„Verstehst Du mich noch?“ – Empathie in videovermittelten Interaktionen

In Pandemiezeiten müssen viele Interaktionen wie Arztgespräche und Arbeitstreffen, aber auch Unterhaltungen mit FreundInnen, virtuell stattfinden. Aber was macht das mit unserem Verständnis für die andere Person? Können wir die Gefühle unseres Gegenübers genauso gut einschätzen, wenn wir es über ein Video sehen? Spannende erste Studien zu diesen Fragen lassen vermuten, dass die veränderte Unmittelbarkeit und Nähe im virtuellen Kontakt für unser Mitgefühl eine Rolle spielen.

Seit dem Ausbruch der SARS-COV-2- Pandemie im Jahr 2020 finden zur Verringerung der Ansteckungsgefahr viele Kontakte, seien es Gespräche mit nahestehenden Personen, KollegInnen oder sogar medizinische Sprechstunden und Therapiegespräche über Telefon oder Online-Videotelefoniedienste statt. Seitdem hören wir häufiger Sätze wie: „Dein Ton klingt ganz komisch, ich kann dich nicht verstehen!“, was schon darauf hindeutet, dass unser Verständnis für Andere in einem Videogespräch eingeschränkt sein könnte. Im alltäglichen Miteinander spielen Mitgefühl und Verständnis und breiter gefasst Empathie aber eine große Rolle. Daran könnte es auch liegen, dass trotz der Beliebtheit von Videotelefonie auch für private Kontakte viele NutzerInnen deutliche subjektive Unterschiede zum persönlichen Kontakt berichten: der Online-Kontakt sei anstrengender, weniger belohnend und weniger nah (Wnuk, 2020). Auch viele PsychotherapeutInnen sind skeptisch, ob Videotherapie die persönliche Therapie ersetzen kann (Simpson et al., 2020).

In der Psychologie wird Empathie beschrieben als das Verstehen und Nachempfinden der Gefühle, Gedanken und Sichtweisen Anderer. Dabei wird häufig zwischen zwei sich ergänzenden Zugängen zum Erleben anderer unterschieden, der affektiven (die Gefühle betreffenden) Empathie und der kognitiven (gedanklichen) Empathie. Die affektive Empathie beschreibt das eigene Mitfühlen mit der anderen Person, welches oft mit einem „Spiegeln“ der beobachteten Gefühle einhergeht. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass wir den Gesichtsausdruck der anderen Person nachahmen und darin, dass bei uns ähnliche Hirnareale aktiv sind, wie wenn wir selbst gerade das entsprechende Gefühl erleben würden. Mit kognitiver Empathie wiederum werden Prozesse beschrieben, bei denen wir uns bewusst gedanklich in die andere Person hineinversetzen und versuchen, ihre Perspektive einzunehmen, ohne zwangsläufig ihre Gefühle mitzuerleben. Im Alltag treten affektive und kognitive Empathie häufig gemeinsam auf und beeinflussen sich gegenseitig. So kann das Hineinversetzen in die Gedanken einer anderen Person dazu führen, dass auch ein Miterleben der Gefühle ausgelöst wird (Weisz & Cikara, 2021). Um zu verstehen, wie sich Empathie in einem Videogespräch von einem persönlichen Gespräch unterscheiden könnte, werden wir drei Unterschiede zwischen diesen beiden Situationen genauer beleuchten, nämlich die körperliche Anwesenheit, die soziale Präsenz und die geteilte räumliche Umgebung.

Bild 1: Um empathisch zu sein, müssen wir uns vorstellen, wie sich das Erlebnis der anderen Person angefühlt hat.Bild 1: Um empathisch zu sein, müssen wir uns vorstellen, wie sich das Erlebnis der anderen Person angefühlt hat.

Was macht es für einen Unterschied, wenn die andere Person nicht körperlich anwesend ist?

Der erste und offensichtlichste Unterschied ist, dass die andere Person nur im direkten Kontakt physisch anwesend ist. Der Einfluss der bloßen Anwesenheit einer anderen Person auf gedankliche Prozesse wurde in klassischen Studien der (Sozial-) Psychologie untersucht. Diese Experimente legten nahe, dass die Anwesenheit anderer Personen die empfundene und körperliche Aufregung erhöhen kann (beispielsweise schnellerer Herzschlag, höherer Blutdruck). Allerdings wurde in diesen Studien meistens die vollständige Abwesenheit mit der Anwesenheit von anderen Personen verglichen (Bond & Titus, 1983). Daher ist unklar, ob die Aufregung durch die physische Anwesenheit der anderen Personen erhöht war, oder dadurch, dass den Versuchspersonen bewusst war, dass sie von anderen beobachtet und möglicherweise beurteilt werden.

