Die Bedeutung der menschlichen Intelligenz im 21. Jahrhundert

Intelligenz ist zweifellos in der öffentlichen Diskussion eines der umstrittensten psychologischen Merkmale. Die Einen sehen in ihr ein fragwürdiges Konstrukt und finden anderes wichtiger für den Erfolg der Einzelnen und der Gesellschaft, etwa die Begeisterungsfähigkeit, die sogenannte emotionale Intelligenz oder die Motivation. Andere malen das Abrutschen der Gesellschaft durch weniger intelligente Zuwanderer an die Wand. Vor diesem Hintergrund ist eine informierte Debatte notwendig, die sich am neuesten Stand der Wissenschaft orientiert, wie er in dem Buch von Stern und Neubauer (2013) dargestellt wird.

1. Moderne Industrie- und Informationsgesellschaften sind auf geistig flexible Menschen angewiesen

Intelligenz im klassischen Sinne meint ein individuelles Personenmerkmal einer allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit. Intelligentere können Informationen schneller verarbeiten, geistige Probleme besser lösen bzw. besser logische Probleme lösen sowie schneller und effizienter lernen. Intelligenz ist zudem bedeutsam mit Kreativität korreliert bzw. – wie neuere Studien nahelegen (Jauk, Benedek & Neubauer, 2014) – eine Voraussetzung für kreative Leistungen. Damit haben Intelligentere bessere geistige Voraussetzungen, um Neues zu erfinden und zu entdecken, was letztlich einer gesamten Volkswirtschaft zugutekommen kann und auch sollte. Die bestmögliche Förderung von kognitiv Begabten sollte unseres Erachtens daher zu einem gesamtgesellschaftlichen Anliegen werden.

Damit Menschen mit entsprechenden Potenzialen diese auch bestmöglich realisieren können, müssen überdurchschnittlich intelligente Menschen vor allem in der Schule so gefördert werden, dass sie ihre allgemeine Intelligenz in spezifische Höchstleistungen ummünzen können, etwa in Mathematik und Naturwissenschaften, aber auch in der Ökonomie, im sozialen Bereich und in Geisteswissenschaften. Das gelingt bislang nur unzureichend, weil überdurchschnittlich intelligente Schülerinnen und Schüler nicht genügend gefördert werden und weil es viele intelligente Arbeiter- und Einwandererkinder nicht aufs Gymnasium schaffen und somit unentdeckt in geistig weniger anregenden Schulen nicht die Förderung erfahren, die sie verdienen. Dabei sollte man den Blick nicht nur auf die wenigen sogenannten Hochbegabten richten, sondern auf die 15 bis 20 Prozent deutlich überdurchschnittlich Intelligenten. Und selbstverständlich sprechen wir uns damit nicht gegen eine bestmögliche Förderung der weniger Intelligenten aus; hier bestehen allerdings in unserer Sicht gegenwärtig weniger Defizite als bei der Förderung Begabter.

2. Intelligenz ist messbar

Umgangssprachlich werden heute alle möglichen Fähigkeiten als Intelligenz bezeichnet. So spricht man von sozialer oder emotionaler Intelligenz, aber diese Begriffe sind bislang noch nicht so stringent definiert wie die kognitive Intelligenz. Vor allem aber erreichen bislang entwickelte Tests für soziale und emotionale Intelligenzen (bzw. Kompetenzen) noch nicht annähernd die Messgenauigkeit kognitiver Intelligenztests. Messgenauigkeit meint hier, inwieweit ein Testergebnis mit Verhaltensindikatoren im Leben, wie zum Beispiel schulische oder berufliche Leistungen, Erfolg im Sozialverhalten etc. in Zusammenhang stehen. Kognitive Intelligenztests erreichen hier im Allgemeinen deutlich höhere Zusammenhänge. Tests für kognitive Intelligenz umfassen vor allem Aufgaben für schlussfolgerndes Denken, sprachliche und mathematische Fähigkeiten, räumliches Vorstellungsvermögen und effiziente Gedächtnisleistungen. Kurz: die generelle Fähigkeit, die Welt in ihren Regeln zu erfassen und wechselnde Aufgaben zu bewältigen. Diese Denkfähigkeit kann man mithilfe von Intelligenztests messen. Und man kommt – was den Begriff Intelligenz wissenschaftlich tragfähig macht – bei Wiederholung auch mit unterschiedlichen Tests auf einen vergleichbaren Wert: den sogenannten Intelligenzquotienten (IQ).

