Wer bin ich? Wie sich Facebook und Co. auf unsere Selbstwahrnehmung auswirken

Aber welche Funktion haben solche Identitätsexperimente? In einer Studie mit über 600 SchülerInnen und StudentInnen im Alter von 9 bis 18 Jahren (Valkenburg et al., 2005), wurden die Kinder und Jugendlichen gefragt, ob sie im Internet jemals vorgegeben hatten, jemand anders zu sein. Darauf antworteten 72 % der Neun- bis Zwölfjährigen mit „Ja“. Bei den 13- bis 14-Jährigen waren es nur noch 53 %, was bei den 15- bis 18-Jährigen weiter auf 28 % zurückging. Dass vor allem die jüngeren StudienteilnehmerInnen im Internet mit ihrer Identität experimentierten, deckt sich mit Befunden aus der Entwicklungspsychologie (Brinthaupt & Lipka, 2002). Menschen bilden während der Pubertät ihre Identität aus, und ein Teil der Selbst- und Identitätsfindung ist das Ausprobieren. Dies gaben auch die TeilnehmerInnen der Studie an. Wurden sie nach dem Grund ihrer Identitätsexperimente gefragt, gaben die ProbandInnen an, dass sie herausfinden wollten, wie es sich anfühlt, jemand anderes zu sein. Es interessiere sie, wie andere auf ihre neue Identität reagieren würden.

Die aufgeführten Beispiele zeigen, dass Menschen online mit ihrer Identität spielen. Vor allem für Jugendliche ist das Web eine Möglichkeit sich auszuprobieren. Allerdings sind Menschen bei alledem relativ ehrlich. Die meisten sind auch in der online Welt mit vielen Bekannten der offline-Welt vernetzt; schummeln sie zu stark, wird das schnell erkannt (Back et al., 2010).

Selbstkonzept und soziale Netzwerke

Soziale Netzwerkseiten bieten die ideale Möglichkeit zum sozialen Vergleich, um Informationen über sich selbst zu bekommen und mit verschiedenen Aspekten der eigenen Identität zu spielen. Wie wollen die anderen mich sehen? Bekomme ich mehr „Likes“, wenn ich ein Bild von mir poste, das mich mit meinen FreundInnen bei einer wilden Partynacht zeigt oder aber für ein Bild, das mich verträumt am Ufer eines Sees mit der Gitarre in der Hand zeigt? Einer kanadischen Studie mit 203 StudentInnen zufolge nutzen Jugendliche das Internet allgemein und soziale Netzwerkseiten im Speziellen ganz bewusst dafür, Informationen über sich selbst zu bekommen (Matsuba, 2006). Dabei gaben vor allem Jugendliche mit geringer Selbstkonzeptklarheit an, das Internet nicht vorrangig als Kommunikations- und Unterhaltungsmedium zu nutzen, sondern vor allem um sich selbst besser kennen zu lernen. Unter Selbstkonzeptklarheit versteht man das Ausmaß, in dem eine Person sich ihrer Fähigkeiten, Vorlieben und typischen Verhaltensweisen bewusst ist. Eine Person mit hoher Selbstkonzeptklarheit weiß, wer sie ist, was sie kann und wie sie nach außen wirkt.

Eine Forschergruppe aus Tel Aviv konntBild: Constanze Schreinere zeigen, dass Jugendliche mit geringer Selbstkonzeptklarheit mehr Zeit auf sozialen Netzwerkseiten verbringen (Israelashvili, Kim & Bukobza, 2012). Ein Grund hierfür ist, dass sie auf sozialen Netzwerkseiten positiv von anderen wahrgenommen werden und selbstwertdienliches Feedback erhalten. Allerdings hat dies keinen messbaren positiven Einfluss auf die Selbstkonzeptklarheit (Valkenburg & Peter, 2008). Dafür profitieren die Jugendlichen auf andere Art: Wenn Jugendliche online mit ihrer Identität experimentieren, kommunizieren sie häufiger mit Leuten unterschiedlichen Alters und verschiedener kultureller Hintergründe. Dies wirkt sich positiv auf ihre sozialen Kompetenzen aus. Auch einsame Jugendlichen profitieren von der verstärkten Nutzung sozialer Netzwerke und verbessern dadurch ihre Sozialkompetenz, wovon sie auch im offline-Leben profitieren. Wichtig ist hierbei, wie Menschen soziale Netzwerke nutzen. Sind sie vermehrt passive KonsumentInnen, die nur Profile und Beiträge anderer NutzerInnen ansehen, führt dies zu einem Gefühl der Einsamkeit (Burke, Marlow & Lento, 2010). Werden soziale Netzwerkseiten hingegen aktiv genutzt, können sich durchaus positive Effekte ergeben. Fotos helfen dabei, Facetten des eigenen Ideal-Selbst in das Real-Selbst zu integrieren (Manago et al., 2008).

Fazit

Menschen spielen in sozialen Netzwerken mit ihrer Identität und gerade für Jugendliche sind Identitätsexperimente ein normaler Teil des Heranwachsens; dabei sind Menschen jedoch online recht ehrlich (Back et al., 2010). Körper und Geist sind in der Jugend großen Veränderungen ausgesetzt und junge Menschen müssen lernen, sich selbst und ihren Körper, mit dem sie nun durchs Leben gehen, anzunehmen. Die aktive Nutzung sozialer Netzwerkseiten befriedigt drei Wünsche, die für diese Lebensphase typisch sind: Das Bedürfnis nach Selbstdarstellung, den Wunsch zu kommunizieren und das Streben nach sozialer Integration. Kommentare und Likes auf sozialen Netzwerkseiten können ein Gefühl der Selbstbestätigung vermitteln und dem User zeigen: „Ich werde wahrgenommen“. Jugendliche erhoffen sich von sozialen Vergleichen im Internet, sich selbst besser kennen zu lernen, jedoch konnten Forscher diesen Effekt nicht nachweisen. Allerdings gibt es Studien (z. B. Valkenburg & Peter, 2008), die darauf hindeuten, dass gerade schüchterne Personen durch die soziale Interaktion über das Web ihre Sozialkompetenz verbessern und dadurch auch im echten Leben sicherer mit ihren Mitmenschen interagieren. Facebook kann Jugendliche dabei unterstützen, eine kongruente Identität zu entwickeln, allerdings nur, wenn sie aktiv sind, Inhalte und Bilder teilen und mit ihrer Identität experimentieren.

Literaturverzeichnis

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