Autofahren im Alter: Einschränkungen und Perspektiven

Mobilität ist in unserer Gesellschaft von hoher Bedeutung und ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität. Gerade für Senioren kann das Autofahren den Alltag sehr erleichtern. Massenmedien greifen das Thema „Ältere Autofahrer“ immer wieder auf, besonders dann, wenn ein älterer Mensch an einem Unfall beteiligt war. Doch stellen ältere Autofahrer wirklich ein Risiko im Straßenverkehr dar? Welche altersbedingten Veränderungen beeinflussen die Fahrtauglichkeit? Wie kann man die Mobilität älterer Menschen möglichst lange erhalten? Welche technischen Möglichkeiten der Unterstützung älterer Fahrer gibt es?

Einführung

In den nächsten Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in den Ruhestand. Hierbei handelt es sich um eine Generation, die eine lebenslange Erfahrung mit dem Auto als selbstverständliches Fortbewegungsmittel aufweist. Veränderte Lebensstile, ein im Allgemeinen besserer Gesundheitszustand sowie eine sehr hohe PKW-Verfügbarkeit werden bei dieser Generation zu einer höheren Mobilitätsrate führen im Vergleich zu den Senioren von heute. Autofahren ermöglicht Senioren ein eigenständiges Leben. Im hohen Alter stellen sich aber oft körperliche Einschränkungen ein, so dass viele Senioren irgendwann vor der Frage stehen, ob sie ein Auto noch sicher führen können. In diesem Artikel wird anhand von Statistiken zu Unfällen von Senioren im Straßenverkehr der Sicherheitsaspekt dieses Themas beleuchtet. Es zeigt sich, dass erst ab einem Alter von 75 Jahren das fahrleistungsbezogene Unfallrisiko stärker ansteigt – ohne aber das Niveau von Fahranfängern zu erreichen. Dies spricht dafür, dass zumindest die jüngeren Senioren in der Lage sind, die mit dem Alter einhergehenden körperlichen Einschränkungen, wie verlangsamte Reaktionszeiten, Verschlechterung des Sehens und eingeschränkte Beweglichkeit, durch Umsicht, eine große Routine und Vermeidung von Risikofaktoren kompensieren zu können. Im zweiten Teil des Artikels wird erläutert, wie die individuelle Mobilität älterer Menschen durch technische Maßnahmen, Schulungen und Trainings möglichst lange erhalten und optimiert werden kann. Die Wichtigkeit der Weiterentwicklung alternativer Mobilitätskonzepte wird betont.

Deutschlands Autofahrer werden älter

Aufgrund des demographischen Wandels werden in den nächsten Jahren immer mehr ältere Autofahrer auf unseren Straßen unterwegs sein. Während 1950 die Lebenserwartung noch bei etwa 70 Jahren lag, beträgt sie heute bereits ca. 80 Jahre. Besonders in ländlichen Regionen, wo die Menschen aufgrund eines weniger gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs verstärkt auf das Auto angewiesen sind, ist eine Zunahme des Anteils der Autofahrer über 60 Jahren zu erwarten (Kubitzki & Janitzek, 2009).

Aber auch wegen einer zunehmenden Verbreitung des Führerscheins werden in Zukunft mehr Senioren selbst hinter dem Steuer sitzen: Im Jahr 2001 besaßen 90 % der über 75-jährigen Männer einen Führerschein, bei den Frauen ab 75 Jahren waren es hingegen nur 30 % (Kemming, Brinkmann & Greger, 2007). Für junge Frauen und Männer ist es inzwischen aber beinahe eine Selbstverständlichkeit, die Fahrerlaubnis zu erwerben. Damit wird in wenigen Jahren der Anteil der Führerscheinbesitzer bei nahezu 100 % liegen.

Senioren im Straßenverkehr: Eine Gefahr?

