Der CSI-Effekt: Wie Krimiserien unser Verhalten beeinflussen

Wie steht es nun aber um den Effekt auf potenzielle Kriminelle? Anders als die Effekte zuvor hat dieser auch für Deutschland hohe Relevanz. Umso überraschender ist, dass es dazu bisher noch kStudienteilnehmerin bei der Reinigung eines Tatorts, Bild von A. Baranowskieine Befunde gibt. Daher gingen wir in einer Serie von Studien (Baranowski, Czernik & Hecht, 2014) dieser Frage nach. Dazu mussten unsere StudienteilnehmerInnen unter anderem einen Laptop „stehlen“ und einen gestellten Mordschauplatz reinigen. Hierbei wurden Verhaltensbeobachtungen durchgeführt und anhand eines dafür erstellten Bewertungssystems beurteilt. Dafür orientierten wir uns an der aktuellen kriminalistischen Literatur. Geachtet haben wir dabei zum Beispiel darauf, ob Versuchspersonen Finger- oder Fußabdrücke am Tatort zurückließen oder ob sie sich dabei von einer Überwachungskamera filmen ließen. Wir haben also gemessen, wie geschickt sich die CSI-KonsumentInnen im Vergleich zu den Nicht-KonsumentInnen anstellten. Dabei fanden wir keinerlei Gruppenunterschiede! Auch in einem forensischen Wissenstest schnitten Fans kriminalistischer Serien nicht besser ab.

Der einzige Effekt, der bisher tatsächlich belegt werden konnte, ist der Werbeeffekt. CSI und ähnliche Serien stellen den Beruf der Forensikerin und des Forensikers als attraktiv und abwechslungsreich dar. Unterfinanzierung und stundenlange akribische Arbeit im Labor werden dagegen selten gezeigt. Dies führte zu einem wahren Ansturm auf forensische Studiengänge (Keuneke, Graß & Ritz-Timme, 2010), was von ExpertInnen mit Skepsis beobachtet wird. Es bringt den Universitäten zwar motivierte und gut ausgebildete Bewerber, es entsteht aber ein Überangebot an forensischen Wissenschaftlern mit eingeschränkten Berufsperspektiven.

Fazit

Die vorgelegten Studien zeigen deutlich, dass es einen einfachen CSI-Effekt, wie von den Medien postuliert, nicht gibt. Medienkonsum ist ein komplexer kognitiver Prozess. Das Bild, dass allein der Inhalt der Medien für die Reaktion der Konsumentin und des Konsumenten verantwortlich ist, gilt in der Psychologie daher schon länger als überholt (Bonfadelli & Friemel, 2011). Aber wie kommen dann Berichte über falsch informierte Zeugen und zu gut informierte Kriminelle zustande?

Eine Erklärung liefert der bereits angesprochene Technologie-Effekt. Unsere Gesellschaft entwickelt sich technisch weiter und das bekommt auch die allgemeine Bevölkerung mit. Wusste vor 50 Jahren noch praktisch niemand, was DNA ist, ist es heute Teil der Allgemeinbildung. Allerdings braucht es ExpertInnenwissen, um die genauen Mechanismen eines DNA-Tests zu verstehen, daher wirken Geschworene vielleicht manchmal fehlinformiert. Nichtsdestotrotz werden sie von den meisten Verfahren in einem Gerichtsprozess schon einmal etwas gehört haben, ob CSI-Fan oder nicht. Zudem bietet der CSI-Effekt gerade für Staatsanwältinnen und Staatsanwälte, die einen Fall verlieren, eine willkommene Erklärung.Red Queen von John Tenniel, via wikimedia commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tenniel_red_queen_with_alice.jpg?uselang=de (Lizenz: https://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0/deed.de)