bildung 1. Verteilung des IQs in der Bevölkerung. © Aljoscha NeubauerDer IQ gibt an, wie intelligent eine Testperson im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen aus derselben Bevölkerung ist. Intelligenzvergleiche zwischen sehr unterschiedlichen Gruppen, etwa Völkern, sind unseres Erachtens nicht sinnvoll, weil Intelligenztests kulturell geprägt sind. Mit einem IQ von 100 verfügt man über durchschnittliche Intelligenz (siehe Abbildung 1). Zwei Drittel der Bevölkerung haben einen IQ zwischen 85 und 115. Rund 17 Prozent können mit einem IQ von mehr als 115 als überdurchschnittlich intelligent gelten, und 2 Prozent mit einem IQ von mehr als 130 als hochbegabt.

3. Intelligenz ist wichtig, andere Fähigkeiten oder Persönlichkeitsmerkmale werden überschätzt

In den vergangenen 15 Jahren wurde eine Reihe sogenannter Meta-Studien zur Validität von Intelligenztests publiziert (Überblick bei Stern & Neubauer, 2013, Kap. 6). Diese zeichnen ein ganz klares Bild: Kognitive Intelligenz ist von großer Bedeutung für Erfolge in Schule, Ausbildung und Beruf und damit eine zentrale Vorhersagevariable für die Leistungsfähigkeit der/des Einzelnen. Natürlich kommt es vor, dass weniger intelligente Schülerinnen/Schüler bessere Schulleistungen erbringen als intelligentere. Das zeigt aber nur, dass es der Schule es nicht gelungen ist, die bei einem Individuum vorhandenen Intelligenzressourcen zu nutzen. Selbstverständlich ist Intelligenz nicht der einzige Erfolgsfaktor und auch kein Erfolgsgarant für jedes Individuum, aber von allen beobachtbaren bzw. messbaren Persönlichkeitseigenschaften von Menschen ist sie laut der überwiegenden Mehrzahl der Studien empirisch der bedeutendste.

Es gibt einige andere Faktoren, die Einfluss auf den schulischen und beruflichen Erfolg haben, etwa Fleiß, die Motivation, Leistung zu erbringen, Ausdauer und Disziplin, das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, Sozialkompetenz. Sie sind aber generell nicht so wirkungsmächtig wie die Intelligenz (für empirische Evidenz siehe Stern & Neubauer, 2013, Kap. 7). Berichte, wonach Fleiß, Selbstdisziplin oder – nach jüngsten Studien – „Grit“‘ (Entschlossenheit) schulische und berufliche Erfolge viel besser erklären können, beruhen zumeist auf Studien an bereits im Hinblick auf Intelligenz selegierten Stichproben, wie zum Beispiel Testpersonen in amerikanischen Highschools (Duckworth & Seligman, 2005). Es ist leicht nachvollziehbar, dass im Falle einer Vorselektion im Hinblick auf Intelligenz dann andere Persönlichkeitsmerkmale den späteren Erfolg mehr bestimmen. Wenn in einer Gruppe ähnlich intelligente Personen im Hinblick auf ihre Erfolge in Ausbildung oder Beruf verglichen werden, ist es naheliegend, dass die eher geringen Unterschiede in der Intelligenz den Erfolg nicht mehr so gut erklären können wie die in dieser Gruppe nach wie vor bestehenden Unterschiede in der Motivation, in der Selbstdisziplin etc. und daraus resultierendem Lernverhalten bzw. Arbeitseinsatz. 

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