Foul oder kein Foul, das ist hier die Frage! Das Schiedsrichter-Entscheidungs-Training SET

Höchste körperliche Anstrengung seit beinahe anderthalb Stunden, 35.000 schreiende Menschen auf engstem Raum, und jetzt muss eine Entscheidung gefällt werden, die hunderttausende Menschen in Freudentaumel und ebenso viele in abgrundtiefe Traurigkeit versetzen wird. In solch einer Situation finden sich Fußball-Schiedsrichter jedes Wochenende. In Sekundenbruchteilen treffen sie folgenschwere Entscheidungen und stehen dabei unter größtem körperlichen und psychischen Stress. Wie machen die das eigentlich? Dieser Beitrag stellt sport- und sozialpsychologische Forschung zum Thema Schiedsrichterentscheidungen vor und beschreibt ein neu entwickeltes Trainingsprogramm.

Entscheidungen von Schiedsrichtern haben zweifellos einen großen Einfluss sowohl auf die Ergebnisse als auch auf die Attraktivität von Fußball-Spielen. Doch wie treffen Schiedsrichter eigentlich ihre Entscheidungen? Tragen Schiedsrichter zum Heimvorteil bei? Lassen sie sich etwa von den Zuschauern beeinflussen? Und werden eher große oder eher kleine Spieler häufiger wegen Foulspiels belangt? In der Sozial- und Sportpsychologie gibt es eine Vielzahl von Studien, die sich mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigen, um Entscheidungen von Schiedsrichtern besser zu verstehen. Denn klar ist: Fußball-Schiedsrichter leisten beeindruckendes – doch wie gelingt ihnen das überhaupt? Und wie können Psychologen ihnen helfen, noch besser zu werden? Mit diesem Ziel wurde das Schiedsrichter-Entscheidungs-Training SET entwickelt. Teilnehmer an SET bekommen online Videos präsentiert, müssen Entscheidungen zu diesen treffen und bekommen dann Feedback. Eine Reihe von Evaluationsstudien belegen die Wirksamkeit von SET.

Spätestens im Juni 2010 ist es wieder so weit: Die angeblich schönste Nebensache der Welt wird zur Hauptsache – es findet die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika statt! Vier Wochen lang gibt es kein Entkommen: Tageszeitungen, Zeitschriften, Internet und Fernsehen werden von der Fußball-Berichterstattung beherrscht. Vom Ergebnis der Spiele in der Vorrunde über die Stimmung in der deutschen Nationalmannschaft bis zum tragisch verschossenen Elfmeter, kein Thema darf fehlen. Und alle freuen sich, wenn über sie berichtet wird. Wirklich alle? Interessanterweise wird über die Schiedsrichter im Fußball und ihre Assistenten meist nur berichtet, wenn ihnen spektakuläre Fehlentscheidungen unterlaufen sind, sonst werden sie kaum beachtet. Welcher Fußball-Fan versetzt sich schon regelmäßig in die Rolle der Schiedsrichter auf dem Feld und freut sich mit ihnen über gelungene Foul-Pfiffe und souverän erkannte Abseits-Stellungen? Dabei ist die Leistung der Schiedsrichter während eines WM-Spiels mehr als beeindruckend (Helsen & Bultynck, 2004): Nicht nur laufen sie deutlich mehr als der durchschnittliche Spieler auf dem Platz, sie müssen auch noch in Sekundenbruchteilen komplizierte Entscheidungen treffen und diese überzeugend den Mannschaften und dem Publikum vermitteln. Oftmals haben sie dabei nicht nur 22 Spieler, sondern auch noch 35.000 Zuschauer gegen sich!

Schiedsrichter in der Sportpsychologie

Im Gegensatz zur „Vernachlässigung“ der Schiedsrichter in den Medien und bei den Fans gibt es in der Sozialpsychologie und vor allem der Sportpsychologie eine Vielzahl von Arbeiten, die sich mit Schiedsrichtern beschäftigen. Seit geraumer Zeit beschäftigt sich die Psychologie damit, menschliches Entscheidungsverhalten zu erforschen: Wie treffen Menschen eigentlich Entscheidungen? Welche typischen Fehler machen sie dabei? Und wie können Psychologen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen? Da liegt es nahe sich anzusehen, wie „professionelle Entscheider“ funktionieren: Manager, Richter, Ärzte und eben Schiedsrichter! Manche Studien brachten dabei durchaus erstaunliche Ergebnisse zutage.

