Editorial zur Themenausgabe: "Intelligenz - Ihrem Wesen auf der Spur"

Was ist eigentlich Intelligenz? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage erhält man vermutlich fast genauso viele Meinungen, wie man Personen dazu befragt. Für die Einen sind diejenigen Personen intelligent, die herausragende schulische oder berufliche Leistungen erbringen, für den Anderen solche, die schwierige Rätsel lösen, oder auch jene, die Alltagssituationen gut bewältigen können und das Leben meistern. Auch in der Wissenschaft hat man sich nach über 150 Jahren Forschung noch nicht auf eine einzige allgemeingültige Definition von Intelligenz einigen können. So gibt es heute eine Vielzahl an Theorien, vom sogenannten „Generalfaktor g“ über „Multiple Intelligenzen“ bis hin zur „Emotionalen Intelligenz“ und ebenso viele verbale Beschreibungen der Intelligenz, oder auch allgemeiner, der kognitiven Grundfähigkeit.

Trotz unterschiedlicher Definitionen und Herangehensweisen kann dennoch festgestellt werden, dass innerhalb der Forschung nach zahlreichen Studien rund um das Thema Intelligenz eine klare und konsensfähige Vorstellung darüber besteht, welche spezifischen Fähigkeiten Intelligenz umfasst, wie bedeutsam die Vorhersagekraft von Intelligenz in verschiedenen Kontexten – wie zum Beispiel schulischem oder beruflichem Erfolg – ist und mit welcher Art von Aufgaben sie am besten erfasst werden kann. So wird heute davon ausgegangen, dass sich Intelligenz durch ein hierarchisch organisiertes Set an spezifischen kognitiven Fähigkeiten auszeichnet, welches unter anderem die Bereiche Wortschatz, verbale Produktion, numerische sowie räumliche Fähigkeiten, Gedächtnisleistungen, Wahrnehmungsgeschwindigkeit und schlussfolgerndes Denken umfasst.

Ganz allgemein umschreibt Intelligenz das Können, schnell und effektiv lösungsrelevante Regeln zu erkennen, Probleme zu lösen und sich in neuen Situationen durch Einsicht zurechtzufinden, was wiederum den Aufbau einer besser vernetzten, flexibler nutzbaren und „intelligenter“ organisierten Wissensstruktur erleichtert (siehe Helmke & Schrader, 2006). Dementsprechend hat sich vielfach gezeigt, dass eine hohe kognitive Fähigkeit (allgemeine Intelligenz) eine hohe Vorhersagekraft für zahlreiche Erfolgsindikatoren in unterschiedlichen Lebensbereichen aufweist. Hier konnten Metaanalysen, in denen die Ergebnisse von zahlreichen Studien zusammengefasst werden, zeigen, dass Intelligenz im Kindes- und Jugendalter mit dem späteren höchsten schulischen bzw. akademischen Abschluss (r = .56), dem beruflichen Erfolg (r = .45) und auch dem erreichten Einkommen (r = .23) positiv zusammenhängt (Strenze, 2007). Bedeutsame negative Zusammenhänge werden aber auch zur Lebensdauer sowie zu gesundheitlichen Risiken, wie Rauchen, Alkoholmissbrauch, Adipositas und psychischen Erkrankungen, berichtet (z. B. Deary, Weiss & Batty, 2010). Betrachten wir das Intelligenzpotenzial von Personen und die beschriebenen Zusammenhänge wird außerdem deutlich, dass sich Menschen zweifelsfrei in ihren kognitiven Ausgangsbedingungen voneinander unterscheiden und dass diese Unterschiede auch Ungleichheiten in relevanten Lebensbereichen erklären können. Gleichsam wird aber auch deutlich, dass Intelligenz diese Unterschiede bei Weitem nicht zu 100 % zu erklären vermag. Welcher Ausbildungsstand, welchen Beruf, wieviel Einkommen und welcher allgemeine Gesundheitszustand erreicht werden, hängt ebenso von vielen weiteren Faktoren ab.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass sich nach wie vor viele öffentliche und wissenschaftliche Diskussionen um das Thema Intelligenz drehen und diese, vor allem vor dem Hintergrund einer potenziellen genetischen Disposition, vielfach das allgemeine gesellschaftliche Interesse wecken. In der vorliegenden Ausgabe möchten wir Ihnen vier Beiträge von ForscherInnen der Universitäten Bonn, Saarbrücken, Luxemburg, Graz und Zürich vorstellen, die einige der wichtigsten Fragen zu diesem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet haben.

