Wo ist bloß gerade meine Willenskraft geblieben? Das Kraftspeichermodell der Selbstkontrolle

Warum gelingt es uns im einen Moment Versuchungen zu widerstehen, uns zu unangenehmen Tätigkeiten zu überwinden, unsere Emotionen zu kontrollieren und unsere Aufmerksamkeit zu steuern, während all dies zu einem anderen Zeitpunkt missglückt? Also, warum können wir im einen Moment unser Erleben und Verhalten willentlich in angemessene Bahnen lenken, sind aber zu einem anderen Zeitpunkt „willensschwach“? Diese und ähnlichen Fragen werden in diesem Beitrag beantwortet!

Warum gelingt es uns im einen Moment Versuchungen zu widerstehen, uns zu unangenehmen Tätigkeiten zu überwinden, unsere Emotionen zu kontrollieren und unsere Aufmerksamkeit zu steuern, während all dies zu einem anderen Zeitpunkt missglückt? Also, warum können wir im einen Moment unser Erleben und Verhalten willentlich in angemessene Bahnen lenken, sind aber zu einem anderen Zeitpunkt „willensschwach“? Eine Antwort hierauf gibt das Kraftspeichermodell der Selbstkontrolle. Dieses besagt, dass die erfolgreiche Ausübung willentlicher Handlungen von der momentanen Verfügbarkeit eines begrenzten Vorrats an geistiger Willenskraft abhängt. Ist dieser Vorrat durch vorangegangene Willenshandlungen momentan erschöpft, werden weitere willentliche Handlungen vorübergehend mit geringerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich ausgeführt.

Es dürfte nahezu jedem vertraut vorkommen: Man nimmt sich etwas vor, hält es eine Weile durch und scheitert dann schließlich in einem schwachen Moment. Ein prototypisches Beispiel sind die beherzten aber zumeist erfolglosen Vorsätze zum neuen Jahr, abzunehmen, mit dem Rauchen aufzuhören und insgesamt einfach gesünder zu leben.

Spätestens nach ein paar Tagen nimmt eine Verlockung (in diesem Fall beispielsweise eine Tafel Schokolade) die Überhand und die guten Vorsätze sind im wahrsten Sinne des Wortes gegessen.

Auswirkungen akuter Willensschwäche findet man auch in anderen Bereichen des Lebens. Kennen Sie das? Man sitzt vor dem Fernseher, lässt sich von etwas mäßig Interessantem berieseln, ist dabei innerlich von Sorgen gequält, weil man eigentlich schon seit Stunden eine wichtige Hausarbeit, einen Arbeitsbericht oder die Steuererklärung abarbeiten müsste, kriegt den Hintern aber nicht hoch. (Der Autor dieser Zeilen kennt das.) Oder man kann seine Frustration nach ein paar Fehlschlägen nicht mehr überwinden und schafft es daher nicht, mit einer unangenehmen Aufgabe fortzufahren. Oder man kriegt es nicht hin, vor einem dreisten Vorgesetzten seine Verärgerung zu verbergen. Oder es misslingt einem, die Aufmerksamkeit auf die Prüfung zu fokussieren und man beschäftigt sich stattdessen mit der Angst, kläglich in selbiger zu versagen. Man weiß zwar oft, was man machen sollte, welches Verhalten vernünftig wäre, und man möchte es ja eigentlich auch gerne umsetzen, aber irgendwie fehlt eben gerade in diesem Moment die Willenskraft dafür. Dann wundert man sich, weshalb es einem zu einem anderen Zeitpunkt schon einmal besser gelang, sich zu beherrschen. Schließlich fand man da Schokolade ja auch nicht weniger lecker, Steuererklärungen weniger nervtötend, Fehlschläge weniger frustrierend, den Vorgesetzten weniger dreist und Prüfungen weniger Angst einflößend. Von einer generellen Willensschwäche kann also nicht die Rede sein. Was also steckt hinter den „schwachen Momenten“?

Selbstkontrolle und das Kraftspeichermodell

Eine einfache Antwort bieten der renommierte Sozialpsychologe Roy Baumeister von der Florida State University und seine Kollegen. Als Baumeister zusammen mit Todd Heatherton und Diane Tice 1994 die Forschungsliteratur sichtete, entdeckten sie vielfältige Hinweise darauf, dass die erfolgreiche Ausübung von willentlichen Handlungen tatsächlich von der momentanen Verfügbarkeit einer Art mentalen Kraft abzuhängen scheint. Baumeister und Kollegen benutzen für die Art von willentlichen Handlungen, auf die ich mich in diesem Artikel beziehe, den Begriff Selbstkontrolle (synonym auch Selbstregulation), was allgemein als die willentliche Unterdrückung oder Veränderung der eigenen vorherrschenden Reaktionstendenzen definiert werden kann. Wie Mark Muraven, Dianne Tice und Roy Baumeister (1998) später im Kraftspeichermodell, auch Ressourcenmodell der Selbstkontrolle genannt, ausführten, benötigt und erschöpft die Ausübung von Selbstkontrolle Willenskraft aus einem begrenzten Kraftspeicher.