So scheinen Schiedsrichter durch ihre Entscheidungen zum Heimvorteil beizutragen, wie Studien zum so genannten Crowd-Noise Effekt nahelegen (Nevill, Balmer, & Williams, 2002). In mehreren Studien wurden Schiedsrichtern Foul-Szenen aus Fußballspielen vorgelegt. Die Schiedsrichter mussten entscheiden, ob sie für das jeweilige Foul eine gelbe Karte geben oder nicht. Manche dieser Szenen wurden zufällig gesteuert mit Ton (bzw. mit lautem Ton) und andere ohne Ton (bzw. mit leisem Ton) dargeboten. Dabei zeigt sich immer wieder folgender Effekt: Fouls in lauten Szenen werden mit höherer Wahrscheinlichkeit mit gelben Karten geahndet als Fouls in leisen Szenen, selbst wenn das Foul dasselbe ist und nur einer Gruppe von Schiedsrichtern laut und einer anderen Gruppe leise präsentiert wurde. Möglicherweise entsteht dieser Effekt dadurch, dass Schiedsrichter im Laufe ihrer Karriere einen Zusammenhang zwischen der Lautstärke der Zuschauer und der Schwere eines Fouls lernen (Unkelbach & Memmert, 2010): Je schwerer das Foul, desto lauter schreien die Zuschauer. Umgekehrt nutzen Schiedsrichter nun (wahrscheinlich eher unbewusst) die Zuschauer-Lautstärke als Hinweis auf die Schwere eines Fouls. Da jedoch bei einem Fußballspiel die Anhänger der Heimmannschaft meist in der Überzahl sind, entsteht ein Vorteil für die Heimmannschaft: Fans werden bei einem Foul gegen einen „ihrer“ Spieler lauter schreien als bei einem Foul gegen einen Spieler der „anderen“. Dadurch bekommen, bei sonst gleichem Spielverhalten, die Spieler der Gastmannschaft eher eine gelbe Karte.

Nachteile von den Schiedsrichtern haben auch groß gewachsene Spieler im Fußball zu befürchten, wie die Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten Studie nahelegen (van Quaquebeke & Giessner, 2010). Eine Datenbank-Analyse ergab, dass gegen größere Spieler häufiger Foul gepfiffen wird als gegen kleinere. In zwei folgenden kontrollierten Experimenten fanden die Autoren tatsächlich, dass bei einem Kontakt zwischen zwei Spielern der größere der beiden eher als der „foulende“ wahrgenommen wird. Für ihren Befund bieten die Autoren zwei Erklärungen an: Eine Möglichkeit ist, dass Schiedsrichter dazu neigen, größere Menschen als aggressiver wahrzunehmen. Die Evolutionsbiologie legt nahe, dass die Wahrnehmung von Größe und Aggressivität miteinander verknüpft sind (Archer, 1988). Eine andere Möglichkeit ist, dass größere Spieler tatsächlich häufiger schwere Fouls begehen, weil sie damit erfolgreicher sind als kleinere. Schiedsrichter könnten wieder diesen Zusammenhang gelernt haben und umgekehrt jetzt aus der Größe eines Spielers auf die Schwere des Fouls rückschließen.

In einer berühmten Studie sammelten die Autoren Belege dafür, dass nicht nur Zuschauerlärm und Spielergröße, sondern auch die Trikotfarbe Schiedsrichter beeinflusst (Frank & Gilovich, 1988). Zunächst ergab eine Datenbankanalyse in verschiedenen amerikanischen Ligen (z. B. American Football, Eishockey), dass Teams mit schwarzen Trikots häufiger für Foulspiel bestraft werden. Durch eine sehr überzeugende Studienanordnung wiesen die Autoren daraufhin nach, dass dieser Effekt nicht nur daran liegt, dass schwarz gekleidete Teams aggressiver sind, sondern tatsächlich daran, dass sie aggressiver wahrgenommen werden. Die Autoren produzierten einen Film, der einen Ausschnitt aus einem Football-Spiel zeigte und legten ihn Football-Schiedsrichtern vor. Das Video jedoch existierte in zwei Versionen. Beide Versionen waren bis auf eine Ausnahme identisch: Die Wissenschaftler hatten die Farbe der Teams zwischen den Versionen getauscht. Die Mannschaft, die in der ersten Version weiß gekleidet war, war in der zweiten Version schwarz gekleidet und umgekehrt. Je eine Gruppe von Schiedsrichtern sah eine Version des Videos, und in beiden Gruppen wurde die schwarz gekleidete Mannschaft häufiger wegen Foulspiels bestraft als die weiß gekleidete. Die Autoren erklären den beschriebenen Effekt so, dass Menschen allgemein schwarze Kleidung mit Aggressivität und Gewalt assoziieren (Beispiele reichen vom Schwarzen Ritter des Mittelalters über die Uniformen der SS im Dritten Reich bis zu Spezialeinheiten unserer Zeit). Dieses Vorwissen beeinflusst dann unsere Wahrnehmung und auch die von Schiedsrichtern.