Eine neue Studie spricht dafür, dass nicht die physische Nähe, sondern eher das Bewusstsein, von der anderen Person gesehen zu werden, die körperliche Aufregung erhöht (Hietanen et al., 2020). Auch im Online-Kontakt wissen wir, dass andere uns sehen können, daher sollte die körperliche Aufregung auch im Online-Kontakt erhöht sein und dass allein unsere Empathie im Vergleich zum direkten Kontakt nicht verändern.

Wie wirkt sich veränderte soziale Präsenz in einem Videogespräch auf unsere Empathie aus?

Wenn es nicht die physische Präsenz ist, verändert vielleicht die sogenannte soziale Präsenz unsere Empathie. In der Fachliteratur gibt es unterschiedliche Definitionen für soziale Präsenz. Eine einflussreiche Definition beschreibt sie als die Bedeutsamkeit und Auffälligkeit der anderen Person in einem Kontakt, und damit die Wichtigkeit der sozialen Beziehung in dem Kontakt (siehe Cui et al., 2013).  Beispielsweise ist die soziale Beziehung in einem Gespräch mit guten Freunden wichtiger, und damit die soziale Präsenz höher, als bei einem Verkaufsgespräch an der Supermarktkasse. Es wird angenommen, dass bei einem Austausch, der beispielsweise über Videotelefonie vermittelt wird, diese soziale Präsenz verändert ist (Cui et al., 2013). In den Kommunikationswissenschaften wird häufig zwischen zwei Teilaspekten von sozialer Präsenz unterschieden. Diese sind einmal die Unmittelbarkeit (immediacy) des Austauschs, und zweitens die Intimität (intimacy). Die Unmittelbarkeit Bild 2: Unmittelbarkeit und Intimität sind zwei Dimensionen von sozialer Präsenz.Bild 2: Unmittelbarkeit und Intimität sind zwei Dimensionen von sozialer Präsenz.des Austauschs entsteht durch die Möglichkeit, kommunikative Signale direkt (zeitlich und räumlich) an den Gesprächspartner zu richten. Die Intimität wird durch eine höhere Anzahl an verfügbaren Kommunikationskanälen (visuelle, auditive, sprachliche und nicht-sprachliche Signale, etc.), sowie durch größere physische und inhaltliche Nähe der KommunikationspartnerInnen gesteigert (Cui et al., 2013).

Die Unmittelbarkeit ist in einem Videogespräch immer noch hoch, da die Daten der anderen Person fast in Echtzeit übermittelt werden und so ein unmittelbar aufeinanderfolgender Austausch möglich ist. Bei einem E-Mail-Kontakt zum Beispiel wäre die Unmittelbarkeit deutlich niedriger. Allerdings ist ein bestimmter Aspekt von direktem Austausch in Videokontakten eingeschränkt, nämlich der direkte Blickkontakt. Da die Kamera notwendigerweise nicht auf Höhe der Augen der anderen Person installiert ist, sondern meistens über dem Bildschirm, ist direkter Blickkontakt schwierig. Obwohl einem dies vielleicht nicht einmal bewusst auffällt, zeigen viele Studien einen erheblichen Unterschied zwischen direktem und indirekten Blickkontakt. So konnte unter anderem gezeigt werden, dass emotionale Gesichtsausdrücke anders eingeschätzt wurden, wenn der Gesichtsausdruck leicht vom Betrachter abgewendet war, das heißt, ein Aspekt der kognitiven Empathie war verändert (Adams & Kleck, 2005). Zusätzlich konnte in neurowissenschaftlichen Studien gezeigt werden, dass bei der Beobachtung von Bewegungen und Gesichtsausdrücken der Teil des Gehirns aktiv ist, der normalerweise auch aktiv ist, wenn wir selbst diese Bewegungen ausführen. Unser Gehirn „simuliert“ sozusagen, was die andere Person gerade macht. Es wird vermutet, dass dies uns hilft, die andere Person besser zu verstehen, da die Simulation das Miterleben, also die affektive Empathie ermöglicht. Genau diese Simulation scheint sowohl für Bewegungen als auch für Gesichtsausdrücke abgeschwächt zu sein, wenn die beobachtete Person uns nicht direkt in die Augen schaut. Das heißt, auch auf Ebene der Gehirnaktivität könnte unser Mitfühlen mit unserem Gegenüber in einem Videokontakt mit leicht verzerrter Darstellung der Blickrichtung schwächer sein (Ensenberg et al., 2017; Prinsen & Alaerts, 2019). Dies könnte dazu führen, dass wir die Gefühle in den Gesichtsausdrücken unseres Gegenübers schlechter erkennen und sie als weniger relevant für uns einstufen, vor allem, wenn diese nur schwach ausgeprägt sind. Ob dies wirklich so ist, wurde allerdings wissenschaftlich noch nicht untersucht. 

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