Altersstereotype und motorische Fähigkeiten im Alter

Das Priming kann im Experiment entweder durch die Aktivierung von Gefühlszuständen stattfinden (affektives Priming) oder durch die Nutzung von bestimmten Begriffen in der Testsituation, zum Beispiel in Texten, Aufgaben oder Filmen ( semantisches Priming). Die Aktivierung der Stereotype kann dabei unbewusst oder bewusst erfolgen. Ein Beispiel für ein unbewusstes Priming ist das Einblenden von Begriffen für so kurze Zeit, dass die Testpersonen es nicht bewusst wahrnehmen können. So werden zum Beispiel auf einem Computerbildschirm, an dem die Testpersonen eine Aufgabe ausführen sollen, positive (z.B. „weise") oder negative (z.B. „senil") Begriffe eingeblendet, bevor die Tests durchgeführt werden (Levy, 2003). Die Einblendzeit wird dabei den jeweiligen Testpersonen angepasst, da sich im Alter die Unterschiede der Wahrnehmungsschnelligkeit zwischen den Personen erhöhen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei der Mehrzahl der Studien, in denen Stereotype aktiviert wurden und danach Verhaltenseffekte auftraten, zu beobachten war, dass die Aktivierung von negativen Altersstereotypen die Leistungen schlechter ausfallen ließ. Die Personen passten sich also dem Stereotyp in gewisser Weise an, anstatt nun gerade zu besseren Leistungen angestachelt zu werden, um sich von den Stereotypen abzugrenzen. Außerdem zeigten negative selbstbezogene Stereotype öfter Auswirkungen als positive (Wheeler & Petty, 2001).

Einfluss von Altersstereotypen auf Bewegungen

Eine Forschungsgruppe hat mehrere Studien zum Einfluss von Altersstereotypen auf den körperlichen Leistungszustand und auf Bewegungen durchgeführt (Levy & Leifheit-Limson, 2009, Levy et al., 2002). Einflüsse auf die körperliche Verfassung zeigten sich auch in der Rehabilitation nach einem Infarkt, wobei positive Stereotype den Heilungsprozess positiv beeinflussen (Levy et al. 2000).

Einige der Studien haben sich auch mit der Auswirkung von Altersstereotypen auf die motorische Leistung befasst. Hier wurden Primingverfahren eingesetzt und deutliche Einflüsse von Altersstereotypen auf die jeweils gemessene Leistung nachgewiesen. In einer Studie wurde die Zeit gemessen, die Testpersonen benötigten, um von einem Stuhl aufzustehen, was als ein guter Anhaltspunkt für das Gleichgewicht verstanden wird. Hier standen Personen mit positivem Priming schneller auf (Levy & Leifheit-Limson, 2009). In einem Vergleich von Gedächtnis- und Gleichgewichtsleistungen wurde in der Studie außerdem festgestellt, dass der Bereich, auf den sich Stereotype beziehen, bedeutsam für die Stärke der Auswirkung ist. So beeinflussten negative Altersstereotype, die sich auf das Gedächtnis im Alter bezogen, besonders stark die Gedächtnisleistung und weniger das Gleichgewicht, während negative körperliche Altersstereotype vor allem die Leistung beim Gleichgewicht negativ beeinflussten (Levy & Leifheit-Limson, 2009).

In einer anderen Studie wurden die Schrittgeschwindigkeit und die Zeit der Schwungphase, welche als Indikatoren (Anzeiger) für die Gleichgewichtsfähigkeit genutzt werden, unter dem Einfluss von Altersstereotypen gemessen (Hausdorff et al., 1999). Als Schwungphase wird dabei die Zeitspanne bezeichnet, in der sich beim Gehen ein Bein in der Luft befindet, also ohne Bodenkontakt ist. Testpersonen, die unbewusst ein positives Priming erhalten hatten, gingen schneller und mit längerer Schwungphase als Testpersonen mit negativem Priming. Der Zuwachs nach dem positiven Priming war dabei vergleichbar mit dem Fortschritt, den Ältere nach einem mehrwöchigen Trainingsprogramm zeigten. Ebenfalls mit der Gehgeschwindigkeit befasste sich eine Studie, in der bei jungen Testpersonen ein negatives Priming von Altersstereotypen angewandt wurde. Diese Personen gingen signifikant langsamer als Personen, die neutralen Begriffen ausgesetzt waren (Bargh, Chen & Burrows, 1996). Hier zeigte sich also, dass negative Altersstereotype nicht nur bei Älteren Auswirkungen auf das körperliche Verhalten haben, sondern Junge ebenfalls von ihnen "verlangsamt" werden können.

Eine weitere Studie verglich Handschriften Älterer vor und nach einem unbewussten Alterspriming, wobei eine Gruppe negative und eine andere positive Primings erhielt. Die Handschriften nach dem negativen Priming wurden häufiger als zittrig, senil und vom Abbau beeinträchtigt bewertet und die Urheber als signifikant älter eingeschätzt (Levy, 2000). Bezüglich des Geschlechts kann in einigen Eigenschaften ein Doppelstandard des Alterns nachgewiesen werden: Einige Alterszeichen werden bei Frauen negativer bewertet als bei Männern. Es liegen jedoch hierzu bisher keine Studien vor, die dabei zwischen kognitiven und körperlichen Funktionen unterscheiden. Auch die möglichen Auswirkungen solch eines Doppelstandards auf die motorischen Leistungen sind bisher nicht untersucht worden. So wäre es interessant zu wissen, ob älteren Männern und Frauen in unterschiedlicher Weise Leistungseinbußen wie das Nachlassen von Kraft, Geschicklichkeit oder Gleichgewicht zugeschrieben werden. Auch müsste untersucht werden, inwieweit Ältere solche Kombinationen von Alters- und Geschlechterstereotypen in ihr Selbstbild aufnehmen und danach handeln. Dies kann zum Beispiel wichtig sein bei der Frage, ob ältere Frauen sich ebenso ein Krafttraining an Maschinen zutrauen wie die Männer oder ob ältere Männer offen für Gymnastikprogramme sind, die Beweglichkeit und Gleichgewichtssinn schulen.

Fazit und Ausblick

Angesichts des demografischen Wandels und der Herausforderung, dass möglichst viele Ältere bis ins hohe Alter mobil bleiben wollen und sollen, wird es zunehmend wichtiger, Kenntnisse über negative und positive Faktoren des motorischen Lernens im Alter zu erlangen. Erste Ergebnisse zeigen, dass negative Altersstereotype sowohl die Gleichgewichtsleistung beeinflussen als auch, dass sich Menschen unter negativen Priminginstruktionen langsamer und zittriger bewegen. Man kann daher annehmen, dass bereits durch Bemerkungen wie ein ironisches „Ob du das in deinem Alter noch schaffst!?" negative Stereotype aktiviert werden, die die tatsächliche körperliche Leistung beeinträchtigen. Erkenntnisse über weitere motorische Leistungen unter dem Einfluss von Alters- und Geschlechterstereotypen liegen noch nicht vor. Tests zum motorischen Lernen nach der Aktivierung von Altersstereotypen mit Primingverfahren könnten hier aufschlussreiche Ergebnisse liefern. Die Ergebnisse könnten zum Beispiel bei der Gestaltung von Sportangeboten, bei Gebrauchsanweisungen und in der Kommunikation mit Älteren genutzt werden. Auch das Bewältigen von körperlichen Leistungseinbußen könnte durch den Abbau von altersbezogenen Vorurteilen gegenüber sich selbst und anderen gefördert werden.

AutorInnen

Facebook