Die Vielfältigkeit und Relevanz von Altersstereotypen

Bilder von alten Menschen und dem Alter(n) - und von uns selbst?!

„Bilder vom Alter(n)“ weisen eine Besonderheit auf, die sie von anderen Stereotypen unterscheidet: Sie bilden sich in jüngeren Jahren heraus und sind zunächst auf eine Personengruppe gerichtet, der wir selbst nicht angehören. Der Unterschied zu anderen Stereotypen – etwa von Männern und Frauen oder dunkel- und hellhäutigen Menschen – ist jedoch, dass man im Laufe seines Lebens selbst zu einem Mitglied der Gruppe der Alten wird: Wir alle werden älter und sind auch irgendwann „alt“ (s. Abbildung 2: „Die Alternden sind nicht nur die Alten, die Alternden sind wir alle“). Was bedeutet dieser Wechsel nun für eine ältere Person? Sie könnte sich einerseits von den Inhalten des Altersstereotyps abgrenzen und diese sogar zu einer Aufwertung der eigenen Person im Vergleich zu den negativ bewerteten Altersgenossen(innen), einem sogenannten Abwärtsvergleich, nutzen. Hat man zum Beispiel das Stereotyp, dass alte Menschen sehr vergesslich sind und vergleicht seine eigene Gedächtnisleistung damit, so kann man zu dem Schluss kommen, dass man sich selbst für sein Alter noch sehr gut Sachen merken kann. Solche Abwärtsvergleiche können tatsächlich dazu führen, dass man sich selbst im Alter positiver bewertet. In einer Studie von Pinquart (2002) wurden ältere Personen mit negativen Stereotypen konfrontiert und mussten danach sich selbst und die Gruppe der „Älteren“ bewerten. Die Konfrontation mit den negativen Stereotypen führte dazu, dass die Bewertung der Gruppe der Älteren negativer wurde, sich selbst schätzten die Teilnehmer jedoch positiver ein. Allerdings ist diese Selbstaufwertung möglicherweise auf bestimmte Situationen beschränkt, nämlich wenn man direkt zum Vergleich mit dem Stereotyp aufgefordert wird und man sich gleichzeitig aber selbst noch nicht unbedingt zur Gruppe der „Alten“ zugehörig fühlt (Rothermund, 2005).

Irgendwann im Laufe des Lebens sind die Zeichen des Alters allerdings zu deutlich und es wird immer schwieriger, sich aus der Gruppe der „Alten“ auszuschließen. In dieser Situation kommt es zu einer Anwendung von Stereotypen auf die eigene Person, was als Selbststereotypisierung bezeichnet wird. Diese Vorstellungen vom eigenen Alter und Altern können dann als Alters- Selbststereotype bezeichnet werden. Die Folgen von Selbststereotypisierung können gravierend sein. Beispielsweise kann die Darbietung von Altersstereotypen und ihre Anwendung auf die eigene Person zu einer schlechteren Gedächtnisleistung führen (Levy, 1996). In Längsschnittstudien zeigte sich zudem, dass ältere Personen, die zum ersten Befragungszeitpunkt negative Altersstereotype berichteten, einige Jahre später ein deutlich schlechteres, dem Altersstereotyp ähnlicheres Selbstbild hatten; das Altersstereotyp wurde also im Verlauf der Zeit internalisiert (Rothermund & Brandstädter, 2003).

Dies hat nicht nur Konsequenzen für das Selbstbild, sondern auch für das Wohlbefinden Älterer. So führen negative Altersstereotype z.B. zu mehr Depressivität im Alter (Rothermund, 2005). Aber auch das Verhalten älterer Menschen wird durch diese Vorstellungen geprägt. Ältere Menschen mit positiveren Alters-Selbststereotypen zeigen beispielsweise eine gesündere Lebensweise (mehr körperliche Betätigung; Wurm, Tomasik & Tesch-Römer, 2010). Vor diesem Hintergrund kann man auch die vielbeachteten Befunde aus der Arbeitsgruppe um Becca Levy einordnen, die zeigen, dass Menschen mit positiven Alters-Selbststereotypen länger leben (Levy, Slade, Kunkel & Kasl, 2002) und weniger gesundheitliche Beschwerden haben (Levy, Hausdorff, Hencke & Wei, 2000) als solche mit negativen. Dieser Einfluss lässt sich zudem nicht erklären durch generellen Optimismus oder die Überzeugung, dass man die erwarteten Veränderungen kontrollieren kann (Wurm, Tesch-Römer & Tomasik, 2007). Insgesamt lässt sich also gut bestätigen, dass Bilder des Alterns, die wir in jungen Jahren aufbauen, sich auf die eigene Entwicklung im Alter auswirken können.