Weitere Belege für den Einfluss von Farben auf die Einschätzung sportlicher Leistungen kommen aus dem Taekwondo, wo sich ein ähnlicher Effekt zeigt (Hagemann, Strauß, & Leißing, 2008). Bei Taekwondo-Wettkämpfen trägt einer der Kämpfer roten und der andere Kämpfer blauen Körper- und Kopfschutz. Träger des roten Schutzes werden von den Punktrichtern als aggressiver eingeschätzt als Träger des blauen Schutzes (was im Taekwondo im Gegensatz zum Fußball einen Vorteil bedeutet). Auch dieser Effekt konnte in einer Studie gezeigt werden, in der die Farben der Schutzausrüstung am Computer manipuliert wurden, so dass die unterschiedliche Farbe die einzige Erklärung für das Ergebnis war. Die letztgenannten Studien sind gute Beispiele dafür, dass die Forschung zu Schiedsrichtern nicht losgelöst von sonstiger sozialpsychologischer Forschung stattfindet, sondern oftmals diese ergänzt. Zahlreiche Studien außerhalb des Sports legen den Schluss nahe, dass Menschen nur sehr selten objektive und unverzerrte Urteile und Entscheidungen treffen können. Oftmals sind Entscheidungssituationen mit Unsicherheit behaftet, und wir müssen auf alle verfügbare Information zurück greifen, um zu einer Entscheidung zu gelangen.

Wie funktionieren Entscheidungen von Schiedsrichtern?

Bislang könnte es so aussehen, als würde die Sozial- und Sportpsychologie sich darauf beschränken, Fehler von Schiedsrichtern zu sammeln und zu erklären. Anders gesagt, wozu ist es gut, zu wissen, dass Schiedsrichter sich von Faktoren wie dem Lärm der Zuschauer und der Farbe der Trikots beeinflussen lassen? Die Antwort ist: Studien wie die oben beschriebenen helfen uns, die kognitiven Prozesse, die bei Entscheidungen von Schiedsrichtern eine Rolle spielen, besser zu verstehen (Plessner & Haar, 2006). Die Sozial- und Sportpsychologie macht nämlich durchaus mehr, als nur die Fehler von Schiedsrichtern zu beschreiben: In den letzten Jahren wurde von Psychologen der Universität Potsdam sowie der Universität Leipzig eine Trainingsintervention entwickelt, die Fußball-Schiedsrichter dabei unterstützt, ihre Entscheidungsfähigkeiten noch weiter zu verbessern. Die Grundidee bei der Entwicklung des Schiedsrichter-Entscheidungs-Trainings SET war, dass das Training einerseits dem neuesten Stand psychologischer Forschung entsprechen sollte, andererseits jedoch auch den praktischen Anforderungen als Trainingsinstrument für Fußball-Schiedsrichter (Brand, Schweizer, & Plessner, 2008). Im ersten Schritt schauten sich die Entwickler des Trainings die Entscheidungssituation von Fußballschiedsrichtern genau an, um zu verstehen, wie diese Entscheidungen funktionieren.

Beispielsweise nimmt ein Fußball-Schiedsrichter einen Kontakt zwischen zwei Spielern wahr. Einer der beiden Spieler stürzt. Der Schiedsrichter entscheidet innerhalb einer Sekunde Foul basierend auf den folgenden Hinweisen: Spieler 1 rutscht in Spieler 2, Spieler 2 stürzt und Spieler 2 hatte den Ball zum Zeitpunkt des Kontakts bereits gespielt. Um die korrekte Entscheidung zu treffen, musste der Schiedsrichter in der Lage sein, unter extremem Zeitdruck alle drei Hinweisreize zu verarbeiten. Jeder der Hinweisreize für sich genommen ist kein ausreichender Grund für eine Foul-Entscheidung. Nicht immer, wenn ein Spieler stürzt, ist es ein Foul, und wäre der Ball noch nicht gespielt gewesen, wäre es kein Foul gewesen.

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