Ein Blick in die Statistiken zeigt ein heterogenes Bild: So waren 2009 zwar 20 % der Gesamtbevölkerung in Deutschland älter als 64 Jahre, gleichzeitig war diese Altersgruppe aber nur in 11% der Unfälle mit Personenschaden verwickelt (Statistisches Bundesamt, 2010). Die unterproportionale Unfallbeteiligung spiegelt jedoch eher die geringere Verkehrsteilnahme von Senioren als Fahrzeugführer wider als dass sie ein Beleg dafür wäre, dass ältere Menschen die sichereren Fahrer sind. So bestritt im Jahr 2002 die Gruppe der Senioren (65+) nur zwischen 9 und 10 % der Gesamtfahrleistung in Privat-PKWs (Kubitzki & Janitzek, 2009). Dabei bleibt für viele Senioren das Auto ein sehr wichtiges Fortbewegungsmittel: zwar sinkt der Gesamtwegeaufwand von Senioren im Vergleich zu Nicht-Senioren um 64 %, aber gleichzeitig legen Senioren zwei Drittel aller ihrer Wege mit dem Auto zurück. Entscheidend für die Beurteilung des Sicherheitsaspekts ist das fahrleistungsbezogene Risiko einer Unfallbeteiligung. Dieses sinkt bis zu einem Alter von etwa 45 Jahren, ab 50 Jahren steigt es wieder leicht und ab 75 Jahren deutlich an, ohne aber dabei das Niveau von Fahranfängern zu erreichen (Hargutt et al., 2007). Auch in den Verursacherraten bei Unfällen mit Personenschäden fallen ältere Fahrer auf: Über 65-jährige PKW-Fahrer, die an Unfällen beteiligt sind, tragen sehr häufig die Hauptschuld (67 %), bei den über 75-Jährigen wurde sogar 77 % der Unfallbeteiligten die Hauptschuld zugewiesen (Statistisches Bundesamt, 2010). Es zeigt sich also besonders für die über 75-jährigen Senioren, dass das Autofahren mit zunehmendem Alter unsicherer wird.

Für ältere Menschen sind insbesondere komplexe Fahrsituationen schwerer zu bewältigen als für Jüngere. Laut Statistischem Bundesamt (2010) sind die häufigsten Unfallursachen bei älteren Fahrern Vorfahrtsfehler (19%) und Fehler bei Fahrmanövern, wie Abbiegen, Rückwärtsfahren, Wenden, Ein- und Anfahren (17%). Fahraufgaben mit durchschnittlichem Anforderungscharakter werden von älteren Autofahrern ähnlich gut wie von Jüngeren bewältigt (Ellinghaus, Schlag & Steinbrecher, 1990). Dagegen spielen unangepasste Geschwindigkeit, Abstandsfehler, Alkoholeinfluss, falsche Straßennutzung oder Fehler beim Überholen eine geringere Rolle. Dies spricht dafür, dass weniger Leichtsinn und Unvernunft der Grund für Unfälle bei Senioren sind als vielmehr altersbedingte Einschränkungen der Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit.

Fahrrelevante körperliche und geistige Veränderungen im Alter

Grundsätzlich spricht ein hohes Lebensalter nicht gegen das Autofahren. Senior/innen sollten sich aber kritisch mit den eigenen Fähigkeiten auseinandersetzen. Dazu ist es notwendig, die mit dem Alter einhergehenden Veränderungen zu verstehen und zu wissen, welche Relevanz diese für das Autofahren haben. Der Prozess des Alterns verläuft individuell sehr unterschiedlich. Daher sagt das chronologische Alter relativ wenig über die tatsächliche körperliche und geistige Fitness eines Menschen aus: Sicher ist aber, dass mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit für altersbedingte Abbauprozesse und Erkrankungen zunimmt und daher Einbußen in der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit eher zu erwarten sind. Von den in der Fachliteratur diskutierten alterstypischen Veränderungen sind für das Autofahren vor allem die Verschlechterung des Sehvermögens, die eingeschränkte Beweglichkeit und die verlangsamte Reaktionsfähigkeit relevant (für einen Überblick siehe Kaiser & Oswald, 2000). Dies soll im Folgenden genauer erläutert werden.

Sehvermögen

Degenerative Prozesse führen mit zunehmendem Alter zu einer Verringerung der Sehfähigkeit. Eine Verschlechterung der Sehfähigkeit beginnt aber bereits in jüngeren Jahren, weshalb Sehtests für alle Autofahrer alle zwei Jahre sehr zu empfehlen sind. Bei allen Menschen nimmt die Fähigkeit des Auges zur Naheinstellung mit zunehmendem Alter ab. Die daraus resultierende Altersweitsichtigkeit, die so genannte Presbyopie, führt dazu, dass Dinge in der Nähe unscharf wahrgenommen werden. Dies kann teilweise durch Sehhilfen ausgeglichen oder zumindest gemindert werden. Häufig treten aber auch unterschiedliche Einbußen der visuellen Fähigkeit kombiniert auf.