Kann man Altersstereotype ändern? Oder ändern sie sich von selbst?

elderly pedestrians crossing von zappowbang via flickr (https://www.flickr.com/photos/zappowbang/1445330332/in/photolist-3cHGmu-Ktht6-5kgoGn-Ktcus), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Betrachtet man die Verbreitung von Altersstereotypen und ihren Einfluss, den sie auf unser Verhalten gegenüber älteren Menschen und uns selbst haben, stellt sich die Frage, wie man als Person und als Gesellschaft reagieren soll. Kann und sollte man negative Vorstellungen vom Alter ändern? Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht wünschenswert, dass wir alle möglichst positive Altersstereotype haben, die sich dann positiv auf unser Verhalten gegenüber anderen und uns selbst auswirken. Allerdings können auch übermäßig positive Vorstellungen zu negativen Reaktionen gegenüber Älteren führen - gerade wenn diese einem solchen Altersstereotyp nicht entsprechen. Auch für die Älteren selbst kann es schwierig sein, mit den gesellschaftlichen Erwartungen an ein gesundes, selbstbestimmtes, aktives Alter mitzuhalten, so dass auch hier wieder negative Effekte für den Selbstwert entstehen können. Von daher wäre es auch falsch, die negativen Seiten des Alter(n)s völlig auszublenden. Vor diesem Hintergrund plädieren wir für eine differenzierte Sicht alter Menschen, die sowohl positive als auch negative Aspekte des Alterns enthält und somit ein realistisches Bild vom Alterungsprozess zeichnet (Rothermund & Mayer, 2009). Vor allem aber ist auf die Erfahrungsunterschiede hinzuweisen, die für das Leben älterer Menschen in verschiedenen Lebensbereichen charakteristisch sind sowie auf die Unterschiedlichkeit, die auch innerhalb dieser Lebensbereiche zwischen verschiedenen älteren Menschen besteht. Diese Sichtweise öffnet den Blick sowohl für die Chancen einer positiven Entwicklung im Alter als auch dafür, welche Probleme im Alter auftauchen können. Zudem können so Diskriminierung in unterschiedlichen Bereichen sowie mögliche soziale Ungleichheiten in der altersbedingten Entwicklung (z.B. Unterschiede zwischen ärmeren und reicheren Menschen, oder Männern und Frauen bezüglich altersbedingter Veränderungen) identifiziert werden.

Wodurch aber verändern sich Vorstellungen vom Alter(n) bzw. wie lassen sie sich verändern? Ein wesentlicher Faktor für die Veränderung von Altersstereotypen sind die persönlichen Erfahrungen, die im Laufe des Lebens zum Thema Alter gesammelt werden. Dies können sowohl eigene Erfahrungen mit dem Älterwerden sein, als auch Erfahrungen, die man bei nahestehenden Personen beobachtet, die alt sind oder werden. Zudem zeigen Forschungsarbeiten, dass die Vorstellungen, die man von sich selbst als altem Menschen hat, auch auf das generelle Altersstereotyp abfärben (Rothermund & Brandtstädter, 2003). Erlebe ich also mein eigenes Altern als etwas positives, kann man auch davon ausgehen, dass ich alte Menschen positiver bewerte. Es wirken also beide Mechanismen, sowohl Selbststereotypisierung als auch eine Übernahme von Erfahrungen in mein Stereotyp von alten Menschen.

Mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass auch die Darstellung älterer Menschen in den Medien einen wichtigen Einfluss auf unsere Altersstereotype nimmt (zum Überblick s. etwa Mayer, Lukas & Rothermund, 2005). Insbesondere Schilderungen von Einzelschicksalen wirken sich besonders nachhaltig auf unsere Sicht von Mitgliedern sozialer Gruppen, also z.B. „den Alten“ aus. Allerdings werden Personen, die dem bisherigen Stereotyp widersprechen, eher als Ausnahme betrachtet, während Einzelfälle, die das Stereotyp in extremer Weise erfüllen, zu einer Bestätigung des Stereotyps beitragen (Dolderer, Mummendey & Rothermund, 2009). So lässt sich erklären, dass Altersstereotype trotz vielfältiger Gegenbeispiele sehr hartnäckig in unserem Denken verankert bleiben. Dennoch kommt der Darstellung alter Menschen in den Medien eine Schlüsselstellung bei der Veränderung gesellschaftlicher Altersstereotype zu. Eine erhöhte Präsenz von Informationen über alte Menschen, ihre Lebenssituationen, Wünsche und Fähigkeiten in der Öffentlichkeit kann erheblich dazu beitragen, ein differenzierteres und realistischeres Bild älterer Menschen in unseren Köpfen zu verankern.

Zusammenfassung und Fazit

Vorstellungen die man vom Alter(n) und alten Menschen hat, wirken sich auf unsere Wahrnehmung von – sowie unser Verhalten gegenüber alten Menschen aus. Sie haben zudem einen Einfluss darauf, wie wir selbst alt werden, da sie im Laufe der Lebensspanne internalisiert werden. Allerdings sind Altersstereotype nicht eindimensional negativ, sondern können sich je nach Kontext und Lebensbereich unterscheiden. Eine Differenzierung von Altersstereotypen, die dem tatsächlichen Facettenreichtum des Alter(n)s gerecht wird, stellt dabei ein erstrebenswertes Ziel dar. Die Erforschung von Altersstereotypen, von ihrer Veränderbarkeit und ihren Auswirkungen auf die Entwicklung im höheren Lebensalter, ist gerade vor dem Hintergrund der demographischen Altersentwicklung und der daraus entstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen ein spannendes Thema (nicht nur) für die psychologische Forschung.

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