Ärger, Scham und Vertrauensverlust: Wie Bürgerinnen und Bürger auf politische Skandale reagieren und was sie fordern

Unehrliche PolitikerInnen, unglaubwürdige Geständnisse und intransparente Informationspolitik: Politische Skandale stehen im Verdacht, eine der Hauptursachen für das geringe Vertrauen in die Politik zu sein. Aber ist das auch wirklich Fall? Erste Studien versuchen nun, die Fragen zu beantworten, welche Konsequenzen es hat, wenn PolitikerInnen Normen brechen und wodurch verlorenes Vertrauen wieder hergestellt werden kann.

Das Nachrichtenmagazin Focus kürte das Jahr 2012 als „das Jahr politischer Skandale“ (Fietz, 2012). Bundespräsident Christian Wulff wurde der Vorteilsnahme verdächtigt, Kurt Beck, der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, musste Fehler bei der Finanzierung des Nürburgrings einräumen, Bundesbildungsministerin Annette Schavan wurde zur Last gelegt, dass ihre Doktorarbeit in Teilen ein Plagiat sei und der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück stand wegen seiner gut dotierten Vorträge am Pranger. Hinzu kommen weitere Skandale von Europa-, Bundes-, Landes- und KommunalpolitikerInnen, die in den Medien weniger große Wellen geschlagen haben. Das Beispiel des italienischen Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zeigt zudem, dass politische Skandale nicht nur ein deutsches Problem sind.

Wird über einen Normbruch öffentlich berichtet, sprechen wir von einem politischen Skandal. Bild: Engin_Akyurt via pixabay (https://pixabay.com/de/drücken-kamera-die-menge-journalist-2333329/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Wird über einen Normbruch öffentlich berichtet, sprechen wir von einem politischen Skandal. Bild: Engin_Akyurt via pixabay (https://pixabay.com/de/drücken-kamera-die-menge-journalist-2333329/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)In jedem dieser Fälle wurde einem Politiker oder einer Politikerin vorgeworfen, gegen Gesetze oder Normen verstoßen zu haben, die in unserer Gesellschaft als wichtig angesehen werden. Wird über einen solchen Normbruch öffentlich berichtet, so sprechen wir von einem politischen Skandal.

Solche „Fehltritte“ können in umterschiedlichen Gesellschaften verschieden bewertet werden. Dies wird deutlich, wenn man beispielsweise die öffentliche Kritik an Bill Clinton während der „Lewinsky-Affäre“ mit dem Umgang der italienischen Öffentlichkeit mit Silvio Berlusconis „Bunga-Bunga“ vergleicht. Ob ein Verhalten von BürgerInnen als Normverstoß wahrgenommen wird und wie schwerwiegend dieser bewertet wird, variiert also zwischen Gesellschaften.

Für die betroffenen PolitikerInnen haben Skandale in der Regel keine guten Folgen. Wer die erwähnten Skandalbeispiele verfolgt hat, der weiß, dass Christian Wulff und Annette Schavan ihre politischen Ämter aufgeben mussten. In zahlreichen weiteren Fällen ist der Zusammenhang zwischen Fehltritten in der Politik und dem Verlust an Reputation oder dem Ende einer Karriere dokumentiert (z. B. zu Präsident Nixon und der Watergate Affäre: Sniderman, Brody & Tetlock, 1991). Die Perspektive der BürgerInnen auf Skandale wurde bisher in der Skandalforschung allerdings häufig vernachlässigt.

Aus diesem Grund wird in neueren Studien versucht, die psychologischen Reaktionen auf politische Normbrüche auf Seiten der BürgerInnen nachzuzeichnen. Dabei stehen verschiedene Fragen im Fokus: Wie reagieren BürgerInnen auf Normbrüche durch PolitikerInnen? Inwiefern führen Normbrüche zu einem generellen Verlust an politischem Vertrauen? Wie kann ein/e PolitikerIn verlorenes Vertrauen zurückgewinnen?

Wie reagieren BürgerInnen auf Normbrüche durch PolitikerInnen?

