Altersstereotype und motorische Fähigkeiten im Alter

"Fahr doch endlich, du Opa!“ entfährt es manchem, der findet, dass das vor ihm fahrende Auto zu langsam sei - unabhängig davon, wie alt dessen Fahrer tatsächlich ist. Wir lernen während unseres Lebens, dass man im Alter langsamer, ungeschickter und insgesamt gebrechlicher werde. Wenn sie älter werden beobachten daher viele Leute sich und ihre körperliche Leistungsfähigkeit eher kritisch. Doch inwieweit ist es wahr, dass solche negativen Klischees selbst dazu beitragen, dass die körperliche Leistungsfähigkeit schlechter wird? Hierzu stellt dieser Beitrag Erkenntnisse aus der Forschung über Altersstereotypen vor.

Motorische Fähigkeiten im Alter

Mobilität und körperliche Anpassungsfähigkeit sind für ein eigenständiges und erfülltes Leben im Alter wichtig. Gerade unsere moderne Zivilisation stellt uns oft vor die Aufgabe, neue Bewegungsabläufe zu erlernen, z.B. beim Bedienen neuer Geräte oder bei der Teilnahme an Trendsportarten. Darüber hinaus ist Bewegung sehr wichtig für die Gesundheitsförderung, denn regelmäßige körperliche Aktivität kann in jedem Alter der Entwicklung von Krankheiten und Beschwerden entgegen wirken.

Danse von daoro via flickr (https://www.flickr.com/photos/daoro/3395884446/in/album-72157615679469813/), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Für körperliche Aktivität und Mobilität sind dabei nicht nur körperliche Prozesse, sondern auch soziale Einflüsse ausschlaggebend, wie die Bilder und Vorstellungen, die wir vom Alter haben. Sie prägen die Wahrnehmung und Handlungsentscheidungen von Personen. Die gesellschaftliche Bewertung und Erwartung kann Menschen ermutigen oder entmutigen, körperlich aktiv zu sein und so bestimmte Fähigkeiten zu trainieren. So existiert heute ein weitaus positiveres Bild von 60-Jährigen, den „jungen Alten“, hinsichtlich ihrer körperlichen Fitness und Leistungsfähigkeit, als es noch in den 1950er Jahren der Fall war. Untersuchungen über Altersbilder in Anzeigenwerbungen seit den 1970er Jahren zeigen, dass Inhalte, die negative Altersstereotype vermitteln, deutlich rückläufig sind. So werden Ältere heute äußerlich attraktiver, aktiver und sozial anerkannter dargestellt als früher (Röhr-Sendlmeier & Ueing, 2004). Parallel zu diesem Wandel der Altersbilder ist zum Beispiel auch die Anzahl von Fitnessangeboten und Sportprodukten für die Zielgruppe der älteren Männer und Frauen in den letzten Jahren deutlich gewachsen.

Dennoch ist vor allem das höhere Alter nach wie vor stark mit negativen Zuschreibungen und Stereotypen wie Gebrechlichkeit, Pflegebedürftigkeit oder Vergesslichkeit besetzt. In den Inhalten von Altersstereotypen überwiegen eher negative Eigenschaften. Den Älteren wird im Vergleich zu Jüngeren weniger Kompetenz, Leistungsfähigkeit und Attraktivität zugeschrieben (Kite et al., 2005). In körperlicher Hinsicht gelten Ältere im Vergleich zu Jungen als langsam, unbeholfen und verletzlich. Solche Zuschreibungen enthalten insofern ein ‚Körnchen Wahrheit’, als dass die körperliche Leistungsfähigkeit im Altersverlauf tatsächlich nachlässt. Mit dem Alter verringern sich die Leistungen in den Bereichen Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit. Auch die aerobe und anaerobe energetische Leistungsfähigkeit wird weniger (Mechling, 2005). Die koordinativen Fähigkeiten und die Fähigkeiten zu motorischem Lernen zeigen bei älteren Testpersonen im Vergleich zu jungen Testpersonen schlechtere Werte.

In der Erforschung dieser Prozesse wird jedoch zunehmend deutlich, dass die ausschließliche Konzentration auf die Defizite zu einseitig ist. Sie verursacht ein verzerrtes Bild des Alterns, welches lange Zeit auch die Forschung beeinflusst hat. Nun wird stattdessen zunehmend ein Plastizitätskonzept angewandt. Dieses betont die Anpassungs- und Lernleistungen, die auch im Alter möglich sind. Außerdem werden die Ursachen für motorische Mängel bei Älteren differenzierter untersucht und es werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie man eine verringerte Lernfähigkeit in einem Bereich durch andere Bereiche ausgleichen kann.

Man weiß inzwischen, dass das Nicht-Üben von koordinativen Fähigkeiten den biologisch verursachten Leistungsabbau im Alter verstärkt. Regelmäßiges Üben schwächt hingegen den Abbau ab – man spricht hier von einem „Verjüngungseffekt“ durch Training. Dies führt dazu, dass trainierte Ältere in vielen Bereichen körperlicher Leistungsfähigkeit bessere Werte aufweisen als Untrainierte aus jüngeren Altersgruppen. Die Bandbreite der Leistungsfähigkeit zwischen Personen nimmt im Alter zu.

