphasen (Abwägen, Planen, Handeln und Bewerten) Aufschiebeverhalten zum Ausdruck kommen kann, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Es überwiegt die Ansicht, dass vorrangig Defizite in den beiden volitionalen Phasen, also der bewussten Planungs- und Handlungsphase für das Aufschieben verantwortlich sind. Selbst wenn die Handlungsinitiierung noch gelingt (z.B. Prüfungsvorbereitungen planen), kommt es oftmals nicht oder nur verzögert zur geplanten Handlungsausführung. So bietet das Konzept der Handlungs- und Lageorientierung von Kuhl einen Schlüssel zum Verständnis von Aufschiebern. Aufschieber sind häufig lageorientiert (Blunt & Pychyl, 2005). oto: B. RustemeyerIhnen fehlen im Gegensatz zu handlungsorientierten Personen weitgehend Kontrollstrategien, mit denen sie ihre gefassten Handlungsintentionen gegen konkurrierende, aktuell attraktivere Motivationstendenzen abschirmen können. Sie lassen sich leicht ablenken, können schlecht Misserfolg verarbeiten und haben Schwierigkeiten, sich auf neue Aufgaben einzustellen.

Interventionsansätze

Die Interventionen zur Überwindung von Prokrastination konzentrieren sich überwiegend auf die Änderung des problematischen Verhaltens und die Veränderung unangemessener Kognitionen. Sie arbeiten überwiegend mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie, die davon ausgeht, dass problematisches Verhalten und irrationale Kognitionen ursprünglich erlernt wurden und somit auch wieder verlernt werden können. Die meisten Interventionen setzen unmittelbar am Problem des inadäquaten Zeitmanagements an. Es werden Verhaltensweisen vermittelt und eingeübt wie: Selbstbeobachtung und Protokollierung der tatsächlich benötigten Arbeitszeit, Prioritäten setzen, realistische Zielplanung und auch die Überprüfung und Änderung motivationshemmender Kognitionen wie z. B.: „Meine Arbeit muss immer perfekt sein“. Ein aktueller Ansatz arbeitet beispielsweise mit „Arbeitszeitrestriktion“ (Höcker, Engberding, Haferkamp & Rist, 2012), also der gezielten Begrenzung der täglichen Arbeitszeit. Dadurch wird die Motivation erhöht, in der verfügbaren, knappen Arbeitszeit tatsächlich nur zu arbeiten und keine Ablenkung zu suchen.
Unter den häufig gegebenen zeitlichen Beschränkungen sind diese Interventionen die beste Möglichkeit, schnelle, wenn auch manchmal nur kurzfristige Erfolge zu erzielen, die bei der Verminderung unerwünschten Verhaltens helfen können.

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