Warum Affen keine Angst vor Blumen haben - Evolutionäre und neurowissenschaftliche Perspektiven auf eine lebenswichtige Emotion

Wenn sich die Angst auf andere Menschen bezieht

Häufig beziehen sich Emotionen nicht auf Objekte, sondern auf Menschen. In einer Studie von de Rosnay und Kollegen wurde untersucht, wie sich das Verhalten der Mutter gegenüber einer fremden Person auf das Verhalten ihres Kindes gegenüber derselben Person auswirkt (de Rosnay, Cooper, Tsigaras, & Murray, 2006). Die untersuchten Mütter waren von sich aus nicht außergewöhnlich ängstlich oder unsicher in sozialen Interaktionen. Für die Studie wurden sie aber trainiert, sich einer fremden Person gegenüber so zu verhalten als hätten sie eine soziale Phobie. Dazu gehören Verhaltensweisen wie Vermeidung von Augenkontakt, eine steife Haltung, sowie auf die Lippen beißen und vermeidende Antworten.

 

Wenn sich die Mutter einem Fremden gegenüber „ängstlich“ verhalten hatte, zeigten auch ihre 12-14 Monate alten Babys in einer darauf folgenden Interaktion mit derselben Person mehr Angst, vermieden den Kontakt und schauten öfter zur Mutter als wenn sich die Mutter dem Fremden gegenüber nicht ängstlich verhalten hatte. Dies war besonders deutlich bei Babys zu beobachten, die selbst ein eher ängstliches Temperament hatten. In dieser Studie wurde nicht untersucht welche Auswirkungen die Verhaltensweisen von Bezugspersonen langfristig auf das soziale Interaktionsverhalten von Kindern haben. Die Befunde legen aber nahe, dass Kinder, die ein ängstliches Temperament besitzen und deren Bezugsperson ein sozial ängstliches Verhalten zeigt, auch selbst eher zurückgezogen und ängstlich auf fremde Personen reagieren. Langfristig führt dies möglicherweise zu selteneren und weniger belohnenden Interaktionen mit anderen Menschen, zu zunehmender Zurückgezogenheit und - im Extremfall - zu einer sozialen Phobie.

 

Der Mandelkern – Zentrum der Angst

Auf neuronaler Ebene spielt eine tief im Schläfenlappen verborgene Struktur eine besondere Rolle für das Lernen von Furchtassoziationen sowie das Beobachtungslernen: der Mandelkern (lat. Amygdala). Es handelt sich um eine Ansammlung neuronaler Kerne, die mit nahezu allen anderen Hirnbereichen eng verknüpft sind. Sowohl bei Menschen als auch bei Tieren können Verletzungen des Mandelkerns Furchtlosigkeit hervorrufen während elektrische Stimulation des Mandelkerns zu Furchtverhalten führt (für einen Überblick siehe Mineka & Öhmann, 2002). Der Mandelkern wurde schon sehr früh in Studien mit funktionellen bildgebenden Verfahren untersucht, die Auskunft darüber geben, welche Hirnbereiche bei bestimmten Aufgaben oder Reizen aktiviert sind. Hierbei wurde festgestellt, dass der Mandelkern durch erschrockene Gesichtsausdrücke besonders stark aktiviert wird (Morris et al., 1996). Dies gilt auch, wenn die Gesichter nur so kurz präsentiert werden, dass eine bewusste Wahrnehmung gar nicht möglich ist (Whalen et al., 1998).

 

Die visuelle Verarbeitung läuft im Gehirn über mehrere Routen ab in die der Mandelkern in vielfältiger Weise eingebunden ist. Das was wir bewusst und fokussiert betrachten wird von den Augen über einige Verschaltungen in die Sehrinde und von dort in höhere Hirnrindengebiete zur komplexen bedeutungsmäßigen Verarbeitung weitergeleitet. Auch der Mandelkern ist mit diesem Wahrnehmungspfad verschaltet und kann an der bewussten Verarbeitung von Reizen beteiligt sein. Der zweite Weg zum Mandelkern läuft dagegen über eine sogenannte „quick and dirty“ Route, also schnell und „schmutzig“, bzw. ungenau (LeDoux, 1996). Es wird bei dieser Verarbeitung auf Präzision verzichtet, um eine schnelle Reaktion zu ermöglichen: Ein kleiner Schatten an der Wand löst bei einer Spinnenphobie eine Mandelkern-Aktivierung aus, noch bevor durch eine detaillierte Verarbeitung festgestellt werden kann, ob es sich überhaupt um eine Spinne handelt. Über Verbindungen des Mandelkerns zum Hypothalamus und autonomen Nervensystem wird der Körper dann in Alarmbereitschaft versetzt. Puls und Blutdruck werden erhöht; der Körper bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor. Im Ernstfall sind wir somit in Alarmbereitschaft bevor wir überhaupt wissen was uns potentiell gefährdet. Ein falscher Alarm hin und wieder wird dafür in Kauf genommen.

