Some things never change!? Zum Einfluss impliziter Intelligenztheorien auf unser Erleben und Verhalten in Lern- und Leistungssituationen

Lernen beinhaltet ständig Herausforderungen, weil man in der Regel nicht allen Anforderungen auf Anhieb gewachsen ist. Die Mathematikaufgaben sind zum Verzweifeln, statt der Physikformeln versteht man nur Bahnhof und die Französischvokabeln wollen einfach nicht in den Kopf. Sicher kennen Sie derartige Schwierigkeiten und vermutlich haben Sie auch schon beobachtet, dass sich Personen im Umgang mit solchen Problemen unterscheiden. Während das Auftreten von Widerständen manchen Frust bereitet, bekommen andere besonders Lust, die Hürde zu überwinden. Während diese ihre Bemühungen als sinnlos erachten, verstärken jene ihre Anstrengungen erst recht. Während die einen schließlich die Segel streichen, meistern die anderen die Aufgabe letztlich oft erfolgreich. Wie lassen sich solch gegensätzliche Reaktionen erklären?

Der Volksmund behauptet: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ und suggeriert damit, dass Fähigkeiten schon in jungen Jahren auf Dauer festgelegt würden. Andererseits heißt es sprichwörtlich auch: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!“, was der Übung eine hohe Bedeutung für den Kompetenzerwerb beimisst und die Veränderbarkeit eigener Fähigkeiten unter Aufbringung von Anstrengung unterstellt. Was glauben Sie, welche dieser gegensätzlichen Weisheiten eher zutrifft?

Diese Frage ist spannend, weil eine Fülle psychologischer Studien zeigt, dass unsere subjektiven Überzeugungen darüber, ob intellektuelle Fähigkeiten stabil oder veränderbar sind, in vielfältiger Weise Einfluss auf unser Erleben und Verhalten in Lern- und Leistungssituationen nehmen. In der Psychologie werden diese Überzeugungen als implizite Intelligenztheorien bezeichnet. Doch was genau ist damit gemeint?

Wir alle versuchen, das Geschehen in der Welt um uns herum zu verstehen, um es berechenbar zu machen. Bild: geralt via pixabay (https://pixabay.com/de/geometrie-mathematik-würfel-1023846/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Wir alle versuchen, das Geschehen in der Welt um uns herum zu verstehen, um es berechenbar zu machen. Bild: geralt via pixabay (https://pixabay.com/de/geometrie-mathematik-würfel-1023846/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Definition: Was versteht man unter impliziten Intelligenztheorien?

Wir alle versuchen, das Geschehen in der Welt um uns herum zu verstehen, um es berechenbar zu machen. Dabei helfen uns beispielsweise Annahmen darüber, wie beständig oder wandelbar menschliche Eigenschaften sind. Jeder von uns hält eine Vielzahl solcher sogenannten impliziten Theorien. Der Begriff bringt zum Ausdruck, dass wir unsere subjektiven Überzeugungen in der Regel weder bewusst bilden noch reflektiert nutzen (deshalb implizit) und dass wir diese Annahmen gleichwohl zur Erklärung und Vorhersage unserer Umwelt heranziehen (wie Wissenschaftler Theorien). Implizite Theorien können sich auf unterschiedliche menschliche Eigenschaften, wie etwa Intelligenz oder Persönlichkeit, beziehen. Für das Erleben und Verhalten in Lern- und Leistungssituation haben sich insbesondere implizite Theorien über die Veränderbarkeit intellektueller Fähigkeiten als bedeutsam erwiesen (siehe zusammenfassend Dweck, 1999, 2006), weshalb diese im Folgenden genauer betrachtet werden.

Personen unterscheiden sich in ihren impliziten Intelligenztheorien: Manche haben eine Stabilitätstheorie, andere eine Veränderbarkeitstheorie (Dweck & Leggett, 1988). Personen, die eher zu einer Stabilitätstheorie tendieren, begreifen intellektuelle Fähigkeiten als feststehende Eigenschaften – sie glauben, Intelligenz sei in Stein gemeißelt und man müsse eben mit dem Ausmaß intellektueller Begabung auskommen, das man in die Wiege gelegt bekommen habe. Demgegenüber verstehen Personen, die eher zu einer Veränderbarkeitstheorie neigen, Intelligenz als wandelbare Eigenschaft – sie meinen, intellektuelle Fähigkeiten seien nicht festgelegt, sondern potenziell steigerbar. PsychologInnen erfassen implizite Intelligenztheorien mit Fragen wie sie in Abbildung 1 dargestellt sind. Wie würden Sie antworten?