Der Beitrag von Frank M. Spinath „Anlage durch Umwelt: Verhaltensgenetische Ergebnisse richtig verstehen“ gibt Einblick in aktuelle Methoden und wichtige Begrifflichkeiten der verhaltensgenetischen Intelligenzforschung, die sich mit dem Einfluss der Genetik befasst und erklärt, wie aktuelle Befunde zu interpretieren sind. Dabei findet er Antworten auf Fragen wie „Was bedeutet Vererbung und wie wird sie erfasst?“. Im Zentrum steht die Bemühung, Verständnis für das komplexe Zusammenspiel von Vererbung und Lernerfahrungen zu schaffen.

Noch mehr als Intelligenz? Komplexes Problemlösen im alltäglichen Leben“: Nicolas Becker, Matthias Stadler und Samuel Greiff stellen sich in ihrem Artikel die Frage, ob und wie sich die erfolgreiche Bewältigung des Alltags im Konstrukt der Intelligenz widerspiegelt. Anhand komplexer, an den Alltag angelehnter Problemlöse-Situationen sollen eben jene kognitiven Fähigkeiten gemessen werden, „die über die reine Testintelligenz hinausgehen“. Was komplexes Problemlösen ist, wie es gemessen wird, wie es mit Intelligenz zusammenhängt und welchen Mehrwert es gegenüber Intelligenz hat, wird anschaulich erläutert.

Sebastian Markett, Christian Montag und Martin Reuter sind in ihrem Aufsatz „Machen unsere Gene uns schlau? Über die molekularen Grundlagen der Intelligenz“ den genetischen Grundlagen der Intelligenz auf der Spur. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diejenigen Gene ausfindig zu machen, die mit komplexen Verhaltensweisen assoziiert sind. Doch gilt es, nicht nur spezifischen Genorten eine Bedeutung beizumessen. Neuere Befunde legen nahe: Die neuronalen Verbindungen zwischen den Genen sorgen für schnellere Informationsverarbeitung und -verknüpfung und diese sind direkt mit Intelligenz assoziiert.

Aljoscha Neubauer und Elsbeth Stern stellen in ihrem Essay „Die Bedeutung der menschlichen Intelligenz im 21. Jahrhundert“ aktuelle Forschungsergebnisse zur Intelligenz dar. Sie klären über den Mythos auf, dass Hochbegabte häufiger soziale oder psychische Probleme hätten und sich ohne Frühförderung Entwicklungsfenster bei Kleinkindern schlössen. Des Weiteren diskutieren sie, inwiefern kognitive Intelligenz der wohl verlässlichste Indikator für Leistungsfähigkeit ist und es für unsere heutigen „Industrie- und Informationsgesellschaften“ von besonderer Wichtigkeit sei, Personen überdurchschnittlicher Intelligenz schon in den Schulen zu fördern.

Wir bedanken uns recht herzlich bei allen Personen, die als GutacherInnen zur Verfügung gestanden haben, wünschen Ihnen viel Spaß bei der Lektüre der Beiträge und freuen uns natürlich über Fragen, Kommentare und Rückmeldungen Ihrerseits.

 

Quellen

Deary, I. J., Weiss, A. & Batty, G. D. (2010). Intelligence and personality as predictors of illness and death: how researchers in differential psychology and chronic disease epidemiology are collaborating to understand and address health inequalities. Psychological Science in Public Interest, 11, 53-79.

Helmke, A. & Schrader, F.-W. (2006). Determinanten der Schulleistung. In D. Rost (Hrsg.), Handwörterbuch Pädagogische Psychologie (S. 83-94). Weinheim: Beltz.

Strenze, T. (2007). Intelligence and socioeconomic success: A metaanalytic review of longitudinal literature. Intelligence, 35, 401-436.

 

 

 

 

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