Haben wir alle versteckte Vorurteile? Implizite Einstellungen und ihre Bedeutung in der Gesellschaft

Würden Sie sagen, dass Sie auf alle Menschen gleich reagieren, ungeachtet ihrer Herkunft? Viele Menschen würden diese Frage mit „Ja“ beantworten. Entgegen dieser Annahme behauptete Hillary Clinton im Wahlkampf 2016, dass alle Menschen implizite Vorurteile hätten. Aber was sind implizite Vorurteile? Woher kommen sie? Hat sie wirklich jeder? Warum unterscheiden sie sich von dem, was wir sagen? Und sind wir ihnen unbewusst ausgeliefert? Mit diesem Artikel wollen wir Ihnen einen ersten Einblick in eins der umstrittensten Forschungsgebiete der Sozialpsychologie geben.

Quelle: Silent diversity. DryHundredFear via flickr (https://flic.kr/p/bADzCf, CC: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Quelle: Silent diversity. DryHundredFear via flickr (https://flic.kr/p/bADzCf, CC: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Wer die Medienberichte 2019 verfolgt hat, dem wird folgendes Szenario vertraut vorkommen: In Köln wurden im Juni 2019 zehn junge Muslime von der Polizei durchsucht und dabei gefesselt am Boden festgehalten, obwohl es keine Anzeichen für eine Straftat gab. Der Polizeirat verteidigte die Maßnahmen und erklärte, dass das Verhalten der BeamtInnen nichts mit der kulturellen Herkunft der Verdächtigen zu tun hatte. Dennoch stellt sich die Frage, ob gegen eine Gruppe deutscher Männer ebenso hart vorgegangen worden wäre. Auch in den USA kommt es immer wieder zu erhöhter Polizeigewalt gegen AfroamerikanerInnen. Diese Beispiele zeigen, dass Menschen entgegen eigener Aussagen möglicherweise nicht immer auf alle Menschen gleich reagieren. Hillary Clinton machte diese Problematik im Zuge ihres Wahlkampfes 2016 in den USA zum Thema und erläuterte, dass PolizistInnen implizite Vorurteile hätten (implicit bias). Dies sei aber nicht nur ein Problem der Polizei, sondern aller Menschen. Sollte sie die Wahl gewinnen, würde sie daher landesweit Trainings einführen, die PolizistInnen für implizite Vorurteile sensibilisieren sollten. In den USA ist der Begriff implicit bias mittlerweile in den Medien und der Bevölkerung bekannt. Doch was genau bedeutet implicit bias und was sind implizite Einstellungen?

Was sind implizite Einstellungen?

Stellen Sie sich vor, Sie werden zu Ihrer Einstellung zu MuslimInnen befragt, persönlich oder in einem Fragebogen. Um diese Frage zu beantworten, lassen Sie sich womöglich etwas Zeit und rufen verschiedene Informationen aus Ihrem Gedächtnis ab. Sie denken eventuell an ISIS und 9/11, aber auch an muslimische Bekannte, Freunde oder Freundinnen, sowie daran, dass für Sie alle Menschen gleich sind, ungeachtet ihrer religiösen Ansichten. Ein Fazit all dieser Überlegungen würde möglicherweise zu einer generell positiven Bewertung muslimischer Menschen führen. Eine solche Einstellung, bei der Sie direkt gefragt werden und Zeit haben, über verschiedene Aspekte nachzudenken und diese zu integrieren, nennen PsychologInnen auch explizite Einstellung.

Nun stellen Sie sich vor, dass Ihnen nachts auf dem Heimweg ein arabisch aussehender Mann entgegenkommt. Möglicherweise ertappen Sie sich dabei, wie Sie sich im ersten Moment etwas unwohl oder unsicher fühlen, bevor Sie rational über die Situation nachdenken können. PsychologInnen versuchen solche Reflexe mit Messmethoden zu erfassen, die auf Reaktionszeiten beruhen und somit die Kontrollierbarkeit der Antwortreaktion einschränken. Eine so erfasste Antwortreaktion wird in der Psychologie implizite Einstellung oder implizite Bewertung genannt, denn sie zeigt sich implizit in Ihren spontanen Reaktionen und nicht in Ihren expliziten Aussagen.Unsere spontanen Reaktionen können sich von unseren durchdachten Einstellungen unterscheiden. As I Might React. David Goehring via flickr (https://flic.kr/p/dYq4QA, CC: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Unsere spontanen Reaktionen können sich von unseren durchdachten Einstellungen unterscheiden. As I Might React. David Goehring via flickr (https://flic.kr/p/dYq4QA, CC: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Häufig erfüllen solche spontanen Reaktionen wichtige Funktionen. Sie helfen uns gefährliche Situationen schnell einzuschätzen und darauf zu reagieren. Es ist beispielsweise sinnvoll, wenn Sie sich bei dem Anblick einer Schlange unsicher fühlen und schnell die Flucht ergreifen. Wie das Beispiel der arabischen Person jedoch zeigt, können solche Reaktionen auch zum Zuge kommen, wenn objektiv nicht unbedingt eine Gefahr besteht und so z. B. dazu führen, dass Sie nicht auf alle Menschen gleich reagieren.

Wie werden implizite Einstellungen gemessen?

Einer der bekanntesten Tests für die Erfassung impliziter Einstellungen ist der implizite Assoziationstest (IAT, Greenwald, McGhee & Schwartz, 1998). Bei einem IAT müssen Sie Worte und Bilder in Kategorien einordnen. Er beruht auf der Idee, dass Dinge, die im Gedächtnis miteinander verknüpft sind (z. B. Hund und Katze), auch leichter miteinander kategorisiert werden können. Solche Verknüpfungen im Gedächtnis nennen PsychologInnen auch Assoziationen.

