Zum Bioregal gestupst: Kann durch Vorauswahl umweltfreundlicher Handlungsoptionen die Nachhaltigkeit von OttonormalverbraucherInnen gefördert werden?

„Wer A sagt muss auch B sagen“ – mit dieser Redewendung wird die Forderung verbunden, einem ersten Schritt in eine bestimmte Richtung noch möglichst viele weitere folgen zu lassen. Umweltschutzmaßnahmen, die die Hürde für einzelne Verhaltensweisen senken, bleiben jedoch in ihrer Wirkung meist auf eben diese konkreten Zielverhaltensweisen beschränkt. So konnte in einer Tagebuchstudie, in der die Teilnehmenden eine Woche lang jeden Abend berichteten, wieviel Fleisch sie am jeweiligen Tag gegessen hatten, durch Hinweise auf den klimaschädlichen Effekt der Fleischkonsum reduziert werden. Dies hatte jedoch nicht zur Folge, dass die Teilnehmenden im Anschluss einen höheren Betrag für eine Umweltschutzorganisation spendeten (Carrico, Raimi, Truelove & Eby, 2018). Eine aktuelle Überblicksarbeit basierend auf dieser und 76 weiteren Untersuchungen berichtet sogar einen kleinen Effekt entgegen der erwarteten Richtung: Teilnehmende, die dazu bewegt werden konnten, sich in einem Bereich umweltfreundlicher zu verhalten, taten Nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel als Zielperspektive! Protestplakat der Fridays for Future Bewegung.Nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel als Zielperspektive! Protestplakat der Fridays for Future Bewegung.dafür dann in anderen Bereichen weniger für den Umweltschutz (Maki et al., 2019). Für die Wirkung von Defaults auf weitere, nicht direkt durch den Default erleichterte Verhaltensweisen liegen bislang kaum Untersuchungen vor. Auch diese berichten aber entweder gar keinen oder einen der beabsichtigten Wirkung entgegengesetzten Effekt (Ghesla, Grieder & Schmitz, 2019). Und Teilnehmende, die mit Überlegungen zur Einführung eines Ökostromdefaults konfrontiert wurden, signalisierten in der Folge eine geringere Akzeptanz für eine mögliche CO2-Steuer (Hagmann, Ho & Loewenstein, 2019). Als Zwischenfazit bleibt festzuhalten: Wer zum A sagen gestupst wird, sagt dafür dann seltener B. Dass die Einführung umweltfreundlicher Defaults umfassende Veränderungen individueller Lebensstile anstößt und so zur Großen Transformation beitragen kann, ist bislang also nicht belegt.

Was für das Verhalten gilt, gilt natürlich auch für die Konsequenzen von Umweltschutz- bzw. Konsumverhalten, also zum Beispiel Energieverbrauch und CO2-Emissionen. Zwar kann das Umlenken von einer Handlungsalternative zur anderen bei isolierter Betrachtung durchaus einen Beitrag zum Klimaschutz bedeuten. Es besteht aber die Gefahr, dass dieser kleine Beitrag durch sogenannte Rebound-Effekte aufgehoben wird oder sich sogar ins Gegenteil verkehrt. So reduziert sich durch das (automatische) Abschalten des Motors an geschlossenen Bahnschranken in unserem Beispiel oben, energiesparsames Verhalten im Haushalt wie Duschen statt Baden oder den Erwerb effizienter Geräte zunächst der individuelle CO2-Fußabdruck. Gleichzeitig spart all dies aber auch Geld. Und eben dieses Geld wird dann für schöne neue Erlebnisse und den Erwerb schöner neuer Dinge ausgegeben, was wiederum mit CO2-Emissionen einhergeht. Entsprechend erhärten sich die Prognosen, dass Deutschland—trotz aller individueller und kollektiver Bemühungen und trotz erheblicher technologischer Effizienzsteigerungen—den Klimaschutzplan für 2020 verfehlen wird (Bundesministerium für Umwelt, 2018).

Können umweltfreundliche Defaults notwendige Lernprozesse anstoßen?

Wenig vielversprechend erscheint der Einsatz umweltfreundlicher Defaults auch bei Betrachtung der kollektiven, gesellschaftlichen Ebene. Der WBGU erklärt, dass es für eine Große Transformation einen gestaltenden Staat braucht, in dem Prioritäten und Rahmenrichtlinien unter die Leitperspektive von Nachhaltigkeit gesetzt werden. Dabei sollen sich aber Entfaltungsmöglichkeiten für AkteurInnen eröffnen und Teilhabe und Partizipation gefördert werden (WBGU, 2011). Ziel sei es „einen umfassenden Umbau aus Einsicht, Umsicht und Wie können große und kleine OttonormalverbraucherInnen lernen, eigenverantwortlich Nachhaltigkeitsentscheidungen zu treffen?Wie können große und kleine OttonormalverbraucherInnen lernen, eigenverantwortlich Nachhaltigkeitsentscheidungen zu treffen?Voraussicht voranzutreiben“ (WBGU, 2011, S. 5).