Hilbert Backhand von chascow via flickr (https://www.flickr.com/photos/charliecowins/3205016884/in/photolist-bRttF-82Y8k3-82UZ4D-5TdxRN-82Y8fJ-82Y7WU-6oycHb-82Y7MS-82UYR8-82UZb4-5Tdz6f-b3LLNT-82UYfc-8gov8Q-82Y87d-82UYLp-7ynKGh-8zdN16-cuMD2-5T9b4k-82Y82S-82Y8yL-8gkecR-bPnTSi-8zdMiP-5Tdx1N-8goufj-8gkdEV-5S111F-5S5BpE-7ynKPJ-8gousb-8zdN3t-9LvpFz-9LybTQ-9Lvo3B-9LvnzP-9LycaS-9LvpRM-9Lvozi-9Lvnut-9LycBA-9LyaTj-9Lvp9D-9LvpCc-9Lyb7j-9Lvpkt-9LvoSv-9Lvodg-9Lybby), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Motorisches Lernen ist die Verbesserung von Geschwindigkeit und Präzision der Bewegungen durch Übung. Experimentelle Studien über die Bewegungskoordination zeigen, dass zwar Geschwindigkeit und Genauigkeit von Zielbewegungen im Alter abnehmen – das motorische Lernen hierbei jedoch nicht zwangsläufig beeinträchtigt sein muss. So wurden beim unbewussten Lernen von Sequenzen (Seidler, 2006) oder beim Erlernen von Genauigkeit (McDowd, 1986), von Rhythmus (Wishart & Lee, 1997) und Doppeltätigkeit (McDowd, 1986) keine Defizite bei den Älteren festgestellt. Hingegen zeigten sich Einbußen beim Erlernen der beidhändigen Koordination (Swinnen et al., 1998) und beim bewussten Lernen von Bewegungsabfolgen (Ghilardi et al., 2003). Diese Ergebnisse führten zu der Annahme, dass motorisches Lernen im Alter nur dort beeinträchtigt ist, wo viele Ressourcen des Körpers gleichzeitig gefordert sind und wo eine bewusste Verarbeitung erforderlich ist (Bock & Girgenrath, 2006).

Welche Bedingungen sind nun neben den physiologischen Faktoren für das Erlernen neuer Bewegungsabläufe in der Praxis förderlich, und welche hinderlich? Die Situation und das Verhalten von Personen können das motorische Lernen beeinflussen, zum Beispiel kann die Gestaltung des Umfelds und die Art der Unterweisung das Lernen positiv unterstützen. Auch die Motivation und die Aufmerksamkeit des Lernenden sind für den Erfolg ausschlaggebend. Emotionen haben ebenso Einfluss, zum Beispiel lernt man unter Stress oder mit Angst schlechter. Durch diese Faktoren als auch durch Vorerfahrungen und Einstellungen der Person wirkt das soziale Umfeld in das Lernen hinein. Soziale Netzwerke und kulturelle Vorstellungen darüber, was man verschiedenen Gruppen von Personen zutraut, können also das motorische Lernen fördern oder behindern. Hier stellt sich die Frage, ob und wie Altersstereotype zum Beispiel die Motivation, Angst und Aufregung in einer motorischen Lernsituation beeinflussen können. Die Forschung hat mittlerweile viele Belege für den nachhaltigen Einfluss von Stereotypen auf das Handeln und die Art des Umgangs mit alten Menschen erbracht. So zeigen Ältere, die mit dem Stereotyp Vergesslichkeit konfrontiert wurden, schlechtere Leistungen in Gedächtnistests als Ältere, die positiven Vorstellungen vom Alter wie Weisheit ausgesetzt wurden. Es wurde jedoch bisher kaum untersucht, inwieweit negative Stereotype die motorische Leistungsfähigkeit hemmen und damit zum Beispiel die Mobilität verringern können und ob positive Stereotype die motorische Lernfähigkeit fördern können.

Wie wird die Auswirkung von Stereotypen untersucht?

Der Einfluss von Stereotypen auf Leistungen allgemein ist durch psychologische Studien in vielen Bereichen nachgewiesen worden. Insbesondere die Kategorien Geschlecht, Alter und ethnische Zugehörigkeit wurden mit ihren entsprechenden Stereotypen untersucht. Getestet wurden hierbei meistens kognitive Fähigkeiten, zum Beispiel durch Intelligenztests, Gedächtnistests oder Mathematikaufgaben (Levy, 2003, Levy & Leifheit-Limson, 2009).

Warming the bones von pedrosimoes7 via flickr (https://www.flickr.com/photos/pedrosimoes7/393217457/in/album-72157639441180615/), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Stereotype, die sich auf das Alter beziehen, verknüpfen körperliche Merkmale mit bestimmten Eigenschaften. Alterskennzeichen und Hinweise, wie graue Haare oder eine gebeugte Haltung, werden zum Beispiel mit Vergesslichkeit und Langsamkeit verknüpft. Wenn diese Verknüpfungen aktiviert werden (durch bestimmte Begriffe oder Bilder), erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass nachfolgende unabhängige Ereignisse und Wahrnehmungen mit derselben Verknüpfung verbunden werden. Dieser Vorgang wird als Priming (engl.: Bahnung von Reizen) bezeichnet. Dieser Mechanismus wird in der Stereotypenforschung genutzt, indem in Experimenten Primings bei Personen durchgeführt werden und daraufhin beobachtet wird, inwieweit sich ihr Verhalten von dem von Personen ohne Priming unterscheidet.

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