Abbildung 1: Ablauf eines Türkisch-Deutsch IATs. Quelle: Von den Autoren erstellte Abbildung. Türkische Frau: Engin Akyurt via Pixabay (CC: https://pixabay.com/de/service/license/) Deutsche Frau: Pixabay (CC: https://pixabay.com/de/service/license/)Abbildung 1: Ablauf eines Türkisch-Deutsch IATs. Quelle: Von den Autoren erstellte Abbildung. Türkische Frau: Engin Akyurt via Pixabay (CC: https://pixabay.com/de/service/license/) Deutsche Frau: Pixabay (CC: https://pixabay.com/de/service/license/)Ein IAT, der implizite Einstellungen gegenüber TürkInnen im Vergleich zu Deutschen misst, ist in Abbildung 1 dargestellt. Hier müssen so schnell wie möglich die Kategorien TürkInnen und Deutsche (z. B. mit Bildern dargestellt) in Kombination mit positiven und negativen Wörtern kategorisiert werden. In einem Durchgang besteht die Aufgabe darin, eine Taste zu drücken, wenn Bilder von TürkInnen oder negative Wörter auf dem Bildschirm gezeigt werden und eine andere Taste, wenn Bilder von Deutschen oder positive Wörter präsentiert werden. Danach werden die Kombinationen getauscht, sodass Sie mit der ersten Taste auf Deutsche und negative Wörter reagieren müssen und mit der zweiten Taste auf TürkInnen und positive Wörter. Wenn eine Person schneller in dem Durchgang reagiert, in dem TürkInnen mit negativen Wörtern und Deutsche mit positiven Wörtern gepaart werden, dann wird dieses Ergebnis von PsychologInnen als Indikator dafür gesehen, dass für diese Person die Konzepte deutsch und positiv stärker miteinander verknüpft sind, als die Konzepte türkisch und positiv. Man spricht dann von einer positiveren impliziten Einstellung gegenüber Deutschen als TürkInnen.

Haben wir alle versteckte Vorurteile und wenn ja, woher kommen diese?

Die ErfinderInnen des IATs haben eine Webseite erstellt (https://implicit.harvard.edu ), auf der man IATs zu verschiedenen Themen zu Forschungszwecken durchführen kann. Die Daten von 11.459 Deutschen zeigen, dass diese durchschnittlich eine positivere Reaktion auf hellhäutige im Vergleich zu dunkelhäutigen Menschen haben (Stafford, 2017). Es scheint also eine grundsätzliche Tendenz von Deutschen zu geben, spontan negativere Reaktionen gegenüber Minderheiten im Vergleich zu Deutschen zu zeigen. Aber woher kommen diese spontanen Reaktionen?

Eine weit verbreitete Perspektive ist, dass Menschen implizite Einstellungen durch die Kultur, in der sie leben, erlernen. So könnte eine negativere spontane Reaktion gegenüber TürkInnen dadurch entstehen, dass ethnische Minderheiten gesellschaftlich häufig im Zusammenhang mit negativen Informationen erwähnt werden, und so TürkInnen in Verbindung mit negativen Gefühlen abgespeichert werden und eine so genannte negative Assoziation entsteht. Andersherum könnte kultureller Wandel implizite Einstellungen dann auch zum Positiven wenden. Tatsächlich sanken in US-Staaten, in denen die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt wurde, implizite Vorurteile gegenüber Homosexuellen im Schnitt schneller als in Staaten, in denen die gleichgeschlechtliche Ehe noch nicht eingeführt war (Ofosu, Chambers, Chen & Hehman, 2019).

Forschung zum Phänomen des evaluativen Konditionierens bestätigt diese Idee (Hofmann, De Houwer, Perugini, Baeyens & Crombez, 2010). Das wiederholte Darbieten von Objekten (z. B. eine bestimmte Biermarke) zusammen mit positiven oder negativen Informationen (z. B. glückliche Models oder Obdachlose) verändert die impliziten Einstellungen zu diesen Objekten. Dieses Phänomen wird in der Werbung häufig genutzt. Schaut man auf die Medienberichterstattung, könnten so auch erlernte Verknüpfungen mit verschiedenen sozialen Gruppen erklärt werden. Andererseits gibt es Forschung, die zeigt, dass implizite Einstellungen sich schon aufgrund einzelner Informationen entwickeln können, also kein wiederholtes Lernen erfordern (für eine Zusammenfassung, siehe Hahn & Gawronski, 2018). Entgegen erster Annahmen sind implizite Einstellungen außerdem nicht sonderlich stabil. Zwar zeigen verschiedene psychologische Studien eine generelle Tendenz, eine negativere implizite Einstellung gegenüber Minderheiten zu zeigen, diese kann für einzelne Personen jedoch über die Zeit hinweg stark variieren (Vuletich & Payne, 2019). Zusätzlich sind implizite Einstellungen kontextabhängig. In einer Studie von Wittenbrink, Judd und Park (2001) zeigten Versuchspersonen weniger negative implizite Einstellungen gegenüber dunkelhäutigen im Vergleich zu hellhäutigen Menschen, wenn diese vor einer Kirche gezeigt wurden, als wenn sie vor einer Graffiti-Wand gezeigt wurden. Wenn Sie sich also nachts im Dunkeln bei der Begegnung einer anderen Person unwohler fühlen, wenn diese arabisch aussieht, dann könnte der bestimmte Kontext Einfluss darauf haben. Begegnen Sie derselben Person im Rahmen einer Hochzeitsfeier, könnten Sie positivere spontane Reaktionen zeigen.

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