Erkennen von Verwandtschaft zu sich Selbst und bei Anderen

Inwieweit können Menschen Verwandtschaftsbeziehungen erkennen? Wir vertrauen unbekannten Gesichtern eher, wenn diese uns selbst ähnlich sehen, und neuere Forschung zeigt, wie wir Verwandtschaft auch zwischen zwei unbekannten anderen Menschen (z. B. Geschwistern) erkennen können. Der Beitrag analysiert Signale und Mechanismen, die diese Fähigkeit ermöglichen, und bezieht sie auf weitere Aspekte der spontanen Eindrucksbildung über andere Menschen und des Verstehens Anderer.

“Du siehst deiner Schwester wirklich ähnlich”. “Ich habe meinen Bruder am Telefon mit meinem Vater verwechselt”. Klingen diese Aussagen für Sie bekannt? Aus unserer Erfahrung erwarten wir, dass Mitglieder einer Familie ähnliche Gesichter oder Stimmen haben, und dass wir Verwandtschaftsbeziehungen irgendwie visuell oder akustisch erkennen können. Das Erkennen von Verwandtschaft (Englisch kinship recognition) ist bei verschiedenen Tierarten bekannt. Verwandtschaft bedeutet für Menschen aber viel mehr – sie stellt ein wichtiges organisierendes Merkmal von Gesellschaften dar. Das Erkennen von engen und entfernten Verwandtschaftsbeziehungen kann uns helfen, andere besser zu verstehen, die eigene Identität in der Gemeinschaft zu finden oder erfolgreiche Kooperationen zu entwickeln. Trotz seiner Bedeutung weiß man bis heute aber recht wenig über die Mechanismen, Signale, oder Konsequenzen des Erkennens von Verwandtschaft. Wie erkennen wir genetische Verwandtschaft von Menschen in Gesichtern oder Stimmen?

Ein wichtiger Aspekt für das Erkennen von Verwandtschaft ist das Erkennen der Ähnlichkeit zu sich selbst (im Folgenden kurz: Selbstähnlichkeit). Die Wahrnehmung genetischer Verwandtschaft zwischen sich selbst und Anderen ist entscheidend für das soziale, elterliche oder sexuelle Verhalten. Um zu erforschen, wie Menschen Selbstähnlichkeit bei Gesichtern wahrnehmen, benutzen viele WissenschaftlerInnen digitale Mischungen (sogenannte Morphs) von Gesichtern (Bild 1). Menschen beurteilten Morphs zwischen einem fremden, unbekannten Gesicht und dem eigenen Gesicht als attraktiver und vertrauenswürdiger, verglichen mit einem Morph zwischen zwei fremden Gesichtern (DeBruine, 2002, 2004). Vor dem Hintergrund zahlreicher Befunde, nach denen Frauen Männern in vielen anderen Aspekten der sozialen Wahrnehmung tendenziell überlegen sind, ist es bemerkenswert, dass einige Studien darauf hinweisen, dass Männer Selbstähnlichkeit besser wahrnehmen können als Frauen. Diese Geschlechtsunterschiede fanden sich auch in neurowissenschaftlichen Studien, die berichten, dass selbstähnliche Gesichter Aktivierungen in einer Reihe von Gehirnregionen auslösten, unter anderem im rechten vorderen Gyrus cinguli – einem Areal, das mit Inhibition (Hemmung) in Verbindung gebracht wird (Platek & Kemp, 2009). Aufgrund der unsicheren Vaterschaft (“pater semper incertus est”; Lateinisch für „der Vater ist immer ungewiss“) könnte es für Männer evolutionär wichtiger sein, Verwandtschaft erkennen zu können. Diese Befunde könnten darauf hindeuten, dass die Selbstähnlichkeit eines Gesichts die wahrgenommene Unsicherheit über die Verwandtschaft insbesondere bei Männern hemmt. Die neuronale Verarbeitung von Gesichtern verwandter Personen scheint zudem der Verarbeitung des eigenen Gesichts ähnlicher zu sein als der Verarbeitung eines bekannten Gesichts einer (nicht verwandten) befreundeten Person. Dies könnte dafür sprechen, dass das Erkennen von Verwandtschaft neuronal über Selbstähnlichkeit (die Verarbeitung von zu sich Selbst referenzierten phänotypischen Merkmalen) kodiert wird (Platek et al., 2004).

Bild 1: Beispielhafte Illustration eines eigenen Gesichts (links, Person A, Alter 20 Jahre) und eines unbekannten Gesichts desselben Geschlechts und vergleichbaren Alters (rechts; Person B, Alter 21 Jahre), und eines Morphs zwischen diesen beiden Gesichtern (Mitte), der in diesem Beispiel 40 % von Person A und 60 % von Person B enthält.Bild 1: Beispielhafte Illustration eines eigenen Gesichts (links, Person A, Alter 20 Jahre) und eines unbekannten Gesichts desselben Geschlechts und vergleichbaren Alters (rechts; Person B, Alter 21 Jahre), und eines Morphs zwischen diesen beiden Gesichtern (Mitte), der in diesem Beispiel 40 % von Person A und 60 % von Person B enthält.