Durch eine fortschreitende Austrocknung der Augenstrukturen kommt es darüber hinaus zu einer erhöhten Blendungsempfindlichkeit und aufgrund einer Verkleinerung des Pupillendurchmessers vermindert sich die Dämmerungssehschärfe. Dazu nimmt die für die Anpassung an verschiedene Lichtstärken (Hell-Dunkel-Adaptation) notwendige Dynamik der Pupillenöffnung im Alter ab. Dadurch braucht das ältere Auge beim Fahren nach einer Blendung mehr Zeit für die nachfolgende Dunkeladaptation. Nachtfahrten sind daher für ältere Fahrer/innen schwieriger zu bewältigen als für junge Fahrer/innen. Durch die Wahl der richtigen Scheinwerfer kann das Autofahren im Dunkeln erleichtert werden. Experten des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR, 2009) empfehlen die Benutzung von Xenonscheinwerfern und halten auch Kurvenlichter für hilfreich, um das Sichtfeld in Kurven besser ausleuchten zu können.

Bewegungsapparat

Mit zunehmendem Alter nehmen die Beweglichkeit des Körpers und die Körperkraft ab. Hinzu können Krankheiten wie Arthrose kommen, welche die Beweglichkeit weiter beschränken. Dies erschwert vielen Senior/innen das Einsteigen ins Auto sowie das Durchführen von Fahrmanövern wie Wenden oder Einparken. Hilfreich sind hier höher gebaute Fahrzeuge mit großem Türöffnungswinkel, gut einstellbaren Autositzen, einer Servolenkung und elektrisch bedienbaren Fenstern. Schulterblicke sind durch Versteifungen im Halswirbelbereich häufig nur noch eingeschränkt möglich. Weitwinkelspiegel können die Übersicht verbessern und erleichtern.

Psychologische Leistungsfähigkeit

Im Bereich der psychophysischen und psychomotorischen Leistungskapazität ist im hohen Alter eine generelle Verlangsamung der gesamten zentralnervösen Aktivität charakteristisch. Bei Mehrfachreaktionsaufgaben brauchen ältere Menschen sowohl bei der Entscheidung als auch der der Ausführung länger als junge Menschen. Dies verweist auf altersbedingte Leistungseinbußen hinsichtlich der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit.

Befunde aus der Aufmerksamkeitsforschung deuten darauf hin, dass vor allem bei unvertrauten Reizkonstellationen im Alter eine Verschlechterung der Aufmerksamkeitsleistung zu verzeichnen ist, während dies bei vertrauten Reizsituationen kaum zu beobachten ist. Dies erklärt, warum ältere Menschen auf vertrauten Strecken durchaus sicher fahren können, mit unbekannten Strecken aber oftmals überfordert sind. Eine altersbedingte Abnahme der geteilten Aufmerksamkeit (d.h. die parallele Verarbeitung verschiedener Informationen) wird häufig als spezifisches alterstypisches Leistungsproblem diskutiert. Dies kann beispielsweise dann problematisch werden, wenn sich Senioren in einer fremden Stadt orientieren und gleichzeitig auf den fließenden Verkehr achten müssen. Die Fähigkeit, relevante Informationen von irrelevanten zu unterscheiden ist eine Leistung der selektiven Aufmerksamkeit und zählt zu den Grundbedingungen für das korrekte Reagieren beim Autofahren. Durch Einschränkungen der selektiven Aufmerksamkeit reagieren ältere Fahrer häufiger unangemessen auf Verkehrssignale und Verkehrszeichen.

Menschen bleiben aber bis ins hohe Alter lernfähig, so dass durch adäquate Trainings einige der kognitiven Leistungsverringerungen bis zu einem gewissen Grad kompensiert werden können. In einer groß angelegten Studie (Willis et al. 2006) an über 65-jährigen Senior/innen konnte nachgewiesen werden, dass kognitive Trainings zu einer Verbesserung der trainierten Fähigkeiten führen, und dieser Effekt war auch noch nach fünf Jahren nachweisbar. Darüber hinaus waren die Senior/innen auch teilweise in der Lage, das im Training gelernte auf alltagsrelevante Aufgaben zu transferieren (z.B. Essenszubereitung, Informationen auf Medikamentenverpackungen verstehen, Telefonnummer heraussuchen). Bei Kontroll- und Trainingsgruppe war im Laufe der fünf Jahre Untersuchungszeitraum eine Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit zu beobachten, allerdings war dieser Prozess in der Trainingsgruppe verlangsamt.

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