Halmburger und Kollegen (2012) konfrontierten VersuchsteilnehmerInnen in einer experimentellen Studie mit dem Normbruch eines Landtagsabgeordneten. Ihm wurde vorgeworfen, Steuergelder für Privatflüge missbraucht zu haben. Es zeigte sich, dass die Befragten stark emotional auf den Skandalartikel reagierten. Sie berichteten sowohl Ärger und Empörung als auch Scham- oder Schuldgefühle.MedienrezipientInnen reagieren mit Ärger, Empörung und Scham auf politische Skandale. Bild: Tama66 via pixabay (https://pixabay.com/de/demonstration-hamburg-g20-menschen-2477988/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)MedienrezipientInnen reagieren mit Ärger, Empörung und Scham auf politische Skandale. Bild: Tama66 via pixabay (https://pixabay.com/de/demonstration-hamburg-g20-menschen-2477988/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Ärger und Empörung sind moralische Emotionen, die typischerweise dann auftreten, wenn Regeln (mutwillig) verletzt werden (Tangney, Stuewig & Mashek, 2007). Die Studienergebnisse von Halmburger und Kollegen (2012) bestätigten dies indem sie zeigten, dass Ärger und Empörung damit zusammenhingen, dass das Verhalten des Politikers als Verletzung gesellschaftlicher Werte verstanden wurde. Andere Studien weisen darauf hin, dass Personen sich vor allem dann über Normverletzungen ärgern, wenn sich jemand mutwillig über Regeln und Gesetze hinweggesetzt hat (z. B. Tyler, Boeckmann, Smith, & Huo, 1997). Während Ärger und Empörung auf den/die betroffene/n PolitikerIn gerichtet sind, beziehen sich Scham- und Schuldgefühle auf die eigene Person. Im Kontext politischer Skandale weisen Schamreaktionen darauf hin, dass PolitikerInnen als RepräsentantInnen der Gesellschaft fungieren. Ihr Verhalten verletzt somit nicht nur ihr eigenes Image, sondern auch das der Gesellschaft und somit indirekt auch das Ansehen des einzelnen Bürgers oder der einzelnen Bürgerin (Iyer, Schmader & Lickel, 2007). Aus diesem Grund werden Skandale besonders dann als gravierend erlebt, wenn die involvierte Person als wichtige RepräsentantIn der eigenen Kultur betrachtet wird (Jiang, Kou, Wang et al., 2011).

Die Reaktion auf einen politischen Skandal hängt jedoch von einer Reihe zusätzlicher Faktoren ab. Als Merkmal der Skandalträgerin oder des Skandalträgers ist beispielsweise die Parteizugehörigkeit von Bedeutung. Jonas, Graupmann, Fischer, Greitemeyer und Frey (2003) konnten zeigen, dass Personen sich dann weniger kritisch mit dem Normbruch eines Politikers auseinandersetzten, wenn dieser Mitglied der von ihnen präferierten Partei war. Außerdem werden Skandale je nach Art der verletzten Norm, unterschiedlich gravierend wahrgenommen. So rufen Finanzskandale im Allgemeinen stärkere negative Reaktionen hervor als Sexskandale (Carlson, Ganiel & Hyde, 2000; Funk, 1996). Auch Merkmale der RezipientInnen beeinflussen deren Reaktion auf einen politischen Skandal. Ein solches Merkmal stellt das allgemeine Vertrauen in die Politik dar. Personen ärgern sich besonders dann über Normbrüche, wenn sie ohnehin wenig Vertrauen in die Politik haben (Halmburger et al., 2012).

Inwiefern führen Normbrüche zu einem generellen Verlust an politischem Vertrauen?

Die bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten bestätigen also, dass MedienrezipientInnen mit Ärger, Empörung und Scham auf politische Skandale reagieren. Inwiefern haben Skandale aber auch einen Einfluss auf das Ansehen von PolitikerInnen im Allgemeinen und das Vertrauen in politische Parteien oder das politische System?

Maier (2011) untersuchte, ob es genau zu solchen Verallgemeinerungen kommt. Anlass der Studie war der politische Skandal um die damalige bayerische Bildungsministerin Monika Hohlmeier. Sie war 2004 in die bayerische Dossier-Affäre verwickelt, bei der ihr vorgeworfen wurde, innerparteiliche Wahlen manipuliert zu haben. Die Situation spitzte sich zu, als Monika Hohlmeier ParteikollegInnen mit der Veröffentlichung von Informationen aus einem geheimen Dossier drohte. In der Studie von Maier (2011) zeigte sich eine deutlich negativere Einstellung gegenüber Hohlmeier, nachdem die Befragten einen Artikel über den Skandal gelesen hatten. Interessanterweise wirkte sich diese Skandalmeldung jedoch nicht nur auf die Ministerin und ihre Partei, die CSU, aus. Auch die Einstellung gegenüber anderen, nicht in den Skandal involvierten Parteien verschlechterte sich durch den Skandalbericht. Auch weitere Befunde von Schwarz und Bless (1992) weisen darauf hin, dass alleine die Erinnerung an einen realen Skandal dazu führen kann, dass PolitikerInnen im Allgemeinen schlechter bewertet werden. Die Autoren begründen die Ergebnisse damit, dass Personen nicht ausreichend zwischen involvierten und nicht-involvieren PolitikerInnen unterscheiden. Ihnen zufolge werden alle PolitikerInnen einer gemeinsamen Kategorie zugeordnet, die dann schlechter beurteilt wird, wenn auch nur eine/r einen Fehltritt geleistet hat. Beide Ergebnisse legen somit nahe, dass ein Vertrauensverlust auch über die involvierten PolitikerInnen hinaus stattfinden kann.

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