 

Neuere Studien zeigen, dass der Mandelkern auch für das Lernen von Furcht durch Beobachtung zentral ist (Olsson & Phelps, 2007). So zeigten Hooker und Kollegen, dass die Aktivierung des Mandelkerns dann besonders groß ist, wenn durch einen Gesichtsausdruck auch etwas über ein Objekt gelernt wird. Der Mandelkern reagiert also stärker, wenn ein erschrockenes Gesicht auf das Objekt schaut, das die Emotion auslöst, als wenn der Gesichtsausdruck ohne Objekt gezeigt wird (Hooker, Germine, Knight, & D'Esposito, 2006). Dies stimmt mit dem Ergebnis überein, dass Babys auf einen erschrockenen Gesichtsausdruck vor allem dann mit erhöhter Aufmerksamkeit reagieren, wenn der Blick der Person auf ein Objekt gerichtet ist, wenn also klar ist wovor die Person sich fürchtet (Hoehl, Palumbo, Heinisch, & Striano, 2008).

 

Angst „verlernen“

Der Mandelkern spielt nicht nur eine wichtige Rolle beim „Erlernen“ sondern auch beim „Verlernen“ von Angst. Wenn ein zuvor mit Angst besetzter Reiz nach einiger Zeit an Schrecken verliert, hat das in der Regel nichts mit Vergessen zu tun (Davis, Myers, Chhatwal, & Ressler, 2006). Im Gegenteil: Das dauerhafte Vermeiden eines gefürchteten Reizes führt eher zu einer Verfestigung der Angst. Die Überwindung einer stark ausgeprägten Angst, wie im Falle einer Phobie bedarf einer gezielten Löschung (Extinktion). Die Grundlage hierfür ist eine wiederholte Konfrontation mit dem angstbesetzten Reiz in Abwesenheit echter Gefahr. Verhaltenstherapeutische Ansätze zur Behandlung von Phobien basieren meist auf einer systematisch wiederholten Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz (z.B. einer Spinne) oder der angstauslösenden Situation (z.B. Gesprächen mit fremden Menschen bei einer sozialen Phobie). Dadurch soll erfahren werden, dass der Reiz oder die Situation keine tatsächliche Bedrohung darstellt und die Angst mit der Zeit nachlässt, wenn man die gefürchtete Situation erträgt (Möller et al., 2005). Unterstützt werden kann dieser Prozess durch den Einsatz von Entspannungsverfahren, um die erlebte Angst während der Konfrontation zu verringern. Streng genommen handelt es sich hierbei jedoch nicht um ein „Verlernen“ der Angst, als vielmehr um einen neuen Lernvorgang, bei dem erfahren wird, dass der angstbesetzte Reiz in der entsprechenden Situation keine Gefahr birgt, wodurch die Angstreaktion gehemmt wird. Wie auch beim Lernen von Angstassoziationen scheinen hierfür Verbindungen von Nervenzellen des Mandelkerns eine entscheidende Rolle zu spielen (Davis et al., 2006).

 

Fazit

Es lässt sich zusammenfassen, dass die Fähigkeit zum Beobachtungslernen zwar auf der einen Seite überlebenswichtig für uns Menschen sowie unsere Verwandten in freier Wildbahn ist, auf der anderen Seite jedoch auch zu fehlgeleitetem Lernen führen kann. Die Evolution hat uns mit einer besonderen Bereitschaft ausgestattet, bestimmte Reize, wie z.B. Spinnen und Schlangen, mit Angst zu assoziieren. In unseren Breitengraden jedoch, in denen es kaum gefährliche Schlangen oder Spinnen gibt, kann diese Bereitschaft zusammen mit individuellen Persönlichkeitsfaktoren und Lerngelegenheiten zu einer Phobie führen. Auch die Entwicklung sozialer Phobien wird möglicherweise durch Beobachtungslernen begünstigt. Solche Angststörungen können die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken. Die unbegründete Angst kann in diesem Fall zwar überwunden werden, dies aber ist ein langwieriger und anstrengender Prozess im Rahmen psychotherapeutischer Behandlungen.

 

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