Für das Gelingen der Großen Transformation bedarf es also einer kollektiven Bewusstseinsbildung. Umweltschutz sollte als komplexe gesellschaftliche Herausforderung begriffen werden, deren Bewältigung die aktive Mitwirkung aller Gesellschaftsmitglieder erfordert. Die vergleichsweise einfachen, wenig kostenintensiven und auf bekannte Strategien zurückgreifenden Zielverhaltensweisen umweltfreundlicher Defaults kratzen jedoch nur an der Oberfläche. Sie stellen den Status quo gesellschaftlicher Ausrichtung kaum in Frage (Nalau & Handmer, 2018). Das Erfolgsrezept umweltfreundlicher Defaults basiert zudem auf der Annahme, Nachhaltigkeit wäre durch das passive Befolgen einfacher und eindeutiger Verhaltensempfehlungen erreichbar. Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt hingegen darauf ab, die Fähigkeit zum Umgang mit Komplexität zu fördern (Asbrand, 2009). AkteurInnen sollen lernen selbst zu erkennen, warum Nachhaltigkeit wichtig ist und sie sollen die Fähigkeit erwerben, ökologische, ökonomische und soziale Verhaltenskonsequenzen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit zu verstehen. Entsprechend betonen aktuelle bildungspolitische Rahmenrichtlinien der Kultusministerkonferenz (KMK) die Notwendigkeit der Förderung von Bewertungs- und Gestaltungskompetenz (KMK/BMZ/Engagement Global, 2016; siehe auch Hertwig & Grüne-Yanoff, 2017).

Ein Nachweis, dass umweltfreundliche Defaults diese Lernprozesse anstoßen könnten, wurde bislang nicht erbracht und ist wohl auch eher nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Untersuchungen im Schulunterricht zeigen, dass Handlungsempfehlungen (wie sie auch durch Defaults vermittelt werden) ein geringes Potential für Lebensstiländerungen und Kompetenzzuwachs bieten. Moralische Appelle, die LehrerInnen an ihre SchülerInnen richteten, wurden von letzteren als wenig alltagsrelevant wahrgenommen oder sogar zurückgewiesen (Wettstädt & Asbrand, 2014). Das Sich-Aneignen von nachhaltigen Verhaltensweisen findet offenbar dort statt, wo eine aktive und selbstbestimmte Auseinandersetzung ermöglicht wird (Asbrand, 2009). AkteurInnen sollte also Eigenverantwortung für ihre (Nachhaltigkeits-)Entscheidungen eingeräumt werden, statt diese—über moralische Appelle oder Defaults—vorwegzunehmen.

Fazit

Defaults sind ein gut erprobtes Mittel zur Erleichterung einzelner umweltfreundlicher Verhaltensweisen (z. B. Abschluss eines Ökostromvertrags, doppelseitiges Drucken oder Kauf eines Glases Bioerdbeermarmelade). Sie sind zudem bei engagierten KlimaschützerInnen und OttonormalverbraucherInnen gleichermaßen wirksam. Durch die Vorauswahl einzelner umweltfreundlicher Handlungsoptionen werden sich jedoch weder individuelle Lebensstile hin zu mehr Nachhaltigkeit verändern, noch wird die Fähigkeit gefördert, bewusst und eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen. Mehr noch: Die Ankündigung umweltfreundlicher Defaults verringert die Akzeptanz weiterer, wichtiger Klimaschutzmaßnahmen. Defaults werden folglich kaum einen Beitrag zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Transformation leisten können.

Literaturverzeichnis

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Asbrand, B. (2009). Wissen und Handeln in der Weltgesellschaft: Eine qualitativ-rekonstruktive Studie zum Globalen Lernen in der Schule und in der außerschulischen Jugendarbeit. Münster: Waxmann.

Bundesministerium für Umwelt (2018, 13. Juni). Kabinett beschließt dritten Klimaschutzbericht [Pressemitteilung]. Verfügbar unter https://www.bmu.de/pressemitteilung/kabinett-beschliesst-dritten-klimasc...

Carrico, A. R., Raimi, K. T., Truelove, H. B., & Eby, B. (2018). Putting your money where your mouth is: An experimental test of pro-environmental spillover from reducing meat consumption to monetary donations. Environment and Behavior, 50, 723-748. doi: https://doi.org/10.1177/0013916517713067

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Maki, A., Carrico, A. R., Raimi, K. T., Truelove, H. B., Araujo, B., & Yeung, K. L. (2019). Meta-analysis of pro-environmental behaviour spillover. Nature Sustainability, 2, 307-315. doi: https://doi.org/10.1038/s41893-019-0263-9

Nalau, J., & Handmer J. (2015). When is transformation a viable policy alternative? Environmental Science & Policy, 54, 349-356. doi: https://doi.org/10.1016/j.envsci.2015.07.022

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