Die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft: Editorial zur In-Mind Themenausgabe „Alternde Gesellschaft(en)“

In dieser ersten Themenausgabe stellt das In-Mind Magazin psychologische Forschung vor, die sich mit den Herausforderungen des demographischen Wandels beschäftigt. Dieses aktuelle Thema wird von verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet und verdeutlicht so die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft für unseren Alltag und auch für die psychologische Forschung.

Am 05. Oktober 2011 stellte der Präsident des Statistischen Bundesamtes in Berlin das Statistische Jahrbuch vor. Darin geht es um die neuesten Zahlen zum demographischen Wandel und der Alterung der deutschen Bevölkerung. So hat Deutschland die zweitälteste Bevölkerung der Welt – direkt nach Japan. Bereits seit 2009 sind in Deutschland fast 17 Millionen Menschen älter als 65 Jahre. Dieser Anteil entspricht rund 20% der deutschen Bevölkerung und wird in den nächsten Jahren noch deutlich steigen. Zu dem hohen Anteil über 65-jähriger trägt neben der steigenden Lebenserwartung auch die sinkende Geburtenrate bei. Auch wenn es in Deutschland 2010 etwa 2% mehr Geburten gab als 2009, hat sich die Zahl der Geburten seit 1950 dennoch fast halbiert. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es vergleichbare Entwicklungen.

Der demographische Wandel geht uns alle etwas an; alte Menschen genauso wie Junge und die Politik genauso wie die Wirtschaft. Alle Bereiche der Gesellschaft werden (früher oder später) entweder mit dem eigenen Alter oder mit den Folgen des demographischen Wandels für das Rentensystem und den Fachkräftemangel in der Wirtschaft konfrontiert. In der psychologischen Forschung hat das Thema Alter eine lange Tradition. Der Altersforscher Paul Baltes zeigte in zahlreichen Studien auf, dass ein hohes Alter nicht nur mit Abbau und zunehmenden Begrenzungen zusammenhängt, sondern durchaus auch Potentiale für Weiterentwicklung birgt (Baltes & Baltes, 1990). Gravierende Abbauprozesse treten oft erst im hohen Alter auf und selbst über das 80. Lebensjahr hinaus können Menschen noch Strategien entwickeln, um mit Verlusten in Gedächtnis und Beweglichkeit umzugehen. Im Modell der Selektiven Optimierung mit Kompensation (Baltes & Baltes, 1990) geht es darum, dass Ältere sich gezielt auf bestimmte Aspekte konzentrieren, also zum Beispiel statt eines großen Gartens nur noch ihren Balkon bepflanzen (Selektion), sich um diese Pflanzen aber intensiver kümmern (Optimierung) und sich dabei helfen lassen von Menschen oder elektrischen Geräten (Kompensation). Was die Gedächtnisleistung betrifft, können Ältere durch viel Training oder das Erlernen von Erinnerungstechniken weiterhin leistungsfähig bleiben und mit Jüngeren mithalten. Darüber hinaus können die jahrelange Erfahrung und das Spezialwissen von Älteren eine eventuelle Vergesslichkeit oder Langsamkeit wettmachen.

Die Inhalte der Themenausgabe „Alternde Gesellschaft(en)“

Dies ist die erste Themenausgabe, die das deutschsprachige In-Mind Magazin herausgibt. Die Beiträge greifen verschiedene Schwerpunkte der psychologischen Altersforschung auf und richten sich sowohl an Wissenschaftler als auch an die interessierte Öffentlichkeit. Wir wollen die Verbreitung von Forschungsergebnissen zu diesem wichtigen Thema ermöglichen und auch zu Diskussionen anregen. Zahlreiche Autor/innen geben einen Überblick über die Herausforderungen des demographischen Wandels und die Situation älterer Menschen in einer immer älter werdenden Gesellschaft. Welche Forschungsergebnisse gibt es bereits zum Thema Alter? Was sind die aktuellen Fragestellungen, mit denen sich die Psychologie in diesem Zusammenhang beschäftigt? Auch werden in den Beiträgen erste Lösungsansätze dargestellt.