. Fragen zur Erfassung impliziter Intelligenztheorien (Spinath & Schöne, 2003): Je weiter links (bzw. rechts) Sie ankreuzen, desto eher tendieren Sie zu einer Stabilitätstheorie (bzw. Veränderbarkeitstheorie) der Intelligenz.

Es ist wichtig klarzustellen, dass Unterschiede in impliziten Intelligenztheorien weitestgehend unabhängig von Unterschieden in intellektuellen Fähigkeiten bestehen. So fand sich beispielsweise in einer Untersuchung mit annähernd 600 Erwachsenen zwischen 18 und 70 Jahren nur ein geringer Zusammenhang zwischen deren impliziten Intelligenztheorien und der anhand von Tests gemessenen Intelligenz der TeilnehmerInnen (Spinath, Spinath, Riemann & Angleitner, 2003). Es kann deshalb angenommen werden, dass der Glaube an die Stabilität oder die Veränderbarkeit intellektueller Fähigkeiten einen eigenständigen – das heißt nicht durch Unterschiede im tatsächlichen Leistungsvermögen zu erklärenden – Effekt auf die Motivation und Leistung Lernender hat. Aber warum sollten implizite Intelligenztheorien überhaupt das Erleben und Verhalten in Lern- und Leistungssituationen beeinflussen?

Theorie: Warum sollten implizite Intelligenztheorien Erleben und Verhalten beeinflussen?

Die amerikanische Psychologin Carol Dweck (1986; Dweck & Leggett, 1988) schlug als erste vor, dass implizite Intelligenztheorien die Motivation und Leistung von Personen maßgeblich bestimmen. Wie motiviert und erfolgreich wir lernen, hänge nicht ausschließlich davon ab, ob wir mehr oder weniger intelligent sind, noch zähle allein, ob die Lernumgebung mehr oder weniger anregende Bedingungen bietet, ausschlaggebend seien vielmehr insbesondere unsere subjektiven Überzeugungen darüber, ob intellektuelle Fähigkeiten stabil oder veränderbar sind. Dweck spricht von einer sozial-kognitiven Theorie der Motivation, worin zum Ausdruck kommt, dass ihrer Ansicht nach ausschlaggebend ist, was im Kopf passiert (deshalb kognitiv) und dass sie annimmt, dass wir die dabei entscheidenden impliziten Intelligenztheorien in der Auseinandersetzung mit unserer Umwelt erwerben (deshalb sozial). Dwecks Theorie zufolge dienen uns unsere subjektiven Überzeugungen als Bedeutungssystem vor dessen Hintergrund wir Informationen interpretieren, wodurch es unsere Wahrnehmung, unser Denken und Handeln bestimmt. Was damit gemeint ist, lässt sich am eindrücklichsten anhand eines kontrastierenden Beispiels veranschaulichen.


Stellen Sie sich einen Schüler mit einer Stabilitätstheorie vor, der bei der Bearbeitung von Aufgaben im Mathematikunterricht Schwierigkeiten hat und Fehler macht. Als Konsequenz daraus, dass der Schüler nicht an die Veränderbarkeit seiner Fähigkeiten glaubt, wird er primär das Ziel verfolgen, einen positiven Eindruck seiner Kompetenzen zu erwecken und einen negativen Eindruck zu vermeiden. Es ist daher anzunehmen, dass er den Misserfolg als Bedrohung seines Selbstwerts erlebt, denn die Lehrerin und MitschülerInnen – so die Logik des Schülers – könnten seine Schwierigkeiten als Beleg mangelnder Fähigkeiten sehen und er muss befürchten für „dumm“ gehalten zu werden. Dieser Schüler wird keine weiteren Fehler riskieren wollen und sich entweder ganz von der Aufgabe abwenden oder seine Bemühungen zumindest deutlich verringern, um im Falle fortgesetzten Scheiterns mangelnde Anstrengung statt fehlender Begabung als Ursache geltend machen zu können.