Der Geruchssinn dürfte für die Verwandtschaftserkennung ebenfalls wichtig sein: Versuchspersonen konnten beispielsweise ihre gleichgeschlechtlichen Geschwister besser am Geruch erkennen als enge Freunde. Zudem zeigten sich im Gehirn der Versuchspersonen Aktivierungsunterschiede zwischen Geschwistern und Freunden unabhängig von einer bewussten Identifikation ihrer Geschwister. Dies könnte darauf hinweisen, dass die olfaktorische Verwandtschaftserkennung weitgehend unbewusst abläuft, und dass die Verwandtschaftserkennung vermutlich eine in der Evolution alte und grundlegende soziobiologische Funktion hat (Lundström et al., 2009).

Was die Erkennung von Stimmen angeht, zeigen Tierstudien, dass bestimmte Affenarten wie Mandrille den Stimmen genetisch verwandter Artgenossen mehr Aufmerksamkeit zuwenden, unabhängig davon ob sie diese Stimmen kennen oder nicht (Levrero et al., 2015). Singvögel zeigen gegenüber Stimmen nicht verwandter Vögel stärkere Aggressionen. Dies weist darauf hin, dass sie verwandte von nicht verwandten Artgenossen an der Singstimme unterscheiden können (Akçay et al., 2013). Vergleichbaren Studien mit menschlichen Stimmen existieren bisher nicht, die Tierstudien lassen aber vermuten, dass die Evolution wahrscheinlich auch beim Menschen ein ausgefeiltes System nonverbaler auditorischer Kommunikation hervorgebracht hat (Frühholz & Schweinberger, 2021), welches auch eine effiziente auditorische Verwandtschaftserkennung ermöglichen sollte. Unsere derzeitige Forschung beschäftigt sich damit, ob und wie Menschen Selbstähnlichkeit und Verwandtschaft bei Stimmen erkennen können.

Über die Erkennung von Selbstähnlichkeit hinausgehend ist auch das Erkennen von Verwandtschaft zwischen fremden Personen wichtig für das Verstehen anderer im Kontext sozialer Beziehungen. Verschiedene Arbeiten zeigen, dass Menschen überzufällig gut erkennen, ob zwei Porträtfotos fremder Menschen Geschwister oder aber nicht verwandte Personen zeigen (Dal Martello et al., 2006). In dieser Studie wurden jungen erwachsenen ProbandInnen jeweils Paare von Gesichtern am Computer gezeigt, von denen die Hälfte zwei Geschwister und die andere Hälfte zwei nicht verwandte Personen mit vergleichbarem Altersunterschied zeigten. Die ProbandInnen waren vorher informiert worden, dass die Hälfte der Paare genetische Geschwister zeigten. Sie sollten für jedes Paar entscheiden, ob es Geschwister zeigte oder nicht. Im Mittel lagen die ProbandInnen bei über 70 % der Paare, und damit deutlich über dem Zufallsniveau von 50 %, mit ihrer Einschätzung richtig. Menschliche Beobachter können auch Verwandtschaft zwischen Eltern und Kindern bei unbekannten Gesichtern (Kaminski et al., 2012) und sogar bei Gesichtern von Rhesusaffen erkennen (Kazem et al., 2018). Die Fähigkeit, Verwandtschaft zu erkennen, wurde bereits im Alter von fünf Jahren nachgewiesen, verbessert sich aber im weiteren Verlauf der Entwicklung noch (Dal Martello et al., 2015).Bild 2: Beispiele für Stimmen von zwei eineiigen weiblichen Zwillingen (a und b; Alter 21 Jahre) und einer nicht verwandten weiblichen Sprecherin ähnlichen Alters (c; Alter 19 Jahre). Die Beispiele zeigen den Schalldruckverlauf über die Zeit (oben) und ein Sprachspektrogramm (unten) der Äußerung „Bananen und Erdbeeren sind Obst“. Bitte beachten Sie die unterschiedliche Frequenzskalierung für das Sprachspektrogramm (links, und in schwarz) und die Frequenz der Grundfrequenzkontur (rechts, und in blau).Bild 2: Beispiele für Stimmen von zwei eineiigen weiblichen Zwillingen (a und b; Alter 21 Jahre) und einer nicht verwandten weiblichen Sprecherin ähnlichen Alters (c; Alter 19 Jahre). Die Beispiele zeigen den Schalldruckverlauf über die Zeit (oben) und ein Sprachspektrogramm (unten) der Äußerung „Bananen und Erdbeeren sind Obst“. Bitte beachten Sie die unterschiedliche Frequenzskalierung für das Sprachspektrogramm (links, und in schwarz) und die Frequenz der Grundfrequenzkontur (rechts, und in blau).

Das Erkennen von Verwandtschaft in Gesichtern dürfte sich zum Großteil aus der Ähnlichkeit zwischen Gesichtern erklären lassen: In einer Studie beurteilte eine ProbandInnengruppe die genetische Verwandtschaft von Gesichterpaaren; eine zweite ProbandInnengruppe sollte die Ähnlichkeit der Gesichter einschätzen und war nicht darüber informiert, dass manche der Paare Geschwister zeigten. Die wahrgenommene Ähnlichkeit der Gesichter in der zweiten Gruppe korrelierte dabei bemerkenswert gut mit der tatsächlichen Verwandtschaft, und mit der Wahrscheinlichkeit, mit der die erste Gruppe ein Gesichterpaar als verwandt einschätzte (Maloney & Dal Martello, 2006). Um erstmals zu untersuchen, inwieweit Menschen auch genetische Verwandtschaft auf der Basis unbekannter Stimmen erkennen können, haben wir aktuell begonnen, eine Datenbank von Stimmen von Zwillingen und Geschwistern zu erstellen (Bild 2). 

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