Als Auftakt zum Thema Alter erschien in Ausgabe 1/2011 ein Überblicksartikel von Jenny Bittner und Werner Wippich (2011) zu Stereotypen über ältere Arbeitnehmer/innen. Stereotype sind Bilder in unseren Köpfen, wie zum Beispiel über die Gruppe der „Alten“. Ältere Arbeitnehmer/innen berichten nach wie vor von negativen Vorurteilen gegenüber Älteren; und das, obwohl viele Unternehmen erkannt haben, dass sie dem drohenden Fachkräftemangel entgegenwirken müssen. In diesem Zusammenhang wird ein Überblick über die psychologische Grundlagenforschung dargestellt, die zeigt, dass Motivation und guter Wille nicht ausreichen, um negative Bewertungen älterer Bewerber/innen bei der Personalauswahl zu vermeiden (Bittner, 2008).

In dieser Themenausgabe (2/2011) setzen wir dieses aktuelle Thema fort mit einem vertieften Einblick in die verschiedenen Facetten von Altersstereotypen. So zeigen Anna Kornadt und Klaus Rothermund (2011), dass die jeweilige Situation und der Kontext beeinflussen können, ob sich Altersstereotype positiv oder negativ auf die Wahrnehmung von älteren Menschen auswirken. Beispielsweise werden Ältere im Familienkontext eher positiv wahrgenommen (z.B. Großeltern sind erfahren), während sie im Freizeitkontext (z.B. Sport) eher negativ beschrieben werden.

Anknüpfend an Altersstereotype untersucht ein weiterer Beitrag, ob das Vorurteil stimmt, dass ältere Arbeitnehmer/innen bei der Arbeit eher erschöpft seien. Anhand neuerer Forschungsergebnisse beschreibt Cornelia Rauschenbach (2011), dass Ältere bei der Arbeit durchaus zufriedener sind als Jüngere. Darüber hinaus diskutiert der Beitrag Untersuchungen über Stress und verdeutlicht am Beispiel Burnout, dass Ältere sich weniger gestresst fühlen.

Ein weiterer Artikel dieser für unsere immer älter werdende Gesellschaft wichtigen Themenausgabe beschäftigt sich mit der oft berichteten Wahrnehmung, dass die Zeit schneller vergeht, je älter wir werden. Isabell Winkler und Peter Sedlmeier (2011) fassen zur Beantwortung dieser spannenden Frage Ergebnisse aus der Gedächtnisforschung und der Entwicklungspsychologie zusammen. So sind es vor allem die Routinen, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln, die dazu führen, dass es uns so vorkommt, als ob wir weniger Neues erleben. Weniger erinnerte Ereignisse führen dann dazu, dass wir denken, es könne doch noch nicht so viel Zeit vergangen sein.

Weiterhin geht es um das vor allem im Alltag viel diskutierte Thema „Ältere Autofahrer“. Verursachen ältere Autofahrer wirklich mehr Unfälle? Ramona Kenntner-Mabiala und Ingo Totzke (2011) beschreiben altersbedingte körperliche Veränderungen und deren mögliche Auswirkungen auf die Fahreignung. Sie zeigen Ansätze auf, wie ältere Autofahrer kompensatorische Strategien nutzen können, um zum Beispiel mit Hilfe von Fahrerassistenzsystemen weiterhin sicher Autofahren zu können. Nicht nur beim Autofahren, sondern auch im alltäglichen Leben spielen körperliche Fitness und motorische Fähigkeiten eine große Rolle. Uli Tischer, Otmar Bock und Ilse Hartmann-Tews (2011) knüpfen an vorherige Beiträge an und geben einen Überblick über Studien, die zeigen, dass Altersstereotype sogar einen Einfluss auf körperliche Bewegung haben. Beispielsweise bewegen sich alte und junge Menschen langsamer, wenn sie mit negativen Erwartungen über das Alter konfrontiert werden.