Für Kriminelle reicht es dagegen zu wissen, dass sie keine DNA am Tatort zurücklassen sollten, ohne genau zu verstehen, wieso. Daher befindet sich die Polizei in einem ständigen Wettrüsten mit Verbrechern. Sobald ein Verfahren eine gewisse Bekanntheit erreicht hat, geht es in die Allgemeinbildung ein und verliert für die Ermittler an Effizienz. Diese aus der Evolutionspsychologie entlehnte Theorie nennt sich Red-Queen-Hypothese, nach Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln. Die darin auftretende Rote Königin erklärt Alice: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Während dies für einige Formen des Verbrechens stimmen mag, zeigt die Statistik des Bundeskriminalamts in Wiesbaden, dass die Polizei in Deutschland zumindest bei Kapitalverbrechen die Oberhand zu gewinnen scheint. Wurden 1990 noch 90 % aller Morde in Deutschland aufgeklärt, stieg die Zahl im Laufe der Jahre ständig auf 96 % in 2012 an. Dies spricht dafür, dass forensische WissenschaftlerInnen in diesen Bereichen schneller neue Verfahren entwickeln oder verbessern, als Verbrecher Gegenmaßnahmen dafür zur Verfügung haben. In anderen Bereichen, wie dem Diebstahl, hält sich die Aufklärungsrate dagegen seit 1990 konstant auf etwa 30 %.

An dieser Stelle ist es jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass es sich bei solchen Statistiken um Hellfelddaten handelt. Das heißt, es werden nur Straftaten erfasst, die auch tatsächlich entdeckt und zur Anzeige gebracht werden. Verbrecher, die sich so intelligent verhalten, dass ihr Vergehen als solches gar nicht erst entdeckt wird, würden nie in dieser Statistik auftauchen. Eine interessante Diskussion zu diesem Thema findet man auf der Webseite des Bundeskriminalamts (BKA, 2014).

Eine interessante Weiterführung des CSI-Effekts lieferten Cole und Dioso-Villa (2009). Sie führten den etwas ironisch benannten „CSI-Effekt-Effekt“ ein. Dies beschreibt die Auswirkungen der unermüdlichen Berichterstattung über den CSI-Effekt, die dazu führt, dass Staatsanwälte und Polizisten tatsächlich ihr Verhalten ändern, um dem CSI-Effekt entgegenzuwirken. Hier zeigt sich, wie ein von den Medien vermuteter Effekt dazu führt, dass sich reales Verhalten verändert und erst dadurch eine Variante des Effekts eintritt.

Literaturverzeichnis

Bandura, A. (1965). Influence of models reinforcement contingencies on the acquisition of imitative response. Journal of Personality and Social Psychology, 1, 589-595.

Baranowski, A. M., Czernik, E. & Hecht, H. (2014). CSI – Crime Scene Instructions? Poster auf der 56. Tagung experimentell arbeitenden Psychologen 2014 in Gießen.

Bundeskriminalamt. (2014). Dunkelfeldforschung. Online im Internet: http://www.bka.de/DE/ThemenABisZ/Forschung/Dunkelfeldforschung/dunkelfel... (Stand 29.05.2014)

Bundeskriminalamt (2014). PKS 2012: Zeitreihen - Fälle - Tabelle 01. Grundtabelle 1987-2012. Online in Internet: https://www.bka.de/nn_196810/sid_7C215340EE38C0FE0DC261CB8DC4E7A9/Shared... (Stand 29.05.2014)

Bonfadelli, H. & Friemel, T. N. (2011). Medienwirkungsforschung: Grundlagen und theoretische Perspektiven (4. Aufl.). Stuttgart: UTB Verlag.

Cole, S. A. & Dioso-Villa, R. (2009). Investigating the 'CSI effect' effect: media and litigation crisis in criminal law. Stanford Law Review, 61, 1335-1374.

Cole, S. A. & Dioso-Villa, R. (2011). Should judges worry about the “CSI Effect”? Court Review, 47, 20-31.

Keuneke, S., Graß, H. & Ritz-Timme, S. (2010). " CSI-Effekt" in der deutschen Rechtsmedizin: Einflüsse des Fernsehens auf die berufliche Orientierung Jugendlicher. Rechtsmedizin, 20, 400-407.

Maricopa County (June 30, 2005). The CSI effect and its real-life impact on justice; A study by the Maricopa County Attorney’s Office.

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Wolffram, H. (2013, December 16). TV shows having an influence on juries. Stuff.co.nz. Retrieved from http://www.stuff.co.nz/national/crime/9520714/TV-shows-having-an-influen....

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