Deshalb steht für nachfolgende Selbstkontrolle weniger Willenskraft zur Verfügung, mit der Folge, dass die Selbstkontrollleistung sinkt bzw. erfolgreiche Selbstkontrolle weniger wahrscheinlich wird. Gemäß dem Modell hängen verschiedene Formen der Selbstkontrolle alle von demselben Kraftspeicher ab; das heißt, einer leckeren Versuchung zu widerstehen sollte dieselbe Art von Willenskraft aus demselben Kraftspeicher benötigen wie die Kontrolle der eigenen Aufmerksamkeit.

Empirische Überprüfung des Kraftspeichermodells - Nur nicht an den weißen Bären denken

Mittlerweile unterstützt eine Vielzahl empirischer Studien die Annahme, dass erfolgreiche Selbstkontrolle von der Verfügbarkeit mentaler Willenskraft abhängt. Man verglich in mehreren Experimenten die Selbstkontrollleistung von VersuchsteilnehmerInnen, die gerade zuvor schon in anderer Form Selbstkontrolle ausgeübt hatten, mit der Selbstkontrollleistung von VersuchsteilnehmerInnen, die zuvor keine Selbstkontrolle ausgeübt hatten. Es zeigte sich, dass die VersuchsteilnehmerInnen, die sich vorher selbstkontrolliert hatten, verglichen mit den anderen VersuchsteilnehmerInnen, schlechter in einer nachfolgenden Selbstkontrollaufgabe abschnitten.

Zum Beispiel wurde ein Teil der VersuchsteilnehmerInnen in einem Experiment von Muraven, Tice und Baumeister (1998) instruiert, jeden Gedanken an einen weißen Bären willentlich zu unterdrücken, während sie sechs Minuten lang ihren eigenen Gedankenfluss niederschrieben. Dadurch drängte sich der Gedanke an den Bären natürlich immer wieder auf – es musste also stetig Selbstkontrolle ausgeübt werden, um ihn wegzuschieben.

Die anderen VersuchsteilnehmerInnen wurden hingegen nicht instruiert, ihre Gedanken zu kontrollieren (d.h. keine Selbstkontrolle). Danach sollten alle VersuchsteilnehmerInnen gleichermaßen an mehreren Problemlöseaufgaben arbeiten, konnten aber jederzeit nach eigenem Ermessen mit der Bearbeitung aufhören. Was die VersuchsteilnehmerInnen nicht wussten: Die Aufgaben waren unlösbar. Daher dürften die Aufgaben nach den ersten Fehlversuchen nach und nach frustrierender geworden sein und der Drang, aufzugeben, dürfte stetig gewachsen sein. Man kann davon ausgehen, dass ab einem gewissen Zeitpunkt eine gehörige Portion Willen bzw. Selbstkontrolle aufgebracht werden musste, um trotzdem weiter nach der Lösung zu suchen. Wie erwartet gaben die VersuchsteilnehmerInnen, die zuvor alle Gedanken an einen weißen Bären unterdrückt hatten, schneller auf als die anderen VersuchsteilnehmerInnen. Dieser Befund wurde im Sinne des Kraftspeichermodells so interpretiert, dass die willentliche Kontrolle des eigenen Gedankenstroms („Nicht an einen weißen Bären denken!“) Willenskraft verbrauchte, so dass im Nachhinein weniger Willenskraft übrig war, um die Frustration beim Problemlösen zu überwinden.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die VersuchsteilnehmerInnen, die den Gedanken an den Bären unterdrückten, eine vollständige Erschöpfung jeglicher Willenskraft erfuhren. In diesem Fall hätten sie ja regelrecht Sklaven ihrer Impulse werden müssen und vermutlich gar nicht erst versucht, die folgenden Problemlöseaufgaben zu bearbeiten; sie hätten wohl eher den Laborraum unmittelbar verlassen, um sich hemmungslos etwas Vergnüglicherem hinzugeben. Es ist stattdessen davon auszugehen, dass es in dem eben geschilderten Experiment (sowie in den Experimenten, die im Folgenden noch genannt werden sollen) lediglich zu einer relativen Erschöpfung der Willenskraft kam: Die momentane Willenskraft war aufgrund der Unterdrückung des Gedankens an den Bären im Vergleich zu der ansonsten verfügbaren Willenskraft um eine gewisse Menge reduziert – aber eben sicherlich nicht vollkommen aufgebraucht. Wie das Experiment von Muraven und Kollegen (1998) sowie viele weitere Experimente zeigen, macht sich bereits eine solche relative Einbuße an Willenskraft messbar im Verhalten und in der Selbstkontrollleistung bemerkbar. Man sollte jedoch nicht meinen, dass Menschen nach sechs Minuten Gedankenunterdrückung jede Möglichkeit verlieren, ihr Verhalten willentlich zu steuern.