Diese Befunde sind besonders bedenkenswert, da neuropsychologische Studien zeigen, dass regelmäßige Bewegung im Alter gut ist. So hat körperliche Bewegung eine positive Wirkung auf Alterungsprozesse des Gehirns (Voelcker-Rehage, Godde, & Staudinger, 2011). Wenn Altersstereotype aber zu weniger Bewegung führen, könnte die mangelnde Bewegung möglicherweise mit einer schnelleren Alterung des Gehirns einhergehen. In diesen wichtigen Bereichen ist die psychologische Forschung gefragt, noch genauere Antworten zur Erklärung von Alterungsvorgängen zu geben.

Ausblick

Die aktuelle Herausforderung einer alternden Gesellschaft lässt sich sicherlich nicht mit einfachen Lösungen bewältigen. Aber die Forschung zu möglichen Potentialen des Alters, wie beispielsweise der Wirkung von Bewegungstrainings auf die Plastizität des Gehirns (z.B. Voelcker-Rehage et al., 2011) bietet bereits Ansätze. Auch für den (betrieblichen) Anwendungskontext lassen sich erste Maßnahmen und Empfehlungen ableiten (z.B. Staudinger et al., 2011).

Wir wünschen unseren Lesern viel Spaß beim Lesen dieser Themenausgabe. Am Schluss der jeweiligen Artikel haben angemeldete Nutzer die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren und mit anderen Lesern darüber zu diskutieren. Wir freuen uns auf zahlreiche Anmerkungen und wünschen viel Vergnügen beim Lesen von In-Mind.

Bremen, im Oktober 2011
Jenny V. Bittner
Herausgeberin der Themenausgabe

Literaturverzeichnis

  • Baltes, P.B., & Baltes, M.M. (1990). Psychological perspectives on successful aging: The model of selective optimization with compensation. In P.B. Baltes & M.M. Baltes (Eds.), Successful aging: Perspectives from the behavioral sciences (pp. 1–34). New York: Cambridge University Press.
  • Bittner, J.V. (2008). Das gerichtete Vergessen von Stereotypen: Ermöglicht unser Gedächtnis eine faire Beurteilung älterer Jobbewerber? Saarbrücken: Verlag Dr. Müller.
  • Bittner, J.V. & Wippich, W. (2011). Altersstereotype: Bilder vom Altern und von älteren Arbeitnehmern. In-Mind Magazine, No. 1/2011.
  • Kenntner-Mabiala, R. & Totzke, I. (2011). Autofahren im Alter: Einschränkungen und Perspektiven. Themenausgabe Alternde Gesellschaft(en), In-Mind Magazine, No. 2/2011.
  • Kornadt, A.E. & Rothermund, K. (2011). Die Vielfältigkeit und Relevanz von Altersstereotypen. Themenausgabe Alternde Gesellschaft(en), In-Mind Magazine, No. 2/2011.
  • Rauschenbach, C. (2011). Alt und ausgepowert? - Wie ältere Berufstätige ihre Arbeit erleben. Themenausgabe Alternde Gesellschaft(en), In-Mind Magazine, No. 2/2011.
  • Staudinger, U.M. Godde, B., Heidemeier, H., Kudielka, B.M., Schömann, K., Stamov-Roßnagel, C., Voelcker-Rehage, C. & Voelpel, S.C. (Eds.) (2011). Den demografischen Wandel meistern: Eine Frage der Passung. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
  • Tischer, U., Bock, O. & Hartmann-Tews, I. (2011). Altersstereotype und motorische Fähigkeiten im Alter. Themenausgabe Alternde Gesellschaft(en), In-Mind Magazine, No. 2/2011.
  • Voelcker-Rehage, Godde & Staudinger (2011). Cardiovascular and coordination training differentially improve cognitive performance and neural processing in older adults. Frontiers in Human Neuroscience, 26, 1-12.
  • Winkler, I. & Sedlmeier, P. (2011). Ist das wirklich schon wieder zehn Jahre her? Die Veränderung der Zeitwahrnehmung über die Lebensspanne. Themenausgabe Alternde Gesellschaft(en), In-Mind Magazine, No. 2/2011.
 

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